Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Der vielverkannte König

Gedanken zum Christkönigsfest


I. Warum hat unser König sich für uns totfoltern lassen?

"Christkönig, wir stehen und halten die Wacht.
Wir tragen dein Licht gegen Nebel und Nacht.
Herr, segne die Reihen,
die freudig sich weihen
dir, König der ewigen Macht!"

Viele von uns, die heute älter oder alt sind, erinnern sich an die kampf- und siegfrohe Stimmung, die sie als Jugendliche am heutigen Festtag erfüllte: weil die Liebe Christi auf jeden Fall den Sieg davon tragen wird und die ganze Welt dies wird anerkennen müssen, ob sie nun wolle oder nicht. Das stimmt immer noch, vielerorts in der Weltkirche fühlen Herzen heute ebenso, mit dem vollen Recht ihres unfehlbaren Glaubens.

Wir anderen, die an solch jugendliche Begeisterung mit Wehmut zurückdenken, aber auch mit der Erleichterung derer, die einen holden Traum gegen die karge aber dafür echte Realität eingetauscht haben, wir lassen uns lieber auf das heutige Evangelium ein, das uns Jesus zwar zuletzt auch als König zeigt, nach welch bitterem Sieg jedoch! Warum war sein Diadem eine Krone aus nervfolternd spitzen Dornen? Christa Bing weist auf den entscheidenden Punkt hin: "Er starb nicht, weil ein Gott seine Wut über die ungezogenen Geschöpfe an ihm ausgelassen hat, sondern weil er uns sagen und zeigen wollte, dass er uns nicht verlässt, auch wenn wir unseren eigenen Unsinn, den wir uns angetan haben, ausbaden müssen und uns dann noch eine letzte Möglichkeit des Umdenkens gegeben wird."

II. Jesus oder Christus ? Nein: Jesus Christus !

Stundenlang an ein Kreuz festgenagelt, wehrlos den Bremsen ausgeliefert, von den Freunden alleingelassen und von der Menge verhöhnt, ist Jesus einen scheußlichen Tod gestorben. Aber - stellen viele kühl fest - das ist nichts Besonderes. Tausende sind von Persern und Römern gekreuzigt worden, Millionen anderswo von Mitmenschen grausam getötet: auf Schlachtfeldern und Scheiterhaufen, in Folterkellern, Vernichtungslagern und wer weiß wo überall sonst. Warum soviel Aufhebens um diesen einen jungen Juden? Weil er Gottes Sohn sei, sagt die Kirche. Sind wir das aber nicht alle, Töchter und Söhne Gottes? Wenn ja: Dann paßt es sich für das Gotteskind Jesus nicht, über seine Geschwister hinaus etwas Besonderes sein zu wollen. Wenn nein: Dann ist auch Jesus nicht interessant.

Ohne Ausweg aus dieser Zwickmühle bleibt das Christentum den meisten Zeitgenossen unverständlich. Sie stellt eine aufregende Frage nach uns selbst: Sind (1) wir Menschen allesamt, auch Jesus, Töchter und Söhne Gottes - oder ist (2) ER in Wahrheit der einziggeborene Sohn des Vaters, dem allein Anbetung, Weihrauch und Dank gebührt dafür, daß er uns nichtige, ja sündverlorene Geschöpfe zu himmlischen Freuden einlädt - vorausgesetzt, wir sind demütig einverstanden mit diesem unendlichen Abstand zwischen uns Vielen und IHM dem Himmelskönig, der da ist Gott von Gott? Oder läßt sich (3) diese Alternative ergänzen durch ein verstehbares Aufeinander-Bezogensein der beiden gegensätzlichen Glaubensweisen, so daß dank ihrem Zusammenwirken eine vernünftige Glaubensverkündigung an die heutige, demokratisch gesinnte Menschheit möglich wird? Sehen wir zu.

Zwar ist - denken wir an einen Ballon hoch über zwei Bergen - auch dieser Widerspruch nicht so überwindbar, daß eine einleuchtende "dritte These" alle Wahrheitsmomente beider Seiten in sich versammelt und ihre Irrtümer ausschließt. Zum Begreifen des Geheimnisses reicht unser Verstand nicht hin. Vielmehr wird es inhaltlich, in der Dimension logisch stimmiger Begrifflichkeit, beim Gegensatz zweier unvereinbarer Aussagereihen bleiben müssen. Weder rücken die beiden Berggipfel zu einem zusammen noch sieht man vom Ballon aus alle ihre Prachtgärten und Vulkanrisse. Die Versöhnung geschieht vielmehr, quer zum bleibenden Gegensatz, rein formal: Es gibt beiderseits Landeplätze und visumfrei einen regen Besuchsverkehr mit der Folge, daß "Christentum" bald nicht mehr die Bezeichnung für den einen Berg sein wird sondern - draußen wie drinnen! - der Name beider Berge zusammen in ihrem gespannten Zueinander.

So hält man es auch heute schon, was die traditionellen Konfessionen betrifft. Jörg Zink bringt es auf den Punkt. Gefragt, wann die ökumenische Einheit aller Christen und Kirchen kommen werde, antwortet er: "Wenn wir unter ökumenischer Einheit eine mächtige Überkirche verstehen, dann hoffentlich nie. Wenn wir darunter die vielfältige Gemeinsamkeit des Glaubens und der Feier, der öffentlichen Tat und der barmherzigen Liebe verstehen, ist sie Gegenwart, überall, wo wir sie wollen. Das Gemeinsame überwiegt schon heute weit das Trennende." [CiG im Bild 10/2004, 157f]

Gilt das auch bei dem Riß zwischen den Nachfolgern des menschenfreundlichen Juden Jesus und den Anhängern des allmächtigen Himmelskönigs Christus? Der Kürze halber unterscheide ich Jesuaner und Trinitarier. Beide Glaubensweisen müssen einander mit jeweils guten Gründen widersprechen, so daß die ökumenische Einheit aller Christen als formal dritte Wahrheit den beiden inhaltlichen Botschaften ihren Wert beläßt, rein als Spannungspolen allerdings, nicht als wären sie alleinwahre Lehrgebäude.

Die christliche Wahrheit ist derart geheimnisvoll und ungeheuerlich, daß sie allein vom trinitarischen Denken und dem ihm widersprechenden jesuanischen aus immer wieder erahnt werden kann. Für sich allein bleibt jedes Bekenntnis in seiner Sackgasse stecken. Wer Jesus als Gott-auf-Erden bekennt, nimmt dessen menschliche Freiheit und echte Gemeinsamkeit mit uns anderen nicht ernst genug; wer jenes Bekenntnis ablehnt, Jesus nur als eben auch einen Menschen gelten läßt, verspielt die eigene unendliche Würde als Gottes Tochter oder Sohn nicht neben sondern in IHM dem wahren Gotteskind von Ewigkeit zu Ewigkeit. Keine widerspruchsfrei verstehbare Verstandesklarheit entspricht voll der Glaubenswahrheit, weder die offizielle Auslegung des Dogmas noch der angeblich undogmatische Widerspruch zu ihm, der aber bloß einem anderen Dogma anhängt.

Ist Jesus einer wie wir? Nein, sagen wir kirchlich Gesinnten, ER ist Gottes Sohn von Natur, wir sind nur durch Adoption Gottes Kinder. Doch, widerspricht der demokratische Zeitgeist, jeder Mensch hat seine eigene, von niemandem sonst abgeleitete Würde. Irreleitende Frage! schlagen die von Jesus seliggepriesenen Friedensstifter vor: Eben weil Jesus laut dem streng verstandenen Dogma Gottes ewiges Kind ist, deshalb kann es zwischen IHM und uns keinerlei Rivalität geben, mithin leitet die Frage, ob er einer wie wir sei, deshalb in die Irre, weil sie keine eindeutig richtige Antwort ermöglicht. Bin ich mein Daumen? Ja, wenn die Katze mich dort kratzt; nein, sollte ein Hund den Daumen verschlingen. Ist Christus du? Ja, solange du kraft Glaube, Hoffnung und Liebe geistlich lebendig bist, eine Person (vgl. Gal 3,28) mit allen Mitgeschöpfen und unserem schöpferischen Grund. Nein, wofern du dich vom Ganzen trennst, bloß mit diesem Mini-Individuum identifizierst, das dein Paßbild zeigt.

Wichtig ist die Einsicht: Um die Frage als irreleitend zu durchschauen, muß man sie stellen und mit beiden Antworten unzufrieden sein. Um das zu ermöglichen, müssen beide dem Kommunikationsprozeß zur Verfügung stehen, darum braucht es sowohl die trinitarische als auch die jesuanische Theologie als klare Größen. Nähme die Glaubenskongregation ihr Wächteramt nicht ernst, so vergäßen die Christen die Wurzel ihrer eigenen Göttlichkeit; gäbe es gegen Dreifaltigkeits- und Menschwerdungsdogma keine Proteste, dann verbliebe für unser Denken die Gottheit in ihrem Himmel und auf das Individuum des Nazareners beschränkt. Nur wenn Trinitarier und Jesuaner je das Ihre verkünden, gerät ein waches christliches (oder am Christenglauben interessiertes) Bewußtsein immer wieder vor das unfaßliche Geheimnis. Ähnlich wie ich, eines Wintermorgens auf den Bus wartend, meines frierenden Ohrs bewußt wurde und dann blitzhaft merkte: O, das ist ja nicht bloß irgendein Zellverbund, dieses Ohr bin ja ICH! - so kann ein Christ vom mystischen Blitz getroffen werden: Ich, diese(r) Einzelne, gehöre nicht nur zu uns den vielen Vergänglichen, sondern in mir lebe ICH selbst, der göttliche SINN des Ganzen in Person, derselbe der in Jesus mir dem Sinn nach gegenübersteht (wie damals an der Haltestelle mein Wort "ICH" meinem Ohr) und dennoch dem Sein nach meine innerste Wirklichkeit ist (wie ICH die meines kalten Ohres).

Ohne trinitarisches Dogma schiene, wie wir bloß vergehende Menschen sind, so auch Jesus bloß ein vergangener Mensch. Ohne jesuanische Kritik am üblichen Dogma-Verständnis schiene bloß Jesus Gottes Sohn. Indem beide gegnerische Denkarten sich an derselben Frage abarbeiten, wird sie als irreleitend erkennbar, so daß sich von Zeit zu Zeit ein Durchbruch in jenes Geheimnis ereignen kann, das der christliche Glaube meint.

Christlichen Lesern rate ich deshalb: Werden Sie sich jeweils klar, welches Jesusbekenntnis jetzt das Ihre ist, das trinitarische oder das jesuanische. Ausdrücklich bezeugen - scheint mir - kann ein Christ jeweils nur eine dieser beiden Weisen. Wenn er so nicht nur denkt sondern wirklich glaubt, leben in ihm auch die Wahrheitsmomente der anderen Seite, denn Glaube ist ganz da oder gar nicht. Deshalb kann ein Glaubender die gegnerische Wahrheit zwar nicht so sagen wie die anderen (auch nicht sich selbst sagen, das heißt: verstehen!), sie aber doch respektvoll, mehr: gläubig vernehmen.

Jeweils nur ein Bekenntnis kann ich bezeugen. Es muß aber nicht immer dasselbe sein. Je ökumenisch gereifter ein Bewußtsein wird, um so öfter verkündet es mal vor Andersgläubigen den eigenen Glauben, mal vor Konfessionalisten der eigenen Seite die vernommene fremde Wahrheit, die ja ebenfalls zum ganzen Heil gehört, obwohl meine Glaubensgruppe sie weniger akzentuiert. Wie ich, als Trinitarier, meine rechtgläubigen Freunde auf den Jesus verweise, der (Mk 10,18) nicht gut genannt werden wollte (scheinbar also die Lehre von Gottes Menschwerdung ablehnte), so kann ein gebildeter Jesuaner das Dogma des Konzils von Chalkedon (451; Christus ist Gott und Mensch, eine göttliche Person in zwei Naturen) als für Zeitgenossen unkommunizierbar ansehen und doch auf Weisen sinnen, das damals Gemeinte heute anders zu sagen, damit aus Christentum kein bloßes, letztlich hilfloses Humanitätsgeschwafel werde.


Zum Weiterdenken:

Christkönigsfest: Dazu gibt es im Korb auch diesen und diesen Predigttext.

Christkönig, wir stehen und halten die Wacht: Dritte Strophe von "Uns rufet die Stunde", Lied Nr. 82 aus der Sammlung "Kirchenlied" von 1938, nachgedruckt noch 1961 !

Jesuaner und Trinitarier: Dieser Text war fertig, als ich heute das faszinierende neue Buch von Elaine Pagels in die Hand bekam: "Das Geheimnis des fünften Evangeliums" (Verlag C.H.Beck, München 2004). Thema ist der Gegensatz zwischen Johannes- und Thomas-Evangelium. Bei Johannes (8,58) sagt Jesus von sich: "Ehe Abraham ward, bin ICH", bei Thomas (19) zu uns, den Menschen, "Selig ist, wer war, bevor er wurde". Beide Apostel waren mithin bereits Wortführer der beiden Richtungen - die nur zusammen die christliche Wahrheit als Tanzseil für Anima ausspannen.

Adoption: Antwort an ein Schulkind, das nicht adoptiert sein will.

Proteste: Siehe die ausführlichere Fassung dieser Gedanken. Vgl. die Predigt zu Jesu Taufe.


Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar, jetzt samt Nachtrag Mai 2006.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/dornkron.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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