Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr B

Für eine goldene Mitte,
die nicht langweilig ist

Gedanken zum fünfundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


"Wo Eifersucht und Ehrgeiz herrschen, da gibt es Unordnung und böse Taten jeder Art. Doch die Weisheit von oben ist erstens heilig, sodann friedlich, freundlich, gehorsam, voll Erbarmen und reich an guten Früchten" (Jak 3,16). Ehrgeiz führt zu bösen Taten, sagt nicht nur die Bibel, der Zeitungsleser erfährt es jede Woche. Doch macht ein Kind, das keinerlei Ehrgeiz entwickelt, den Eltern wenig Freude. Jesus stellt im Evangelium den Jüngern, die allesamt gern der Größte wären, ein Kind als Vorbild hin, weil es inmitten von Erwachsenen keine Macht hat: "Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein." Deshalb ist "Diener der Diener Gottes" ein traditioneller Titel des Papstes. Allerdings wissen viele von ihm Bediente ein Lied davon zu singen, wie sehr solcher Dienst eher nach übermächtigender Herrschaft schmeckt, wenn ein Bistum etwa durch römischen Spruch einen Oberhirten zugewiesen erhält, den das dortige Christenvolk von sich aus nicht gewählt hätte.

Und was heißt "Ministerpräsident" wörtlich? Der von den Dienern, der ganz vorn sitzt - und also auf jeden Wink der Herrin hin als erster losspurten muß. Denken unsere Herren Oberdiener wenigstens manchmal daran?

Wie ist das Problemfeld Ehrgeiz - Größe - Erfolg christlich zu bewerten? Die Botschaft von Lesung und Evangelium scheint klar. Auf den Punkt bringt Jakobus es einige Sätze später: "Wißt ihr nicht, daß Freundschaft mit der Welt Feindschaft mit Gott ist? Wer also ein Freund der Welt sein will, der wird zum Feind Gottes" (4,4). Wie aber - ist die Welt nicht von Gott gemacht, zur Freude seiner Kinder? Nie vergesse ich den Rat eines weisen Benediktiners: "Gott hat die guten Dinge nicht nur für die Bösen geschaffen." Christliche Mönche waren es, die aus dem verwilderten Europa der Spätantike dank ihrem Motto "Ora et labora" [Bete und arbeite] einen Teppich blühender Landschaften gemacht haben. Wie ist es zu erklären, daß ausgerechnet die Franziskaner schon in der zweiten Generation das schönste aller Pariser Studienhäuser betrieben? Was umgekehrt aus einem Volk wird, dem man jeglichen Ehrgeiz austreibt, zeigt am erschütterndsten das Beispiel Kambodscha zwischen 1975 und 1979, als im Interesse totaler Gleichmacherei alle irgendwie Gebildeten totgeschlagen oder durch Zwangsarbeit ausgerottet wurden. Nein: "Keine Unterschiede machend [adiákritos]", dieses Lob unserer Lesung (4,17) für die Weisheit von oben ist höchst zweischneidig, wird nur dank klaren Unterscheidungen recht verstanden. In welchem Sinn macht die Weisheit von oben keine Unterschiede? In welchem Sinn ist "Gottes Weisheit vielbunt" (Eph 3,10), Ursprung all der Unterschiede, die unser Leben bereichern?

Aus der hohen Zeit griechischer Philosophie stammt die Vorstellung, alle Tüchtigkeit sei eine maßvolle goldene Mitte zwischen zwei üblen Extremen. Weder verschwenderisch noch geizig sollen wir sein, weder feig noch leichtsinnig, weder hektisch noch träg. Wie stellen wir es aber an, daß die goldene Mitte nicht selbst zum Extrem wird, zur äußerst langweiligen Bravheit des "juste milieu" der Spießbürger? "Mittelmäßig" zu werden - dieses öde Programm kann doch nicht gemeint sein.

Versuchen wir es wieder mit einem mathematischen Gleichnis. Nicht der tote Punkt oder eine kurze Strecke zwischen zwei Extremen ist die goldene Mitte, vielmehr deren gespanntes Gleichgewicht. Wenn sie und er auf einem Balken verliebt wippen, sollen beide gerade nicht zueinander in die Mitte rutschen! Je weiter auseinander, um so besser. Sobald ein Partner fällt oder abspringt, ist es auch um den anderen geschehen. Juste milieu, richtige Mitte meint also nicht die sinnlose Null als Resultat von erst plus a, dann minus a. Wenn gegensätzliche Werte (durch solche Subtraktion) einander vernichten, wurde das falsche Programm eingesetzt.

Dieser Fehler passiert häufig. Eine spanische Soziologin sieht in ihm einen Hauptgrund für die derzeitige Misere der Jugend: "Wir haben den jungen Leuten widersprüchliche Werte beigebracht, die ihnen eine große Verwirrung geschaffen haben. Einerseits sagen wir ihnen, sie müßten arbeiten und den Wettbewerb suchen, anderseits sprechen wir ihnen aber von Solidarität, Chancengleichheit ... Werten, die sie in der Realität nicht sehen."

Das sehe ich anders. Nicht das Beibringen widersprüchlicher Werte ist schuld, es ist vielmehr notwendig und das einzig Richtige. Falsch ist die kurzschlüssige Subtraktions-Beziehung, die in Ideologie-anfälligen Gemütern automatisch zwischen diesen Werten hergestellt wird: Stimmt der eine, müsse der andere falsch sein. Statt dessen heißt es im Prinzip ausdrücklich das Modell der Wippe anwenden: Wahr ist allein das Gleichgewicht, links gilt minus a, rechts gilt plus b. Zu einer Subtraktion kommt es nur, was jeweils den praktischen Ausdruck betrifft. Da kann ich mich allerdings nicht zugleich sparsam und großzügig verhalten. Besser als eine spießbürgerlich enge Normal-Mitte ist das Programm kluger Abwechslung: "Wenn Fasten, dann Fasten, wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn" (Teresa).

Führt Ehrgeiz zu bösen Taten? Ja, wenn er "herrscht", nämlich ohne Rücksicht auf sein Gegenprinzip Solidarität sich durchsetzt (dieser Zusatz im deutschen Text ist berechtigt). Wie eine Klavier- oder Schreib-Tastatur unbrauchbar ist, wenn die Federn so stark sind, daß die Tasten sich nicht niederdrücken lassen, ebenso unnütz aber auch, wenn meinen Fingern gar keine Kraft widersteht, so auch beim Mit- und Widereinander gegensätzlicher Werte. Welcher jetzt Feder sei, welcher sie als Finger überwinde, entscheidet jeweils das Gewissen in seiner Situation. Die durch den Entschluß zur geringeren gemachte Kraft wird aber nicht prinzipiell abgewertet, nur bleibt ihre Wirkung für diesmal verborgen. Wer bei der Vorbereitung aufs Examen seinen Mitstudenten nicht hilft (weil er sich für später bessere Chancen ausrechnet, je schlechter seine Wettbewerber jetzt abschneiden), handelt schäbig; jener Knabe, der während der Schulaufgabe sein Blatt für den Hintermann hochhielt, war allzu naiv, erhielt seinen Verweis mit Recht. Ehrgeiz und Frieden stiftende Gerechtigkeit schließen sich nicht aus, grundsätzlich soll, wenn der eine wächst, die andere Schritt halten, während praktisch mal der volle Einsatz des Stürmers dran ist, mal der Pfiff des "Unparteiischen" (V. 17), ohne dessen mäßigende Klugheit es zu "Unordnung und bösen Taten jeder Art" kommen müßte.

"Wer ein Freund der Welt sein will, wird zum Feind Gottes." Der Satz definiert die Welt von ihrem Widerspruch zu Gott her. So stimmt er, gilt freilich auch für jede Welt von Frommen, die ihrem Gott voll "Eifer" dienen (Röm 10,2: "zelos"; dasselbe Wort wird in unserer Lesung als "Ehrgeiz" übersetzt), dadurch aber der Zweideutigkeit ihrer Welt nicht enthoben sind, sondern aus der Perspektive einer anderen Welt zu Recht als Feinde des sie begründenden Gottes erscheinen. Dabei müssen wir gar nicht an das Geheimnis der Beziehungen von Juden, Christen und Muslimen denken, in vielen Familien führt Eifer für eine fromme aber enge Welt zu - scheinbar? - gottlosen Ergebnissen. In einer spanischen Zeitung stand zu lesen: "Viele, die eine konfessionelle Erziehung bekommen, häufig unter dem Druck der Eltern oder des Milieus, fallen schließlich in Einstellungen des Atheismus, Agnostizismus, religiöser Gleichgültigkeit oder, schlimmer, leidenschaftlicher Ablehnung der Religion in jeglicher inhaltlicher Form sowie kulturellen und gesellschaftlichen Äußerung. Vor kurzem fragte man einen angesehenen spanischen Intellektuellen, ob er gläubig sei, worauf er antwortete: Natürlich nicht, ich wurde in einer Jesuitenschule erzogen."

Als Jesus den Jüngern jenes Kind als Vorbild hinstellte, tat er das als erwachsener Jude, Erbe einer über tausendjährigen Geschichte voller Dramatik und Leidenschaft, voll auch des Einsatzes zahlreicher edler Menschen für das, was sie als ihre Aufgabe erkannt hatten. Abraham und Moses, Judith und Esther haben sich, als es um alles ging, nicht wie bescheidene Kinder verhalten. Nicht gegen ihren Ernst wendet Jesus sich mit seiner Gleichnishandlung, nur gegen das eitle Gerede der Jünger, "wer der Größte sei". Diese Sehnsucht selber macht er nicht schlecht, ist sie uns doch vom Schöpfer ins Herz gepflanzt. Doch weist er ihr das richtige Ziel an. Groß wird man, sich selbst verwirklicht man, indem man anderen nützt. Wie? Das finde heraus. Such aber nicht die eine Wahrheit deines Lebens, das verführt zu verblendeter Einseitigkeit. Such lieber die Tastatur, wo kräftig gefederte Tasten auf den leicht stärkeren Druck deiner Finger warten, und trainiere nicht nur die Finger sondern pflege auch die Federung. Um sein Ich opfern zu können, muß man erst eines sein.


Zum Weiterdenken:

Spanische Soziologin: Clara Guilló, laut EL PAÍS SEMANAL, 14.09.03, 46

Widersprüchliche Werte notwendig: Montesquieu "war einer der wenigen Denker seiner Zeit, der ein grundlegendes Merkmal der moralischen Geschichte der Menschheit begriffen hatte, daß nämlich die von den Menschen verfolgten Ziele viele, vielfältig und oft miteinander unvereinbar sind und daß dies unvermeidlich zu Konflikten zwischen Zivilisationen führt, zu unterschiedlichen Idealen derselben Gemeinschaft zu verschiedenen Zeiten und verschiedener Gemeinschafen zur selben Zeit und zu Konflikten innerhalb der Gemeinschaften, zwischen ihren Klassen, Gruppen und sogar im Bewußtsein des Individuums selbst. Außerdem erkannte er, daß bei der großen Vielfalt und Verwickeltheit der individuellen Fälle kein einfaches Moralsystem, geschweige denn ein einziges moralisches oder politisches Ziel die allgemeine, überall und immer gültige Lösung für alle menschlichen Probleme enthalten kann" (Isaiah Berlin, Wider das Geläufige. Aufsätze zur Ideengeschichte, Frankfurt 1981, 254).

In christlicher Sprache läßt sich das so sagen:
Im Panzer der Welterklärungssysteme, die um die Zustimmung der Menschenherzen ringen, leben ursprüngliche Offenbarungen des Ganzen, die zwar gegensätzlich, aber miteinander vereinbar, ja für einander notwendig sind; somit ist es kein Wunder, daß wir Menschen den Sinn unseres Daseins jeweils als Spannungsfeld erkennen: weil das Herz der Wirklichkeit selbst in unendlich drei-einiger Spannung vibriert.
Dieses Programm habe ich 1996 in meinem (hier zu sehenden) Buch Ehrfurcht vor fremder Wahrheit durchgeführt, es ist für zehn [direkt: neun] Euro noch lieferbar.

Spanische Zeitung: Juan José Tamayo, EL PAÍS, 15.09.03, 36


Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar, jetzt samt Nachtrag Mai 2006.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/ehrgeiz.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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