Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C 2009/2010

Das besondere Zeichen meint alle

Gedanken zu Weihnachten


Bei der zweiten Lesung der Heiligen Nacht sollten wir auf den Rahmen aus Anfangs- und Schlußsatz achten: "Die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten ... und sich ein reines Volk zu schaffen, das ihm als sein besonderes Eigentum gehört" (Tit 2,11.14). Zwei Ziele Gottes stehen hier da: alle Menschen zu retten und sich ein Volk als besonderes Eigentum zu schaffen. Wie gehören beide Ziele zusammen?

Wer eines wegläßt, fällt in einen von zwei Hauptirrtümern. Fundamentalisten fühlen sich stolz als Gottes besonderes Volk und vergessen alle anderen Menschen; Relativisten vermuten alle Menschen im gleichen Heil [statt sie auf verschiedene Weisen im selben zu hoffen] und wollen von besonderer Erwählung nichts wissen. Beide Versimpelungen sind nicht christlich.

Dient ein Ziel dem anderen als notwendiges Mittel? Soll das besondere Volk alle dazu bringen, sich ihm eingliedern zu lassen, um gerettet zu werden? So haben in allen Jahrhunderten viele Christen gedacht, auch heilige Missionare, die sich die Hände müdtauften, um möglichst viele Heiden zu retten. Einer von ihnen mußte enttäuscht den Fehler solcher Logik erleben, als ein adeliger Täufling, schon im Becken, ihn fragte: Und was ist mit meinen Eltern und Ahnen? Auf die Antwort, die seien leider in der Hölle, stieg er empört aus dem Becken.

Eine christlichere Antwort gab das Zweite Vatikanische Konzil. Schon im Vorwort der Liturgiekonstitution (2) wird die Verheißung von Jes 11,12 auf die Kirche bezogen: das "Zeichen, das aufgerichtet ist unter den Völkern". Wer richtet es auf? Gott selbst. Gottes besonderes Volk bedeutet seinen Willen für alle. Etwa so, wie der Schriftzug ALLE BUCHSTABEN auf der Grundschultafel mehr bedeutet als er ist. Denn die meisten stehen nicht da. Schreibt man die fehlenden dazwischen, so ergibt sich Unsinn: AXLYLWE BKUQCPHJSZTVAIBREMN. Mir scheint: Deshalb haben bekennende Schwule und wieder verheiratete Geschiedene keinen Zutritt zur katholischen Kommunion. Nicht weil sie nicht zu den allen gehörten, die Gott gerettet sehen will - mag sein, sie sind es nach himmlischer Logik längst, mehr als gewisse brave Fromme; dazu hat Jesus im Gleichnis von Pharisäer und Zöllner das Nötige gesagt. Doch hat auf Erden die Ordnung der Zeichen gleichfalls ihr Recht. Obwohl die Huren in der Himmelsschlange vorn stehen (Mt 21,31), baut man doch eine Mädchenschule besser nicht neben ein Bordell.

"Alle Buchstaben" enthält kein r, "all letters" kein u, beide weder o noch d wie auf Spanisch. So gibt es auch verschiedene christliche Zeichensysteme. Ich stelle mir eine brasilianische Basisgemeinde in der favela vor, wo manches arme Straßenmädchen sich willkommen weiß, nicht aber der Parasit aus der Villa ein paar Straßen weiter. Kann auch die europäische Kirche sich als Heilszeichen soweit klären, daß unverschämte Abzocker es nicht länger verunzieren dürfen? (Was wird dann aber aus den Bistumsetats?) Kyrie eleison!


Siehe auch hier (Christ in der Gegenwart 52/2008,578).

Andere Weihnachtspredigten:

  • Das lebendige Kind
  • Mach's wie Gott, werde Mensch!
  • Das Geheimnis der leuchtenden Nacht

  • Wer nicht aufs Netz angewiesen sein will, kann meine Internet-Präsenz auf einer CD-ROM bestellen, zusammen mit Buchtexten, die nicht online verfügbar sind (z.B. dem Dreifaltigkeitsbüchlein von 1968 [les- aber nicht durchsuchbar]). Die CD, samt Nachtrag Mai 2006 und September 2008, kostet 8,50 Euro + Porto. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung.


    Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/c-weihnacht.htm

    Zurück zur Leitseite des neuen Predigtkorbes.

    Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

    und seine kat-holische Theorie-Baustelle

    Schriftenverzeichnis

    Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann