Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr B

Gottes Friede besiegt die doppelte Spaltung.

Gedanken zum siebzehnten Sonntag im Jahreskreis


Ist die katholische Kirche schon wieder dabei, sich zu spalten? Nachdem sie gleich zu Beginn die Judenchristen verlor, vor tausend Jahren die orthodoxe Ostkirche, vor fünfhundert die Protestanten: sind jetzt die Ökumeniker dran? Solche, die auch liturgisch Ernst machen damit, daß die Einheit der Kirche wirklicher ist als die Spaltungen der Christen? Aus ihrem Beruf geworfen wurden die beiden Priester, die beim Berliner Kirchentag öffentlich eucharistische Gastfreundschaft praktizierten - Gotthold Hasenhüttl einladend, Bernhard Kroll die Einladung annehmend. Das ist ein böses Zeichen. Denn hinter den beiden stehen Millionen der gläubigsten, treuesten Katholiken, nicht zu reden von den anderen, die - traurig oder schadenfroh - der innerkirchlichen Zerfleischung von außen zusehen.

Läßt der Riß sich noch flicken? Besser gefragt (denn es geht um Lebendiges): Kann die Wunde sich wieder schließen, bevor sie für den einen Teil tödlich wird und der andere zur rückwärtsgewandten Großsekte verkümmert?

In der zweiten Lesung des kommenden Sonntags werden wir von Gottes Wort ermahnt: "Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe, und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, der euch zusammenhält. Ein Leib und ein Geist, wie euch durch eure Berufung auch eine gemeinsame Hoffnung gegeben ist; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist" (Eph 4,2-6).

Ernste Worte. Mit Recht verdeutlicht der Kommentar meines Meßbüchleins von 1970: "Wo die Einheit der Gemeinde zerstört wird, geht auch die Gemeinschaft mit Christus verloren. Diese Einheit ist eine beständige Aufgabe für alle Glieder der Gemeinde. Nur eine geeinte Kirche kann das wahre Abbild des dreifaltigen Gottes sein und ein glaubwürdiges Zeugnis für die Liebe Gottes, die sich in Christus geoffenbart hat."

"Die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, der euch zusammenhält" - was kann das für die heutige Christenheit realistischerweise heißen? Die Trennmauern sind da, haben sich zum Teil seit Jahrhunderten aufgetürmt. Damit sie fallen, müßte entweder der Papst auf sein unbeschränktes Leitungsamt verzichten oder die Ostkirchen auf ihre Eigenständigkeit oder die Protestanten auf ihre evangelische Freiheit. Nur ein Irrer hielte eins davon für möglich. Haben mithin jene Christen recht, die das Ziel, "eine sichtbare und institutionelle Einheit der Kirchen herzustellen", ausdrücklich preisgeben? Klaus Berger [F.A.Z. v. 18.07.2003, S. 35] widerspricht ihnen scharf: "Der Verzicht auf eine sichtbare Einheit der Kirchen und die Ansiedelung der Einheit im Unsichtbaren ist daher für jeden Anhänger des Neuen Testaments unerträglich."

Was bleibt Christen da zu denken und zu wollen? Nur Resignation, weil das einzig erlaubte Ziel offenkundig unerreichbar ist? So sieht es aus, solange wir die Begriffe "Einheit" und "Trennung" allzu simpel-natürlich verstehen, "nach dem Fleisch" hätte Paulus gesagt. Ein Stück Papier ist entweder eins oder zertrennt. Schon bei einer Familie ist es nicht mehr so klar. Ist eine streitende Erbengemeinschaft eins oder gespalten? Je nachdem. "Im Grunde" mag man einander, an der Oberfläche fliegen die Fetzen.

Verlangt ist "die Einheit des Geistes". Sie darf aber nicht bloß innerlich-geistig sein, nur "im Unsichtbaren angesiedelt". Ist bei der gegenwärtigen Verfassung der Christenheit eine sichtbare Einheit des Geistes denkbar?

Ja. Und sie vollzieht sich bereits - wenn die katholischen Bischöfe hören, "was der Geist den Gemeinden sagt", und ihm gehorchend die Absetzung der beiden Priester zurücknehmen. Andernfalls befänden wir uns mitten in der ersten Kirchenspaltung des dritten Jahrtausends. Vor bald fünfhundert Jahren hat Erasmus leidenschaftlich für die Einheit der Kirche gekämpft. Damals haben beide Seiten, seine Bitten in den Wind schlagend, ihr Spaltungswerk fortgeführt. Gebe Gott, daß die Verantwortlichen diesmal einsichtiger sind.

Weil es ganz ohne Vorstellung auch kein Verständnis gibt, scheint mir ein geometrisches, besser: "ekklesiometrisches" Gleichnis hilfreich. Wo steckt bei unserer Frage der Fehler der üblichen Theo-Logik? Man denkt die sichtbare Einheit eindimensional: Einheit ist da, wo die Kirche ihr geordnetes Leben vollzieht. Sie sei durch eine waagrechte Linie zwischen den zwei Punkten A und B dargestellt [Bild - dessen Erklärung]: Sobald die Strecke AB an einem Punkt T (wie Teilung) in zwei Strecken AT und TB zerfällt, ist die Einheit weg. Rechts TB bedeute die katholische Kirche, links AT die reformatorische Christenheit. Nach der Spaltung feiert jeder Teil nur mehr getrennt vom andern Eucharistie.

Was ereignete sich am Himmelfahrtstag 2003 in der Gethsemani-Kirche (ich war dort)? War der Trennpunkt T abgeschafft? Keineswegs, er war allen schmerzlich bewußt. Auf der Waagrechten geschah nichts als eine katholische Eucharistiefeier, bei der auch Nicht-Katholiken zum gemeinsamen Mahl eingeladen waren (wie es auch der verstorbene Papst gehalten haben soll, als in seiner Kapelle der Anglikaner Tony Blair mitfeierte). Aber "die Einheit des Geistes" schaffte sich ihre notwendige Sichtbarkeit in einer anderen Dimension. Senkrecht über dem Punkt T stand, allen geistlich wahrnehmbar, eine andere Linie: die ökumenische Realität TC. In ihr vollzog sich an jenem vorpfingstlichen Abend sichtbar die tiefe Einheit der versammelten katholischen und evangelischen Christen - wer nicht dabei war, leugne sie nicht sondern ehre das Wirken des Heiligen Geistes mindestens durch Schweigen. Verstoße aber nicht - ich beschwöre den Bischof von Trier - sein menschliches Werkzeug aus der katholischen Gemeinschaft.

Zustimmung zu der gemeinsamen Aktion wird vom Bischof nicht verlangt. Denn es gilt nicht nur die ökumenische Wahrheit. Es gibt auch die konfessionelle! Die gleich wichtige Verlängerung von CT nach unten heiße TD. Jetzt sind wir beim Kern meines Vorschlags. Der Trennpunkt T begründet zweierlei Spaltungen: waagrecht die konfessionelle zweier Institutionen (für uns jetzt: evangelisch / katholisch), senkrecht den Meta-Gegensatz konfessionell / ökumenisch.

Auch bei ihm sind beide Pole gleichberechtigt notwendig. Einheitlich ist ein Kaninchen nur als Haschee. Solange es lebt, besteht es aus gegensätzlichen Organen. Das ist ein Gleichnis für die "versöhnte Verschiedenheit" der Christen. Zur Gesundheit des Leibes Christi braucht es nicht nur die ökumenischen Brückenzellen zwischen seinen Sinn-Organen sondern ebenso die konfessionellen Grenzzellen je an deren Rändern, die dafür sorgen, daß es nicht zu üblen Programm-Mischungen kommt. Schmisse dein Magen hinaus, was erst der Niere zusteht, würde dir schlecht. Ökumenischer Eifer wäre als einzige Regel nicht minder gefährlich als konfessionelle Sturheit.

Angenommen, die FAZ-Redakteurin Heike Schmoll, die als protestantische Kämpferin die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre in Deutschland so gut wie erledigt hat, hätte mit Kardinal Ratzinger zusammen freundschaftlich Tee getrunken: dann wäre dieses "agreement to disagree" nur inhaltlich (was die Wirkung in der Waagrechten angeht) anti-ökumenisch, spirituell hingegen ebenfalls eine - wenngleich paradox - sichtbare Weise christlicher Einheit. Beide Glaubende sind sich nämlich zurecht einig, daß Gottes Geist in einem bestimmten Punkt nicht verschwommene Uniformität fordert sondern klares Profil.

Befreiend an dieser anspruchsvollen Vision kirchlicher Einheit scheint mir: Wir dürfen, müssen hoffen, daß eine göttlich gewirkte Einheit in jeder der beiden Dimensionen die bloß weltlich-reale Spaltung in der anderen überstrahlt. "Wo die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden" (Röm 5,20). Im Licht dieses christlichen Grundprinzips sind wir Christen aus beiden Kirchenspaltungen (der senkrechten quer durch die Konfessionen, der waagrechten zwischen ihnen) dank Gottes Gnade letztlich schon erlöst:

Katholische Ökumeniker und Konfessionalisten versammeln sich, erstens, sichtbar einträchtig um den katholischen Altar, evangelische ebenso um den ihren. So wird die vertikale ideologische Trennung waagrecht sakramental überwunden. Ebenso wird, zweitens, die institutionell-waagrechte Spaltung der Konfessionen bei jeder friedlichen Begegnung in aktuell sichtbare Einheit gewandelt, verlaufe die (TD unten) ähnlich jener Teestunde in der Form gegenseitiger konfessioneller Achtung oder aber (TC oben) als ökumenische Feier des noch - oder schon wieder - Gemeinsamen, bis hin zur liturgischen Hochform eucharistischer Gastfreundschaft.

Ich glaube (und hoffe, es im christlichen Vollsinn zu tun), daß eben dies das uns heute vom Heiligen Geist angebotene und aufgetragene Modell der kirchlichen Einheit ist. Es funktioniert freilich nur, wenn das kirchliche Amt zuläßt, daß der vertikale Gegensatz zwischen Konfessionalisten und Ökumenikern in der horizontalen Gemeinschaft des je konfessionellen Sakraments sichtbar überwunden wird. Sollte z.B. Kardinal Lehmann sich hingegen prinzipiell weigern, aus der Hand seines römischen Mitstudenten Hasenhüttl den Leib des Herrn zu empfangen, dann trügen die deutschen Oberhirten Mitschuld auch an der nächsten Kirchenspaltung und hätten Grund, über die erste Lesung des letzten Sonntags zu erschrecken.

Nochmals: Die Bischöfe (als Repräsentanten von TD) müssen, können mit des Professors Tat (in TC) nicht offiziell einverstanden sein, nur bereit, sich eines solchen Urteils zu enthalten, das sie wegen dessen kat-holischer Liturgie zur Aufkündigung der katholischen Gemeinschaft (TB) mit ihm zwänge. Der genaue Blick auf wesensverschiedene Wirkrichtungen desselben Geistes scheint mir heute von uns Christen gefordert.


Zum Weiterdenken:

Die erste Lesung des letzten Sonntags: "Darum - so spricht der Herr, der Gott Israels, über die Hirten, die mein Volk weiden: Ihr habt meine Schafe zerstreut und versprengt und habt euch nicht um sie gekümmert. Jetzt ziehe ich euch zur Rechenschaft wegen eurer bösen Taten - Spruch des Herrn. Ich selbst aber sammle den Rest meiner Schafe aus allen Ländern, wohin ich sie versprengt habe. Ich bringe sie zurück auf ihre Weide; sie sollen fruchtbar sein und sich vermehren." (Jer 23,2f)


Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar, jetzt samt Nachtrag Mai 2006.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/eph-4-3.htm

Zurück zur Leitseite des neuen Predigtkorbes.

Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann