Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

Unsere wunderbare Zwei-Einheit
von Geschöpf und Gott

Gedanken zum zweiten Sonntag nach Weihnachten


»Vor der Zeit, am Anfang, hat er mich erschaffen, und bis in Ewigkeit vergehe ich nicht« (Sir 24,9). Dieser Satz der ersten Lesung schimmert in geheimnisvollem Licht. Das nimmt wahr, wer die Aussage mit der anderen vergleicht, die im Credo bald folgen wird (»gezeugt, nicht geschaffen«, bekennen wir da - seit 381 - von Christus) und dann den Kommentar der gelehrten Beuroner Benediktiner im Messbüchlein von 1969 liest:

Die christliche Überlieferung hat die alttestamentlichen Aussagen über die "Weisheit" und das "Wort" Gottes von Christus, dem Sohn Gottes, verstanden. Auch die Menschwerdung des Wortes (vgl. Joh 1,14) kann man angedeutet finden in den Aussagen über das Wohnen der Weisheit in Israel, im heiligen Zelt.

Vermutlich hat die Liturgie-Kommission, die vor über vierzig Jahren diese Lesung dem Johannes-Prolog voranstellte, das ebenso gesehen. Ich stelle mir aber die heißen Diskussionen vor, die damals bei den frommen Mönchen entbrannt sein müssen. Was? Die geschaffene Weisheit soll Christus bedeuten, die ungeschaffene Person des Ewigen Wortes? Niemals ! Hat der Vater Abt die Parteien dann versöhnt? Jedenfalls war der Kommentar schon 1970 entschärft:

Die "Weisheit" hat in Israel Wohnung genommen, um das Volk den Weg des Lebens zu führen. In den späten Aussagen des Alten Testaments über die Weisheit, das Wort und den Geist Gottes hat die christliche Überlieferung eine Vorbereitung der neutestamentlichen Offenbarung gesehen.

Diese Aussage ist einwandfrei – allerdings zeigt ihre Vorgeschichte, welch tiefe Glaubensfrage von unserer Lesung gestellt wird: Wieso ist das Selbstlob der geschaffenen Weisheit eine Vorbereitung auf die Ankunft des ungeschaffenen Wortes mitten unter uns? Der aktuelle Beuroner Kommentar deutet das Geheimnis an:

Durch sein Wort und seine Weisheit ist Gott gegenwärtig bei seinem Volk und in seinem Tempel. In Zukunft aber wird die Menschheit Jesu der lebendige Tempel Gottes, sein heiliges Zelt sein.

Ja: Jesu Menschheit ist geschaffen. Kann sie aber – Jahrhunderte vor ihrer Zeit – »ich« sagen? Offenbar nicht; »ich« sagt die Person. Christi Person ist jedoch das ungeschaffene WORT Gottes. Wer also ist es, die in unserer Lesung spricht? Eben diese Frage wird von Katholiken seit dreihundert Jahren gesungen, seit sechzig liebe ich das Lied:

Sagt an, wer ist doch diese,
die auf am Himmel geht,
die überm Paradiese
als Morgenröte steht?
Sie kommt hervor von ferne,
es schmückt sie Mond und Sterne,
die Braut von Nazareth.

Eine einfache Frage bringt uns in die Mitte des christlichen Glaubens: Wer hat Jesus das Beten beigebracht? Seine Mutter, wer sonst. Als Kind hat er in ihr Gebet eingestimmt und so gelernt, zu Gott »du« zu sagen. Als ihm mehr und mehr aufging, dass er ja selber Gottes Gegenwart in der Welt ist, konnte dieses Ich/Du-Verhältnis keineswegs verschwinden, sondern hat sich als liebevolle Kind/Vater-Beziehung innerhalb der reinen Selbst-Identität »ich«/ICH erhalten und ist nach Ostern und Pfingsten uns in eben dieser Form weitergeschenkt worden. Ohne seine Teilhabe an Sophia-Maria, der vor der Zeit Erschaffenen, von Gott Unterschiedenen, zu ihm Anderen, hätte Gottes Selbst-Wort »ICH« zu ihm nicht »DU« sagen und als »du« angesprochen werden können. Ich vermute: Wäre Christus als Brahmane statt als Jude geboren worden, so hätte das Christentum sich nicht zur Religion sondern zur Selbstmystik entfaltet. Dank Maria darf es – was heute dran ist (das scheint die beste Übersetzung des biblischen kairós) – sich aber endlich angstlos zu seiner mystischen Tiefe bekennen. Denn wie Christus der reinen Schöpfung sein Du-Verhältnis zu Gott verdankt, so umgekehrt sie – und wir in Ihr – Ihm unser Gott-Sein als Glieder seines Leibes. Das jahrelang zu meditieren hilft ein Rätsel: Bist du dein Daumen? Beißt ein Hund ihn ab – nein. Kratzt ihn eine Katze – ja.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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