Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung
Lesejahr C

Welchem Docht helfen?

Gedanken am Sonntag der Taufe des Herrn


»Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus« (Jes 42,3). Solches vom Mächtigsten zu hören tut gut. Im Psalm (29,5) klingt es anders: »Der Herr zerschmettert die Zedern des Libanon«. Unser Gott sprengt jegliches Schema, fällt in Urwald wie Völkergeschichte die hochmütigsten Riesenbäume, pflegt aber manch geknicktes Rohr, bis es wieder heil da steht. Einen glimmenden Docht, das letzte Stück einer brennenden Kerze, habe ich schon einige Male neu entfachen wollen und dabei nur erreicht, dass er endgültig erlosch. So plump stellt Gottes Erwählter sich nicht an. Was der Prophet Jesaja angekündigt hat, sieht der Evangelist in Jesus erfüllt (Mt 12,20), kurz nachdem die religiöse Obrigkeit beschlossen hat, ihn umzubringen. Jesus weiß, wie es ist, wenn man erst geknickt und dann zerbrochen wird, und ist nicht fern von allen, denen es ebenso ergeht.

Beim Sterben hat er jede Trennschicht zerschmolzen, die ihn von irgendeinem Unglücklichen scheidet. Geknickte will er aufrichten, Glimmende zu hellem Leuchten bringen. Total erreicht er das freilich nur in jener neuen Welt, die sich in unserer alten ähnlich vorbereitet wie in der Raupe der Schmetterling.

Für dieses Neue soll die Kirche mitten im Alten Hoffnungszeichen setzen, ja selbst ein aufmunterndes Zeichen sein. Dabei kommt es zu Widersprüchen. Nicht für alle Dochte reicht das Wachs; sind zwei am Glimmen, kann ich manchmal den einen nur mit dem nähren, was dem andern dann fehlt. Der einzelne Christ kann in solcher Not zum Heiligen Geist fliehen und als Ratgeber in eigener Sache »sich weder zur einen noch zur andern Seite neigen, sondern in der Mitte stehend wie eine Waage unmittelbar den Schöpfer mit Seinem Geschöpf wirken lassen« [Ignatius von Loyola, Exerzitien, Nr. 15].

Die Kirche als Organisation in der Welt kann das nicht, eine solche braucht Regeln. Sie kann es auch nicht machen wie Bundeskanzler Willy Brandt am 5. Juni 1974, als er sich im Bundestag der Abstimmung über das Schicksal deutscher Ungeborener entzog, indem er den Raum verließ. Ihm war klar: Gemäß dem Gesetz, das seine Parteifreunde gerade beschlossen, wäre er selbst höchstwahrscheinlich abgetrieben worden.

In der Abtreibungsfrage tritt die Kirche klar für den allerschwächsten Docht ein, das beginnende Menschenkind, das sich nicht wehren kann. Trotzdem wird sie nach dessen Vernichtung auch die hart geknickte junge Ex-Mutter nicht zerbrechen. Nicht wenige Priester dürften aus der Beichte den traurigen Bericht einer Frau kennen, wie das ermordete Wurm ihr erscheint und um sein geraubtes Leben klagt. Dann ist Jesu Wort an die Ehebrecherin am Platz: »Ich verurteile dich nicht. Geh hin und sündige von jetzt an nicht mehr« (Joh 8,11).

Gott der Liebe, schenk uns den Geist des Schonens ins Herz. Und schone DU uns voll zarten Erbarmens, sooft uns etwas, zuletzt alles zerbricht und verlöscht.

Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle.

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