Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Emmaus: Grund der christlichen Mystik

Gedanken zum Ostermontag


»Wir aber hatten gehofft,« sagen auf dem Weg nach Emmaus die beiden Jünger zu dem Unbekannten an ihrer Seite. Wir kennen dieses Gefühl, um so schmerzlicher je älter wir sind. Wir hatten gehofft. Ein grimmiger Scherz sagt es deutlich: »Auch die Zukunft ist nicht mehr, was sie mal war.« Die Zukunft selbst ist in die Vergangenheit gesunken. Alles ist vorbei. Wie kommt es aber, dass jene beiden so blind sind für die Gegenwart des erlösten Lebens, die doch so siegreich bei ihnen ist? Im Evangelium wird der Grund uns so vorgelesen: »Sie waren wie mit Blindheit geschlagen.« Wörtlich heißt es: »Ihre Augen waren überwältigt.« Was ist das für eine Gewalt, die ihren Blick gefangen hält, so dass sie den Auferstandenen nicht erkennen, mithin trotz ihrer Verbundenheit mit Jesus noch keine Christen sind, obwohl Ostern sich schon ereignet hat?

Jetzt sind wir bei der entscheidenden Frage auch an uns selbst. Denn leider sind diese Emmaus-Jünger allzu oft wir. Wir machen es ebenso. »Wir hatten gehofft.« Ja, früher einmal, da hat die Zukunft uns geleuchtet. Was würde das Leben uns Großes bringen! Was für ein himmelhohes Glück würde aus dieser Verliebtheit wachsen, welch stolze Zufriedenheit würde die Dankbarkeit vieler für unsre Leistungen uns bescheren ... Was bleibt, wenn von solchen Träumen das meiste zerschäumt ist? Wir hatten gehofft.

Sooft Menschen sich so fühlen, sind gerade sie vom heutigen Evangelium gemeint. Keinen längst vergangenen Vorfall erzählt es, führt vielmehr uns vor, deren seelische Augen von einer üblen Macht vergewaltigt werden. Welche Macht ist das? Keine andere als der böse alte Zwang, stets bloß zurück oder nach vorn zu schauen, statt achtsam hier jetzt zu sein.

Verstehen wir das nicht falsch. Der Schöpfer will uns zeitlich. Aber nicht zeitverhaftet! Auch das Gewesene und das Künftige sind von DIR, DU unser Gott, zu unserer Freude geschaffen, weil endliche Wesen nicht alles zugleich erleben können. Doch gibt es zwei falsche Weisen und eine richtige, das zeitliche Auseinander zu leben. »Wir hatten gehofft«, das ist die eine falsche Weise. Statt heute da zu sein, verliert man sich zwanghaft in einem toten Gestern, das sogar schon das Morgen mitvernichtet hat.

Von der anderen falschen Weise wird überwältigt, wer sich von einem eingebildeten Morgen fesseln lässt (das angeblich auch jedes Gestern retten soll), sich etwa solcherart auf den Himmel freut, dass man haltlos auf irgendein an den Himmel projiziertes fremdes Freudenbild starrt, statt sorgsam den eigenen vielverschlungenen Erdenweg zu gehen, dessen DANN von oben erblickte Gesamtfigur deine wirkliche Himmelsgestalt sein wird - aber nur, wenn sie jetzt Stunde um Stunde treu gewirkt wird. Wechseln wir das Gleichnis: Nur die vom Chorsänger jetzt mühsam geübte Melodie (exakt dieselbe!) wird DANN beim Konzert doch ganz anders klingen. Wer sich aber von der Vorfreude aufs Konzert so überwältigen ließe, dass er das geduldige Üben vergäße, auch dessen Blickrichtung müsste sich von den Engeln einer anderen Ostergeschichte korrigieren lassen: »Was steht ihr da und schaut zum Himmel hinauf?« (Apg 1,11)! Nein: Seid gegen das Warten, lebt auch in diesem Spezialsinn eure »Gegenwart«!

Eine verschrobene Weise, beide Narreteien noch zu kombinieren, beschreibt Martin Walser in "Ein springender Brunnen" (1998): "Wahrscheinlich lebt man gar nicht, sondern wartet darauf, dass man bald leben werde; nachher, wenn alles vorbei ist, möchte man erfahren, wer man, solange man gewartet hat, gewesen ist".

Statt zwischen beiden üblichen Fehlweisen abzuwechseln oder sie gar zu koppeln, sollten wir von christlichen und anderen Mystikern die einzig wahre Weise lernen, mit der Zeit umzugehen: Vergangenheit und Zukunft sind jeweils nicht als projizierte Erinnerungs- oder Sehnsuchtsbilder zu entfremden, sondern nur als Dimensionen der einzigen Wirklichkeit zu leben: des uns je zum Präsent geschenkten und auf dem Präsentierteller zugemuteten »Praesens« des jetzigen Augenblicks. Zu ihm gehört seine genetische, historische und persönliche Vergangenheit ebenso wie die später folgende Zukunft seiner Wirkungen – unendlich wahrer als alles Zeitliche ist jedoch eines jeglichen JETZT ewige Herkunft (»vor der Erschaffung der Welt« wurden wir in Christus erwählt [Eph 1,4]) und Zukunft (»Ich bin die Auferstehung und das Leben« [Joh 11,25]), weil ER, der diese Wahrheit auch uns sagt, unerkannt aber selig geglaubt schon mit uns durchs Leben wandert – bis zum Großen Abend dem keine Nacht mehr folgt.


Zum Weiterdenken:

Den Impuls zu dieser Predigt verdanke ich folgendem Emmaus-Text von Roland R. Ropers: »Hier haben wir es mit einer der faszinierendsten Textstellen im Neuen Testament zu tun, wo uns das mangelnde Bewusstsein des Menschen für die Gegenwart, für das achtsame Gegen-wärtigsein vor Augen geführt wird. Gegenwart ist gegen das Warten. Das oft propagierte Leben im Hier und Jetzt, zur rechten Zeit am rechten Ort, ist die Vereinigung aus Ver-gangenheit und Zukunft: das Präsens, die Gegenwart. Im Präsens ist der Mensch präsent und begreift sein Leben als Präsent, als Geschenk. Dies ist die Osterbotschaft der Auferstehung, die Zusage der Gotteserfahrung im Hier und Jetzt. Die Jünger, die Jesus auf dem Weg nach Emmaus begegneten, waren in ihren Gedankenprojektionen von Vergangenheit und Zukunft gefangen genommen, und sie erkannten ihren Meister aufgrund ihrer Geistes-Abwesenheit nicht. In dieser Not befindet sich ein Großteil unserer leidenden Weltbevölkerung.«

Dimensionen der einzigen Wirklichkeit: »Ich glaube, das JETZT ist die einzige "Zeit" Gottes UND des Menschen, auch wenn die Sinne vehement widersprechen und - so den Augenschein von Alter und Verfall zeitigen (müssen).« [Gabriele Kaufmann]

JETZT: Man muss die »Bibel in gerechter Sprache« nicht mögen, doch tut es gut, an einem alten - und im Kirchenchor so oft gesungenen - Glaubenstext hin und wieder durch andere Übersetzung neu leuchtende Facetten zu entdecken. Probieren Sie dieses Gebet, es wird sowohl dem jüdischen und muslimischen (wie christlichen!) Ein-Gott-Glauben gerechter, als auch der gleichberechtigten (»in Christus ist nicht mehr Mann noch Frau«, Gal 3,28) Würde eines jeden Erdenkindes, als auch der erfahrbaren Zartheit der »dritten« göttlichen Person (»Spiritus« kommt von »spirare«: atmen).

Ehre sei dem einen Gott
dem VATER dem KIND und der HEILIGEN ATMUNG
wie im Anfang so JETZT und alle Zeit und in Ewigkeit Amen

Wer dieses JETZT einmal ernst nimmt, dem verwandelt sich die Welt.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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