Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb ab Dezember 2001

So spricht der Herr:
"Ich bin die Tür."

Gedanken zum 4. Sonntag in der Osterzeit


I. Die Schafe und der Hirt

Hirtenbriefe gibt es schon lange, seit neuem schreibt in der Gegenrichtung auch das Kirchenvolk an Bischöfe. Die Leute wollen keine Schafe mehr sein. Ist das heutige Evangelium demnach unpassend geworden? Gewiß nicht. Allerdings müssen wir es klug begreifen. Wer bei einem Gleichnis den genauen Entsprechungspunkt verfehlt, riskiert Mißverständnisse. "O meine teure Rose!" - "Unverschämter! So stachelig bin ich doch gar nicht. Und was heißt teuer? Soll ich vielleicht immer in den alten Fetzen herumlaufen?"

Beim Hirtengleichnis müssen wir ein fundamentales Mißverständnis ausschließen. Denn im Hinblick auf Ziel und Ende der Beziehung ist Christus ein wesenhaft anderer Hirt. Was auf unseren Wiesen so friedlich rupft und blökt, wird immer wieder geschoren und zuletzt geschlachtet. Nicht Selbstzweck sind die Schafe dem Hirten sondern Mittel. Anders bei Jesus und uns. Was er von uns will, ist in keiner Weise gegen uns sondern ganz und gar für uns. Mit Recht ist der Schluß des heutigen Evangeliums zum Lieblingssatz mancher Christen geworden: "Ich bin gekommen, daß sie das Leben haben und es in Fülle haben."

Wandeln wir das Gleichnis leicht ab. In einer Großfamilie im Bayerischen Wald hat jedes Kind sein eigenes heißgeliebtes Lamm. Eins der Geschwister wird zum Hirten dieser Herde bestellt. Da ist keine Rede von Scheren oder gar Schlachten, jedes Kind herzt sein Tier und der Hirt mag sie alle weil sie den Geschwistern so lieb sind. So sind wir für Christus beides: sowohl seine Brüder und Schwestern als auch die geliebten Schafe seiner Herde. Als Herr von Zeit und Ewigkeit hat Er den Überblick der uns fehlt, steht insofern höher über uns als der Hirt über seinen Schafen; weil wir aber zugleich seine Geschwister sind, bedeutet sein Vorrang für uns keine unwürdige Unterlegenheit, vielmehr soll jedes Schaf sich während seines Lebensmärchens allmählich auf Augenhöhe mit Jesus emporbilden lassen, so daß er auch zu uns sprechen kann: "Ich nenne euch nicht mehr Knechte ... sondern Freunde" (Joh 15,15). Anders dasselbe sagt Paulus: Wir sind "dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt Seines Sohnes teilzuhaben, damit dieser der Erstgeborene vieler Geschwister sei" (Röm 8,29).

Schon gar nicht Wölfe im Schafspelz sollen wir sein, aber auch keine bloßen Schafe. Prinzen und Prinzessinnen verhüllt der Schafspelz, die ihn zuletzt abstreifen und in ihrer wirklichen Gestalt offenbar werden, um so strahlender, je treuer sie als Noch-Schafe der Stimme ihres Guten Hirten gefolgt sind, der sie nicht ausbeutet sondern zu ihrer eigenen Vollkommenheit hin "rechtleitet" - dieses schöne Wort ist es wert, daß wir es von unseren muslimischen Mitpilgern lernen.

Daß die Leute keine Schafe mehr sein wollen, liegt weniger am Oberhirten selbst als an den Unterhirten (die sich oftmals eher als Schäferhunde aufführen). Die hat Er zwar eingesetzt ("weide meine Schafe," ist [Joh 21,17] Jesu österlicher Auftrag an Petrus), doch verzichtet er damit keineswegs auf die unmittelbare Beziehung zu jedem Einzelnen. "Er ruft seine Schafe mit Namen", heißt es ausdrücklich [V.3]. Das ist ein besonderer Name, den keiner der Unterhirten kennt. Für die sind wir, je weiter oben sie stehen, um so wahrscheinlicher bloß Nummern und Funktionen. Sobald ein kirchlicher Sachverhalt geistlich beurteilt wird, d.h. beim Sprung von irgendeiner unteren zur Höchsten Stufe der Hierarchie, verwandelt sich das System: aus einer Pyramide zur Ellipse. Nicht die Spitze entscheidet sondern die von der Kurvenlinie zusammengehaltene Spannung beider Brennpunkte. Denn dreifach lebt Christus in uns.

a) Er vertritt den fordernden Willen, den Du, Gott, an uns hast, vollzieht sich in uns als Dein Knecht und steht uns zugleich als "Herr und Meister" (Joh 13,13) in Deinem Namen gegenüber, auch sofern irdische Obere an Deiner Autorität teilhaben. Dies ist die Christus-Wahrheit des oberen Brennpunkts.

b) Ebenso wahr ist seine Gegenwart als personhafte Ich-Tiefe jedes seiner erlösten Glieder, "ich lebe, nicht mehr ich, Christus lebt in mir" (Gal 2,20). Als Quell unseres Ich wehrt Jesus sich auch heute gegen jede entfremdende Berufung auf Gott: "Weh! Ihr belastet die Menschen mit Lasten, schwer zu tragen, aber selber tippt ihr nicht mit einem Finger daran" (Lk 11,46).

c) Auch in uns geschieht es, daß Jesus "im Heiligen Geist jubelt" (Lk 19,21): weil jeder Widerspruch von Du und Ich letztlich schon im Eins der Liebe überwunden ist.

Allerdings vertragen die drei-einigen Gegensätze sich nur in Gott und seinem überverständigen Reich vollkommen miteinander. In der Zeit sind wir, je nach den Umständen, stets zu einer von drei Beschädigungen der Himmels-Ellipse versucht. Die Oberen samt ihren Bütteln möchten sie zur Monarchie "klären", die Unteren zu Anarchie. Hierarchie ist beides nicht, das Wort wird besser als "heiliger Ursprung" übersetzt denn als "heilige Herrschaft". Weder Herrschaft ist heilig noch Herrschaftslosigkeit, allein ihre unmachbare aber geistgewirkte Verbindung überwindet, wie den tyrannischen Zwang des bloßen Du und die Rebellion des bloßen Ich, so auch die dritte Versuchung: die spannungslose Langweile des bloßen Eins, die Ideologie jener naiven Gutmenschen, die weder von der Gesamtverantwortung eines wachen Oberen noch dem Selbstmut eines mündigen Unteren eine Ahnung haben sondern stets bloß "seid doch nett zueinander" blöken. - Soviel zu Hirt und Schafen.

II. Die Tür

In das Hirtengleichnis ist (V. 7 u. 9) ein anderes eingewoben: "das Bild vom Offenbarer als der Tür" (Bultmann); beide Gleichnisse haben ursprünglich nichts miteinander zu tun. Lange vor der modernen Exegese stellt bereits ein Jesuit der Barockzeit fest, daß "Syrer und Hebräer Gleichnisse mögen, sie verdoppeln und vervielfachen, sogar eines dem andern einfügen und einmischen ... So vermischt Christus hier die Gleichnisse der Tür und des Hirten."

"ICH bin die Tür", heißt der Kernsatz, "wobei jetzt die Tür nicht als der Eingang des Hirten sondern als der Aus- und Eingang der Schafe ins Auge gefaßt ist ... als die Tür, durch welche die Schafe zur Weide und wieder zurück in die Hürde geführt werden."

Was ist das für eine Tür? Das Gleichnis ist wahrscheinlich gnostischen Ursprungs. Gemäß dieser Denkart, in deren Atmosphäre das Johannes-Evangelium entstand, ist unsere irdische Welt eine Art finsterer Unterwelt; "die Tür ist ursprünglich der Eingang zum Leben (zur Lichtwelt)." Christi Wort diese Tür bin ich enthält mit anderem Bild dieselbe Aussage wie das bekanntere: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben" (Joh 14,6). Diese Mitte des Christentums läßt sich auf gegensätzlichste Weisen deuten. Während christliche Fundamentalisten alle vom Heil ausschließen möchten, die sich nicht ausdrücklich zu jenem Nazarener Jesus bekennen, spürt die Kirche heute immer klarer, daß Christus sich bei solchen Sätzen nicht als dieses historische Individuum meint sondern (in existentialer Rede) als Gottes liebende Menschwerdung überhaupt: wer immer an den SINN seines Daseins glaubt, ihn - seine Nächsten liebend - zu verwirklichen sucht und vertrauensvoll als unzerstörbar hofft, der schreitet durch die TÜR auf den WEG, lebt das LEBEN und kennt die WAHRHEIT, die alle der Mensch werdende SINN in Person ist - nicht nur für die Christen sondern für alle, egal mit welchen Worten sie ihr Lebensziel bezeichnen. - Soviel zum Wortsinn von "ICH bin die Tür".

Seit Abrahams Zeit verstehen Glaubende sich selbst auch dadurch, daß sie alte Offenbarungssätze neu deuten. Durch solches Wiederlesen ("relecture" heißt der französische Fachbegriff) ist nach und nach die Bibel entstanden, ebenso hat sich in allen Religionen und deren Konfessionen die jeweilige Tradition aufgebaut. Zum Neulesen hat auch unsere Generation das Recht, ja den Auftrag. Jesus sagt es ausdrücklich: "Jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Himmelreiches geworden ist, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt" (Mt 13,52).

"ICH bin die Tür" - an dieser Aussage hat die Christenheit m.W. eines noch nie bedacht: es gehört zum Wesen einer Tür, daß sie mal offen mal zu ist. Genauer: Man hat immer darauf geachtet, daß die Tür für die Gläubigen offen, für die Ungläubigen zu ist. Das bleibt wahr, wofern man den Gegensatz Glauben/Unglauben nicht fundamentalistisch sondern existential versteht. Daß eine Tür mal offen mal zu ist, läßt sich aber auch als Abwechslung verschiedener Glaubens-Situationen auffassen. Dieses ungewohnte Verständnis schlage ich hiermit vor. Es zu beurteilen obliegt keinem Wissen sondern allein dem Glaubenssinn der Gläubigen.

"Ich bin die Tür", sagt Christus. Eine Tür ist mal offen mal zu; immer offen wäre sie nicht Tür sondern Durchlaß, immer zu nicht Tür sondern Wand. Bei den vielen Wohnungen in des Vaters Haus (Joh 14,2) ist die Tür zu, wenn eine Glaubensgemeinschaft bei sich in der eigenen Sinnwelt lebt, wo die Wörter einen klaren Sinn haben und deshalb jeder fremde Glaubensausdruck, der dem eigenen widerspricht, als falsch gelten muß. Offen ist die Tür hingegen, sooft eine Glaubensgemeinschaft mit anderen zusammen sich als größere Gemeinschaft vorfindet, wo man von den umstrittenen Sätzen abstrahiert und ausdrücklich das beiden Gemeinsame redet, feiert, tut. Ob offen oder zu, ist diese Tür Christus selbst. Man muß sich nur einig sein, welche Tür gerade offen, welche zu ist. Wer stets nur geschlossene Türen verträgt, leidet vermutlich bald an Atemnot; wer umgekehrt die Tür immer offen hält, kann sich leicht erkälten. Zwischen konfessionellen und oekumenischen Glaubensvollzügen wach abzuwechseln, hält das geistliche Leben gesund.

Dieses schlichte Prinzip löst, Kolumbus-Ei-ähnlich, konfessionalistischen wie oekumenistischen Krampf. Z.B. hat die Polemik protestantischer wie römischer Kreise gegen die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigung insofern recht, als auch diese Tür zuweilen bergend zu sein sollte, während die Verteidiger der Übereinkunft sich für die notwendige Wahrheit einsetzen, daß Christus auch die offene Tür zwischen allen Christen sein will.

Dasselbe gilt für das interreligiöse Gespräch. Weil der SINN des Ganzen sich nur in je bestimmter Gestalt darstellen kann, deshalb wehren in der "Weltkonferenz der Religionen für den Frieden" alle Beteiligten sich heftig gegen jede Versuchung zu Synkretismus, Religions-Einerlei. Damit Gäste "aus- und eingehen" können, sind die Türen zwar offen, der Glaubensvollzug aber geschieht im geschützten Binnenraum, dann ist die Tür, die Christus ist, nach seinem Willen zu.

Es gibt jedoch zunehmend auch interreligiös gemeinsame Glaubenserfahrungen, bei denen die Tür nicht nur zu Beginn und am Ende offen steht, sondern während der Feier selbst. Weil das andere Recht der je besonderen Glaubenswelten dabei nicht geleugnet wird, handelt es sich hier nicht um Synkretismus; wohl aber wird in solchen Heilsstunden von den trennenden Widersprüchen abgesehen, indem man die gegensätzlichen Lehren entweder außeracht läßt oder sie, sollten sie thematisch werden, ausdrücklich nicht als verpflichtende Dogmen vielmehr als Fälle kultureller Buntheit behandelt. "Abstrahieren heißt nicht Lügen", lehrt schon Aristoteles. Vier Beispiele mögen verdeutlichen, was gemeint ist.

a) "Mutter der Welt", singt der Gastchor leise, wieder und immer wieder: "Mater mundi". In der evangelischen Kirche von Mögeldorf ist ein solches Gebet noch nie erklungen, vermutlich auch vor einem halben Jahrtausend nicht, als sie noch katholisch war. Auf seiner Konzertreise singt der Krakauer Marienchor das meditative Stück "Totus Tuus" [bischöflicher und päpstlicher Wahlspruch von Johannes Paul II.] von Henryk Gorecki. Die letzte der vier Zeilen des Marienhymnus lautet: "Mater mundi Salvatoris", Mutter des Heilands der Welt. Oder auch: Mutter der Welt des Erlösers. Hat schon der Dichter den Doppelsinn gewollt? Mir scheint: eher nicht. Auf jeden Fall spielt mit ihm der Komponist. Bevor das letzte Wort ertönt, schmeichelt sich - oft wiederholt - das innige Gebet "Mutter der Welt" mir ins Ohr. Mein Freund neben mir, der evangelische Dekan, schaut mich an und ich ihn. In einer interkonfessionellen Debatte könnten wir über diese Kühnheit scharf streiten. Jetzt aber sind wir im Konzert, Freunde sind wir auch. Also lächeln wir einander an, wissend: In diesem Kairós überwiegt die gemeinsame Verehrung des Herrn und seiner Mutter die Probleme dogmatischer Etikette. Christus, die Tür zwischen uns, steht weit offen.

b) Ahmad El-Banna war eins der treuesten Mitglieder der Nürnberger WCRP-Gruppe. Bei seiner muslimischen Totenfeier in einer katholischen Nürnberger Kirche wurden vom Imam arabische Koranverse rezitiert. Als zuletzt von der Empore herab unerwartet Mozarts "Dona nobis pacem" trompetet wurde, wehte uns siegreich ein Neuer Pfingstgeist ins Herz.

c) Jüngst sprachen nach- und miteinander ein evangelischer Pfarrer und ein deutscher Buddhist über das Leid. Nicht nur mir fiel die wunderbar friedliche Stimmung auf. So gegensätzlich die Worte klangen, so wenig wurden sie als Widerspruch empfunden. Vielmehr fühlten die Anwesenden sich in jener geistlichen Gemeinschaft verbunden, die zwar nie (als "Welteinheitsreligion") organisierbar, als globaler Apparat nicht einmal wünschbar, trotzdem aber seit jeher wirklich ist, wo immer glaubende Menschengeschwister einander achten. Der russische Denker Wladimir Solowjow hat sie in einem Brief vom 27. November 1892 so beschrieben: "Die Religion des Heiligen Geistes, zu der ich mich bekenne, ist weiter und gleichzeitig inhaltsreicher als alle Einzelreligionen: sie ist weder ihre Summe noch der Extrakt aus ihnen, so wie der ganze Mensch weder die Summe noch der Extrakt seiner einzelnen Organe ist."

d) Sogar zwischen religiös und unreligiös Fühlenden ist der Mensch gewordene Gott die Tür. Sofern sie miteinander debattieren, ist die Tür zu. Wo die Frage heißt, ob es einen Gott und ein ewiges Leben gibt oder nicht, kann die Antwort logischerweise nur ja oder nein sein. Deshalb wird der Dialog die Form annehmen, daß beide einander in je ihrem Denkgebäude besuchen und sich bei geschlossener Tür anhören, was der andere zu sagen hat. Zur Antwort zieht man in die andere Wohnung um.
Kann trotzdem auch diese Tür offen sein? Ja, und nicht nur weil beide sich im Alltag von gleich zu gleich begegnen. Beider Verstand hat an der Vernunft teil, welche die Einheit der Gegensätze vernimmt. Die ist zwar nicht mehr angemessen sagbar, läßt sich aber spüren und gemeinsam bejahen. Bei einem gelingenden Dialog Gottlos/Fromm werden die ideologischen Mauern zusehends poröser, transparenter, bis jede Seite zu ahnen beginnt, wieso die andere - recht verstanden - gleichfalls einer wichtigen Wahrheit dient, und wie zweideutig und mißverständlich die eigene Überzeugung werden muß, sobald sie sich aufs Feld der Wörter begibt. Wenn Anima und Christian um eine Flasche Himmelssekt wetten, ob ihre Liebe sich DANN fortsetzen wird oder nicht, klingt das zunächst unfair: weil scheinbar nur er gewinnen kann, während ihr Sieg ewig unwißbar bliebe. Doch finden beide in einem langen Gespräch bei weit geöffneter ideologischer Tür heraus, daß dieser Schein trügt, und merken: Die Wette ist fair, weil beider Irrtum verlieren und beider Wahrheit gewinnen dürfte ...

"ICH bin die Tür," sagt Christus. Er ist da, sooft "du zum Beten in deine Kammer gehst und die Tür schließt" (Mt 6,6), ein andermal sagt er: "Ich habe vor dir eine Tür geöffnet, die niemand mehr schließen kann" (Offb 3,8) - niemand außer ihm selbst, der in Person die Tür ist, mal offen mal zu. Unsere Sache ist es, ihre Angeln sorgsam zu ölen, damit sie nicht quietscht und knarrt sondern leicht auf- und zugeht, wie der Geist es will.

III. DIE HEILIGE PFORTE

von Christa Bing

Jesus in unserem Evangelium bezeichnet sich als Tür, nicht als Mauer, hinter die man sich verkriechen kann, um die lästige Umwelt loszuwerden. Hirte und Tür haben mit Schutz und Zugang zu tun und wenn er sagt, was ihr einem meiner Geringsten Geschwister getan habt, habt ihr auch mir getan, dann spüren wir, wie er das meint. Er ist nicht unbeteiligt, wenn wir mit jemandem Kontakt aufnehmen. Es geht ihm bestimmt nicht darum, den Weg zueinander zu versperren oder zu erschweren. Aber ob ich in freundlicher Absicht komme, oder meinen Mitmenschen benutzen will für meine Zwecke, das trifft nicht nur diesen, sondern auch den guten Hirten an seiner Seite. Dies bedeutet nun nicht, von allen Schlägen verschont zu werden, sondern den neben uns zu haben, dessen Liebeskraft stärker ist als Leid und Tod, weil er das finstere Tal selber durchschritten hat. Nein, nie haben wir nur den Menschen, einen, den wir mehr oder weniger kennen oder mögen vor uns und wir selber stehen auch vor andern nie allein. Ist es möglicherweise eine Nervensäge, die uns da zusetzt, können wir doch etwas gelassener damit umgehen. Zu unserer inneren Freiheit gehört, darüber zu entscheiden, wen und was wir an uns heranlassen oder auch nicht. Wenn wir versuchen, uns mit dem Hirten an unserer Seite abzustimmen, mit ihm guten Kontakt zu pflegen, werden wir bestimmt zu anderen Formen des Umgangs finden, als wenn wir nur uns selber zum Maßstab des Handelns machen. Selbst der uns rätselhafte, so andersdenkende Mitmensch muss uns nicht aus dem Konzept bringen mit seinen vielleicht sehr verschiedenen Vorstellungen. Wir sind uns nahe und halten doch eine gewisse Distanz; versuchen, uns zu verstehen, ohne uns zu vereinnahmen. Zwischen uns gibt es eine Art "Heilige Pforte" in Person. Würden wir versuchen, dies im Alltag zu leben, könnten wir dann nicht unsere Waffen umschmieden in Werkzeuge des Friedens?


Zum Weiterdenken:

Christus ein anderer Hirt: "Siehe, es gab auch vor Christus Hirten der Völker - Könige und Priester, und gibt deren noch. Sie führten die Völker, und hüteten dieselben, und tun es noch. Aber, wo gaben oder geben sie das Leben für ihre Schafe? - Umgekehrt sie glaubten nicht, daß sie ihren Schafen etwas geben oder opfern müssen, sondern daß vielmehr die Schafe dazu daseien, um ihnen Wolle und Fleisch zu liefern. Wohl starben da die Schafe für ihre Hirten, nie aber die Hirten für ihre Schafe. Und so ist es wohl im allgemeinen noch bis heute. Christus dagegen sagt von sich: ‚Ich lasse das Leben für meine Schafe.' Welch ein Hirt! welch ein anderer Hirt, als die, welche sich Hirten der Völker nannten von jeher!" [Johann Baptist v. Hirscher, Betrachtungen über die sonntäglichen Evangelien des Kirchenjahrs (Tübingen 1853), 31]

Schäferhunde. [Aus der Vita eines Germanikers:] Nach einem Rektorenwechsel erfuhr das Kolleg schmerzhaft das Neue-Besen-Prinzip. Die aufgescheuchten Gemüter zu beruhigen, legt Pater Klein, der Spiritual, uns am Abend das morgige Sonntagsevangelium aus: Wen sehen wir da? Den Guten Hirten und seine Schafe. Er kennt die Seinen und die Seinen kennen ihn. Wen sehen wir im Evangelium nicht? Den braven deutschen Schäferhund, der wild um die Herde herumbellt. Den braucht es nicht. Ich kenne die Meinen, sagt der Gute Hirt, und die Meinen kennen mich. Nun, seither hat Christi Herde manche noch gewaltigeren Schäferhunde ertragen, deutsche und andere.
["Der Mann muß weg", soll des Rektors Kommentar gewesen sein. Bald darauf wurde unser verehrter Spiritual uns genommen. Fast 107jährig ist er 1996 in Münster gestorben.]

Bultmann: "Das Evangelium des Johannes" (Göttingen 1959), S. 288, dann S. 273

Jesuit der Barockzeit: Cornelius a Lapide

(+ 1637) schreibt [in meiner Ausgabe (Augsburg/Graz 1734) auf S. 400]:

Tür mal offen mal zu: Dazu mein Artikel in UNA SANCTA 1982

Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigung

Mater mundi: Dies ist eine wahre Geschichte.

Hier geht's zur Vorstellung dieses Buches

Wetten wir, um eine Flasche Himmelssekt? Was auftrumpfend klingen sollte, kommt kleinlaut heraus; schon während ich den Vorschlag mache, merke ich, wie unfair er ist. Hätte nämlich sie recht, daß nach dem Tod nichts kommt, dann könnten wir nie wissen, daß sie die Wette gewann - eine Wette aber, die nur einer gewinnen kann, ist nicht ehrlich.

Das Problem läßt mich nicht los. Ich spüre: Es darf nicht sein, daß bei dieser entscheidenden Frage bloß der Fromme recht hat. Wehe euch ihr Reichen, warnt Jesus - welcher Reichtum wäre aber größer als in der Frage aller Fragen allein die Wahrheit zu haben? Es mag verrückt klingen, aber mich entsetzt der Gedanke, meine freundliche Gegnerin müßte DANN mit ihrer Sektflasche ankommen und demütig zugeben, im Gegensatz zu mir habe sie sich geirrt. Das darf nicht sein. So einseitig soll es bei uns nicht zugehen im Ewigen Leben.

Dieses Buch läßt die kritische Anima und den gläubigen Christian ihr Gespräch so radikal führen, daß sie getrost heiraten können, wissend, daß ihre Gegen-Sätze dasselbe Geheimnis meinen. Ein passendes Hochzeitsgeschenk für ähnliche Paare.


Volle Internet-Adresse dieser Seite:

http://www.kath.de/predigt/jk/die-tuer.htm

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Siehe auch des Verfassers alten

Predigtkorb von 1996 an,

seine kat-holische Theorie-Baustelle

sowie seinen Internet-Auftritt Stereo-Denken
samt Geschichte dieses Begriffs und lustigem Stereo-Portrait

Schriftenverzeichnis

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann