Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb

Jüngster Tag für Atheisten

Gedanken zum letzten Sonntag des Kirchenjahres


Religionslosen Freunden in ihre Denkweise übersetzen, was der Glaube meint, geht das? Versuchen wir, vom heutigen Evangelium aus eine Brücke zu bauen. Wenn es gelingt, dient sie nicht nur der so notwendigen Ökumene von Atheisten und Christen, sondern auch dem inneren Frieden im eigenen Herzen, das sich nach Selbstwürde ja nicht weniger als die Gottesleugner sehnt.

Im großen Gerichtsgleichnis (Mt 25,31-46) schildert Jesus eine durch und durch menschliche Szene. Zwar ist auch von Engeln die Rede, vom segnenden Vater auf der einen, vom Teufel auf der anderen Seite. Die über- und unterweltlichen Denkbilder des Berichts sind jedoch für seine Kernaussage nicht entscheidend. Wenn ein Dialogpartner (uns gegenüber oder auch als aktuelle Stimme von innen) von Gott, Engeln und Teufeln absehen will, kann er das tun, ohne die vom redenden »Menschensohn« verkündete Botschaft zu fälschen. Die ist radikal innerweltlich: »Was ihr dem Geringsten meiner Geschwister getan habt oder nicht, habt ihr mir getan oder nicht.«

Wir glauben: So spricht DANN der eine Mensch Jesus zu uns anderen Menschen. Es geht menschlich zu, um keine kafkaesk undurchschaubare Instanz. Wenn diese Auskunft jemanden überrascht, liegt das nicht am Evangelium sondern an zweitausend Jahren Kirchengeschichte. Durch sie ist jener Menschensohn zum drohenden Oberchef einer Superbehörde verunstaltet worden, die zeitweise buchstäblich als riesige Stasi den Alltag der Menschen verdüstert hat. »Heilige Bruderschaft« hieß im barocken Spanien die Inquisition, ihr ungut aufzufallen war existenz-, ja lebensbedrohlich; äußerlich harmloser, seelisch gleichfalls vergiftend ging es mancherorts auf protestantischer Seite zu, anscheinend bis heute, falls der (empfehlenswerte) neue Film »Wie im Himmel« nicht überzeichnet. Mehr oder minder heimlich steckt solcher Schrecken in vielen immer noch drin, auch in solchen, die eben deshalb von Religion nichts wissen wollen und fast nichts wissen außer dem einen: Gegen Himmelsterror wehrt man sich, gegen alle geistlichen Selbstmordattentäter, die mit dem eigenen Glück auch das ihrer Umgebung dem Popanz opfern wollen, den sie Gott nennen.

Mit einem atheistischen Freund sprechend, würde ich den ihm faßbaren Kern des heutigen Evangeliums aus dessen autoritärer Schale so herauszulösen suchen, daß der Kafka-Moder verweht und die begeisternde Wahrheit ans Licht tritt, von der alle Gutwilligen im Grunde überzeugt sind, egal wie sie sich und die Welt verstehen. So formuliert sie der prominente Atheist Joachim Kahl in einem (2005) neuen Buch: »Gut zu sein ist schwerer als böse zu sein. Denn es bedeutet: sich zum anderen aktiv hinzuwenden - über sich selbst hinaus. Es bedeutet, auch andere, fremde Gefühle, Interessen, Sichtweisen wahrzunehmen und zu respektieren. Das Böse versteht sich gleichsam von selbst. Es muss nicht eigens gelernt werden. Es ist das naturwüchsige Ausleben des eigenen Ichs - ungebremst, ungehemmt durch irgendwelche Schranken, Rücksichten, die sich in ‚guten Sitten’ verdichtet haben ... Das Gute ist das Nichtselbstverständliche, stets Gefährdete, Zerbrechliche. Oft verlangt es Anstrengung und Phantasie, auf alle Fälle Wissen und Urteilskraft, worin denn das Förderliche, Bekömmliche, Hilfreiche bestehe. Eltern, die ihre Kinder überwiegend mit Pommes frites und Limonade abfüttern und mit Fernsehen und Videospielen ruhig stellen, mögen zwar beteuern, sie liebten ihre Sprösslinge. In Wirklichkeit schaden sie ihnen und untergraben ihre körperliche und mentale Gesundheit.«

Dasselbe sagt, im Gerichtsgleichnis, Jesus. Allerdings noch eines dazu, und deshalb haben, wie Gläubige von Atheisten, so auch Gottlose von Christen zu lernen. Gut zu sein ist nicht nur schwerer als böse zu sein, sondern auch absolut und ewig besser. Nicht bloß um zeitliche Differenzen geht es. Sie lassen sich zuletzt zwar – hoffen wir - zu vollkommener Einheit versöhnen, nie mehr jedoch auslöschen. Das sei an zwei modernen Vergleichen verdeutlicht.

Eins der sympathischsten Unternehmen ist derzeit das demokratische Universal-Lexikon Wikipedia im Internet. In vielen Sprachen wächst es, jeder darf mitwirken, kann Beiträge einfügen, korrigieren, ergänzen. Allmählich entsteht ein gewaltiger Wissensspeicher, von niemandem überschaubar, allen gratis zu Diensten. Eines kann ich nicht: einen je getanen Schritt löschen. Zurücknehmen kann ich ihn, so daß er aus dem aktuellen Artikel verschwindet. Doch bleibt die frühere Fassung erhalten; wer will, kann sie anklicken und stößt auf meinen Mist. Wenn ich das bedenke, brennen meine Wangen in unlöschbarer Scham. Meint Ähnliches nicht, in unserem Bibeltext, das »ewige Feuer«? Ernster freilich: nicht nur lodert die Schmach eines Mißgriffs unter Fachgelehrten, vielmehr die zentrale Schande dessen, der rücksichtslos ein anderes Glück zertreten hat. Selbst wenn er bereut und sein Opfer ihm verzeiht, leuchtet die Beziehung doch fortan in flammendem Rot.

Eine andere »Entkafkaisierung«, demokratische Umprägung des Jüngsten Gerichts finde ich bei dem jüdischen Humanisten Walter Benjamin. In der dritten seiner »Thesen über den Begriff der Geschichte« vermerkt er: »Der Chronist, welcher die Ereignisse hererzählt, ohne große und kleine zu unterscheiden, trägt damit der Wahrheit Rechnung, daß nichts was sich jemals ereignet hat, für die Geschichte verloren zu geben ist. Freilich fällt erst der erlösten Menschheit ihre Vergangenheit vollauf zu. Das will sagen: erst der erlösten ist ihre Vergangenheit in jedem ihrer Momente zitierbar geworden. Jeder ihrer gelebten Augenblicke wird zu einer citation à l´ordre du jour - welcher Tag eben der jüngste ist.«

Benjamin beschreibt den Jüngsten Tag als Sitzung mit einer Tagesordnung. Welcher Art die Sitzung sei, bleibt offen. Es kann eine Gerichtsverhandlung sein oder die Parlamentssitzung der erlösten Menschheit, worin es um die Aufarbeitung vergangener Vorgänge geht, oder eine Aktionärsversammlung der WELT AG, bei der Rechenschaft über Gewinn und Verlust bei den wahren Werten abgelegt wird. Weil die Erlösung alle unsere Dimensionen betrifft, ist keines dieser Bilder ganz falsch, wesentlich für uns, die Menschheit, ist: Jeder ihrer gelebten Augenblicke wird als ein Punkt der Tagesordnung aufgerufen. Das ist die traditionelle Vorstellung des Jüngsten Gerichtes ("liber scriptus proferetur", dieses Buch enthält die Tagesordnung), nur ohne deren autoritäre Schlagseite: Statt des Richters auf hohem Thron stimmt, mit dem Menschensohn in ihrer Mitte, die erlöste Menschheit selber ab. Der richtende Blick schaut jede(n) Einzelne(n) aus dem gott-menschlichen Facettenauge an, in welchem auch dein und mein Blick enthalten sind.

Wird das Jüngste Gericht so verstanden, dann gewinnt ein Ratschlag im Exerzitienbüchlein (187) des heiligen Ignatius demokratische Leuchtkraft: "Zweite Weise, eine gesunde und gute Wahl zu treffen ... Vierte Regel: Schauen und Erwägen, wie ich mich am Tag des Gerichtes befinden werde; denken, wie ich dann in der gegenwärtigen Sache entschieden haben möchte, und die Regel, an die ich mich dann gehalten haben möchte, jetzt hernehmen, damit ich mich dann voller Lust und Freude finde."

Gegen diese Botschaft darf niemand etwas haben. Daß wir einander wohltun sollen, darin stimmen alle brauchbaren Sinnsysteme überein; sofern eines es leugnet, predigt es Widersinn und gehört bekämpft. Den besonderen Schmelz unserer christlichen Fassung sollen wir nicht verstecken. Sobald das apparatlich-totalitäre Mißverständnis behoben, die Superinstanz als menschlich gutes Antlitz »entlarvt« ist, sollen wir dieses Gesicht so freundlich weiterspiegeln, wie wir es dank mancher Begegnung mit ihm nur vermögen.

Kennen Sie die Geschichte von dem Güterwagen voller Kinder, der sich selbständig machte und immer schneller bergab rollte? Fieberhaftes Telefonieren. Wenn der Wagen bei der nächsten Station nicht eingefangen würde, wären die Kinder verloren. Denn danach ginge es ganz steil nach unten. Was hätten Sie getan? Der Verantwortliche tat das einzig Richtige. Er ließ eine Lok auf das Gleis bringen, auf dem der Waggon heranraste, sie fuhr ihm voraus, bis sie fast so schnell war wie er. Ein leiser Ruck, und der Ausreißer war gerettet. Denn jetzt traten die schweren Bremsen in Aktion.

Viele Zeichen deuten darauf hin, daß die Welt dem Abgrund der Sinnlosigkeit entgegenstürzt. Dem stemmt die Kirche sich entgegen. Wir müssen bremsen, aber nicht als Prellbock - der beschleunigt das Verderben - sondern wie eine geschmeidige Lokomotive, die in beiden Richtungen fährt und bremst. Fürchte dich beim Dialog mit Atheisten nicht davor, dich auf ihre Denkbahn einzuschwingen, solange, bis ihr beisammen seid, sag dann aber auch ebenso freundlich wie fest deine andere Wahrheit. Auf diese Weise wird unser gemeinsamer Humanismus nicht nur weltlich sondern dazu auch noch göttlich sein. Weniger ist nicht genug.

November 2005

Predigt von 2002


Zum Weiterdenken:

Atheistisches Buch: Joachim Kahl: Weltlicher Humanismus. Eine Philosophie für unsere Zeit (Lit Verlag Münster 2005), 180

Facettenauge: Näher in dieser Predigt


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Siehe auch des Verfassers alten

Predigtkorb von 1996 an

und

seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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