Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr B

Chrónos und Kairós: Zweierlei für uns geschaffene Zeit

Gedanken zum zwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


Beim Kernsatz der zweiten Lesung wird der Nachteil spürbar, daß wir auf Übersetzungen angewiesen sind. Er verwandelt sich jedoch in einen Vorteil, sobald wir durch den Vergleich unterschiedlicher Übersetzungen den genauen Sinn vielleicht sogar deutlicher erfassen können als viele damals, die beim Vernehmen der ihnen geläufigen Worte gar nicht merkten, welche aufrüttelnde Botschaft sie enthalten. "Nutzt die Zeit, denn diese Tage sind böse", wird uns im Gottesdienst aus dem Epheserbrief vorgelesen. "Nutzt die Zeit", das klingt gut bürgerlich, ist ein Hauptsatz moderner Manager-Schulung. Dank ausgefuchster Zeitplanbücher kriegt der Strebsame seine Zeit - die nicht seine sondern die der Firma ist - mehr und mehr in den Griff, bis jede Viertelstunde verplant, auf Neben-, Zwischen- und Hauptziele verteilt ist.

Erstaunlicherweise scheint die Bibel gerade ein solch berechnendes Verhältnis zur Zeit zu meinen; denn die Übersetzung "Nutzt die Zeit" ist ungenau. "Das griechische Wort meint: die Zeit ‚auskaufen', wie ein Kaufmann mit ihr umgehen; das heißt: Zeit gewinnen! Und was heißt das anderes als: ewiges Leben gewinnen?" Kann es denn aber sein, daß Menschen, die in Gottes Heil leben, gleichfalls kapitalistisch zeitsüchtig sind? Hat Christus uns nicht zur Freiheit befreit, erlöst aus der Sklaverei der Zeit?

Anders wurde der Satz in meinem Meßbüchlein von 1970 übersetzt: "Nutzt den rechten Augenblick, denn das Böse beherrscht die Zeit." Dabei hat der Schreiber vermutlich an den doppelten Zeitbegriff der Griechen gedacht. Wo wir "Zeit" sagen (oder "time"; auf Französisch und Spanisch heißt das Wort gar auch noch "Wetter"!), unterschieden die Griechen zwischen chrónos und kairós. Kronos ist die quantitativ meßbare Zeit, die in unaufhaltsamem Gleichlauf alles sofort wieder verschlingt, was sie hervorbringt; kairós ist die rechte Zeit, wenn - bei gutem "timing" - etwas dran, "an der Zeit" ist.

In unserem Satz ist nicht von chrónos sondern von kairós die Rede. Er heißt also gerade nicht: Macht alle Mengen an Zeit, die ihr habt, zur Ware und verkauft sie günstig dem Meistbietenden. Nicht so gelten die Marktgesetze im Himmelreich, nicht um Zeitmengen geht es sondern um Zeitqualitäten, besondere Zeiten. Nicht den Verkäufer von Arbeits- oder Anwesenheitsstunden nimmt der biblische Verfasser zum Gleichnis, vielmehr den klugen Marktteilnehmer, der die rechte Gelegenheit wahrnimmt und "beim Schopfe packt" - "recht-zeitig", bevor die launische Fortuna ihr schöngelocktes Antlitz wieder abgewandt hat und sein Griff an ihrer Glatze keinen Halt mehr findet. "Achtet sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht töricht sondern klug."

Der Gegensatz chrónos / kairós ist ähnlich schmiegsam wie der von Materie und Form: Ein Wassermolekül hat Wasserstoff- und Sauerstoffatome als seine Materie, Wasser ist ein materieller Bestandteil der lebendigen Zelle, viele Zellen werden zu den Organen Herz und Lunge geformt, die zusammen mit vielen anderen meinen animalischen Leib bilden, der seinerseits der ihn überformenden selbstbewußten Seele als Materie dient.

Auch der Unterschied von chrónos und kairós paßt sich verschiedenen Sinnstufen an. Auf der untersten Stufe mögen auf eine Flugzeugverspätung er und sie verschieden reagieren: Der superpünktliche Chrónos-Typ ärgert sich über die leeren vier Stunden, die er nutzlos verwarten muß; die kairós-Begeisterte freut sich über die Chance, im schönen Café einer fremden Stadt neue Eindrücke zu sammeln. Vom Blickpunkt einer engagierten Wissenschaftlerin aus treiben beide nur chronisches Allotria, während sie, eben einer Entdeckung auf der Spur, ihren kairós ergreift. Der allerdings - nach dem Urteil eines Missionars - auch nichts weiter als eine gleichgültige Welle auf dem Meer der Chrónos-Zeit ist, er hingegen nutzt als Mitarbeiter des Gottes der Heilsgeschichte einen ewig gültigen wahren kairós. Das sieht die Mystikerin anders. Ihr gehört auch die Geschichte der Religionen noch zu der Zeit, die es letztlich "nicht macht". Was macht es? Der wahre kairós ist allein das ewige JETZT selbst, das in jedem Augenblick auf unsere Achtsamkeit wartet, geistlich recht ergriffen sein will. Kann die mystische Seele dem gestreßten Manager in der Flugplatzhalle dazu durch ein solidarisches Lächeln helfen? Dann ist auch er für den Augenblick von seinem bösen Tag erlöst.

Denken wir uns die Rangordnung von chrónos und kairós nicht zu simpel. Beide Zeit-Weisen sind von Gott zu unserem Heil geschaffen. Wer immer nur auf eine gute Gelegenheit wartet, versäumt das Gute in jedem verstreichenden Moment; wer sich nicht achtsam auf das Eigentliche ausspannt, versäumt leicht den einen Augenblick, auf den es ankommt. "Kauft den kairós aus!" mahnt zu möglichst dauernder seelischer Spannung. Gottes Augen-Blick trifft uns zu jeder Zeit. Nicht so, wie man es die Kinder früher lehrte: "Gott sieht's, Gott hört's, Gott straft's." Gesehen zu werden vom Blick des Fremden, den ich nicht sehen kann: das ist laut Sartre die Definition der Schande; sie gelte es durch mutige Gottlosigkeit loszuwerden. Besser - glauben wir - durch das christliche Vertrauen, daß Gott die LIEBE ist. Denn innerhalb der Liebe ist dein Blick nicht meine Schande sondern mein Glück.

Was auch immer geschehe: Sooft ich mir dieses unendlichen Blicks wieder bewußt werde, bin ich der bösen, bloß vergehenden Zeit entrissen und neu mit ihrer Fülle beschenkt, chrónos und kairós sind eins geworden. Es ist so, als stünde ich vor dem Schaufenster eines Uhrenladens voller Chronometer. Eine der Uhren gleicht einem menschlichen Gesicht. Während ich sie betrachte, trifft mich ein Blitz: Das ist kein Ding, aus diesen Augen schaut JEMAND mich an! Und ich vertraue: das Schild im Laden ("Komm herein und verwandle deine Zeit in kostbare Freude!") meint JETZT genau mich. Und finde, eintretend, den stets gesuchten Freund.


Zum Weiterdenken:

Die Zeit ‚auskaufen': So verdeutlicht der Bibelwissenschaftler Rudolf Pesch (Die Feier des Sonntags ... Lesejahr B, Bad Tölz 2002, S. 165).

Doppelter Zeitbegriff der Griechen: Der protestantische Theologe Paul Tillich (1886-1965) erklärt ihn so: Kairos is one of two words created by the Greeks to designate time. The other is Chronos. While Chronos designates the continuous flux of time, Kairos points out a significant moment of time. Chronos points to the measurable side of the temporal process -- clock-time -- which is determined by the regular movements of the stars -- especially the movement of the earth around the sun. Kairos points to unique moments in the temporal process -- moments in which something unique can happen or be accomplished.
In the English word 'timing', something of the experience which underlies the term Kairos is preserved. 'Timing' means doing something at the right time. One can formulate the differences between Chronos and Kairos by saying that Chronos brings out the quantitative, calculable, repetitive elements of the temporal process while Kairos emphasises the qualitative, experiential, unique element.

Flugzeugverspätung: Nach chronos und kairos gefragt, findet Google viel. Die kleine Szene stammt von Fernando Henrique da Silveira Neto.

Superpünktlich: Vom Vater zu strenger Pünktlichkeit gedrillt, stehe ich während eines Gesprächs zu dritt plötzlich auf. Sie fragt: Was ist los? - Ich habe mit B ausgemacht, daß ich um fünf Uhr vorbeischaue. - Ruf ihn an, daß du jetzt nicht kannst. - Er hat kein Telefon. - Geht's da um Wichtiges? - Nein, überhaupt nicht. Aber ich muß pünktlich sein. - Unsinn, du weißt genau, daß unser Gespräch hier für A viel wichtiger ist als dieser Besuch. - Sicher. Aber ich muß doch pünktlich sein. - WARUM?
Das war der Durchbruch. Kein Grund fiel mir ein, außer daß mein Vater mir diese Tugend als absolut verbindlich eingebleut hatte. An jenem Nachmittag merkte ich, daß die Chrónos-Pünktlichkeit dann nicht Tugend sondern Laster ist, wenn der kairós anderes fordert.

JETZT

Sartre


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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