Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

Nicht Jenseits aber Auferstehung des Diesseits

Gedanken zum sechsten Sonntag im Jahreskreis


Wer hätte das gedacht: Schon bei den allerersten Christen gab es solche, die nicht an die Auferstehung glaubten! Demnach war jener protestantische Pfarrer gar nicht so modern, der mir vor vierzig Jahren sagte: "Wenn eine Oma im Sterben liegt und sich schon freut, daß sie gleich ihren Mann wiedersieht, dann kläre ich sie natürlich nicht auf." Im Unterricht hingegen mache er den jungen Leuten durchaus klar, was die Bibel mit dem ewigen Leben meine: "Wir wissen, daß wir vom Tod zum Leben hinübergeschritten sind, weil wir die Brüder lieben" (1 Joh 3,14).

Hören wir zunächst, was Paulus ihm und seinesgleichen damals geantwortet hat: "Wenn verkündigt wird, dass Christus von den Toten auferweckt worden ist, wie können dann einige von euch sagen: Eine Auferstehung der Toten gibt es nicht? Denn wenn Tote nicht auferweckt werden, ist auch Christus nicht auferweckt worden. Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos, und ihr seid immer noch in euren Sünden; und auch die in Christus Entschlafenen sind dann verloren.Wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen. Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen" (1 Kor 15,12.16-20).

Gott sei Dank, dies ist der christliche Glaube. Ich schaue die Fotos meiner Toten an und vertraue: Ihr seid bei mir und ich bin bei euch, noch in der Dämmerung, bald im Licht des Festes ohne Ende.

Seien wir aber gerecht. Jene Gegner des Paulus haben auch Vernünftiges gemeint, ebenso wie der Pfarrer damals, und vor ihm Bert Brecht mit seinen wuchtigen Versen: "Lasst euch nicht verführen! Es gibt keine Wiederkehr." Von welcher Gegenwahrheit muss die Auferstehungshoffnung ausbalanciert werden, damit sie nicht zu Jenseitsträumerei verkommt?

Wir dürfen das Ewige Leben nicht als zeitliche Verlängerung dieses Lebens denken, sondern es selbst, von der Zeugung bis zum Tod, unverloren in Gottes Liebe bewahrt hoffen, nicht als blass erinnertes Damals, vielmehr als ewig lebendiges JETZT. Da merken wir schnell: Solcher Denksport überfordert ein irdisches Gehirn. Das JETZT als Identität von Jetzt und DANN sprengt unsere Denkkraft. Die muss sich mit einer von zwei "Schaltungen" begnügen: Entweder ich hoffe auf DANN, dabei denke ich aber notwendig ein Später, das sich vom Jetzt unterscheidet. Oder ich achte aufs aktuelle Jetzt, versuche ihm als vollem JETZT gerecht zu werden, dabei schwindet mir aber alle Hoffnung auf etwas danach.

Vermutlich war dies der Fall jener Christen, gegen die Paulus damals schrieb. 1970 nannte ich die ihnen Gleichgesinnten – im Gegensatz zu den Christen – "Jesuaner" und war überrascht, als die angesehene Zürcher Jesuitenzeitschrift "Orientierung" (ab 2010 gibt es sie leider nicht mehr) einen ökumenischen Vorschlag druckte. Wer mehr Wert auf logischen Durchblick als auf Glaubenseinheit legt, muss sich mit dem Widereinander beider Konfessionen abfinden. Wer nicht so sehr recht haben als Frieden stiften will, erwäge zwei Gleichnisse, die deren Einheit nicht begreiflich jedoch ahnbar machen.

  1. Ein Chor übt ein Stück, nach Takt 64 ist es aus. Sind die Sänger auf ein Dann gespannt? Nein, einen Takt 65 gibt es nicht, so wenig wie für mich den Tag nach meinem letzten. Aber auch ja; sie freuen sich aufs Konzert. DANN ereignet sich ganz anders – weil endlich gekonnt und mit großem Orchester – nichts anderes sondern haargenau dasselbe, was sie jetzt mehr oder minder eifrig tun.
  2. Mit treuem Fleiß setzt eine Malerin Strichlein um Strichlein auf die Leinwand, jeweils ganz dem Augenblick hingegeben. Endlich tritt sie vor dem Bild zurück. Restlos fertig wie Jesus am Kreuz sagt sie "es ist vollbracht" und versinkt – nicht mehr als isoliertes Bewusstsein sondern vereint mit allen – in das lebendig-eine Sein, zu dem das bislang vielfach Werdende sich gewandelt hat. Auch in diesem Gleichnis ist die ewige Pracht einer Schöpfung ganz anders und doch überhaupt nichts anderes als ihre zeitliche Gestalt.

Gibt es eine Auferstehung der Toten? Nein, auf deinen letzten Tag folgt kein weiterer - aber JA, denn Gott, der kein Gott der Toten ist, will dein Gott sein. Weder fällt das Konzert aus noch endet das Bild im Müll. Es stimmt schon: "Wir SIND vom Tod zum LEBEN hinübergeschritten, weil wir die Brüder lieben."


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/c-s6.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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