Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

LIEBE will nicht klein machen

Gedanken zum vierten Sonntag im Jahreskreis


Berufung des Jeremia

Macht die erste Lesung uns klein? Der Prophet Jeremia überragt riesenhaft die gewöhnlichen Menschen. "Zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt", so hat er das Wort des Herrn damals vernommen und so wird es nach über zweieinhalb Jahrtausenden immer noch vorgelesen. Verglichen mit ihm - wer sind da wir? Bescheiden wir uns?

Langsam. Man kann das erste Jeremia-Kapitel auch anders lesen. Vor allem, wenn man mitliest, was die liturgische Kommission weggekürzt hat:

"Das Wort des Herrn erging an mich: Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt. Da sagte ich: Ach, mein Gott und Herr, ich kann doch nicht reden, ich bin ja noch so jung. Aber der Herr erwiderte mir: Sag nicht: Ich bin noch so jung. Wohin ich dich auch sende, dahin sollst du gehen, und was ich dir auftrage, das sollst du verkünden. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin mit dir um dich zu retten - Spruch des Herrn. Dann streckte der Herr seine Hand aus, berührte meinen Mund und sagte zu mir: Hiermit lege ich meine Worte in deinen Mund."

Auch wir sind von Anfang an gerufen

Ist nicht jede und jeder von uns einmal im Mutterleib geformt worden? Von Demselben, dessen Wort weiter gilt und dessen Freundlichkeit heute wie damals die Seinen "heiligt noch ehe sie aus dem Mutterschoß hervorkommen" Sollte dies also eine ungetaufte Person lesen - oder eine, der ein Kind ungetauft gestorben ist - dann schöpfe sie Hoffnung. Die Taufe ist zwar ein wunderbares Zeichen, sie bedeutet und bewirkt die Aufnahme ins Gottesreich. Weil solche Aufnahme aber, wenngleich in der Zeit, so doch für die Zeit als ganze geschieht, deshalb hat Jeremia Gottes Wort nicht mißverstanden, als er von seiner Heiligung schon im Mutterschoß vernahm. Die Wirkung der Taufe - oder der ersten Tat echter Liebe oder, spätestens, einer Bekehrung im Tode - betrifft dank Gottes überströmender Gnade die ganze Zeit eines Menschen, reicht zurück bis in seinen Anfang.

Ohne Liebe nichts - was heißt das?

"Hätte ich die Liebe nicht, wäre ich nichts," bekennt Paulus im "Hohen Lied der Liebe". Warum ist das so? Weil "zu sein" für ein Geschöpf nichts anderes ist als, auf begrenzte Weise, Anteil an Gott zu haben, dem unbegrenzten SEIN. Gott aber ist die LIEBE, also können auch wir Menschen im höchsten Sinn nicht SEIN ohne zu lieben. Lieblos wären wir nichts. Klarer machen kann man sich das so: Nichts liegt dann vor, wenn einer niederen Seinsweise die nächsthöhere fehlt. Z.B. ist das braune Huhn hier vor der Tastatur: nichts, weil bloß Sosein ohne Dasein. Seinem Sosein fehlt nichts, es soll - virtuell in meiner Vorstellung - ein Huhn mit allem sein, was zu dessen Wesen gehört. Bloß: dasein tut es nicht, ist also im Sinn der Teilhabeweise Dasein: nichts. So wäre ein Mensch, der die Liebe nicht hätte, zwar als Dasein real, aber im Sinn der (höheren) Teilhabeweise "Jasein": nichts.

Weltliche Größe ist, weil virtuell, nichts

Auch von Gott (wenngleich "per impossibile") stimmt jener Satz. Ein Gott, der die Liebe nicht hätte, wäre nichts. Anders gesagt: "Entweder ist Gott gut, oder es gibt ihn nicht." Deshalb sind nicht nur große Gestalten wie Jeremia erwählt und geheiligt sondern - weil die Liebe niemanden ausschließt - auf je andere Weise wir alle. Die Frage ist nur, ob auch wir unsere tatsächliche Berufung so mutig wie er wahrnehmen und erfüllen. Wenn die uns aber weder das Bundesverdienstkreuz noch einen Fernsehauftritt einträgt? Das ist ebenso blöd gefragt wie wenn ich erwäge, ob das Huhn vor mir nicht lieber ein Pfau sein sollte.

Oder mich ärgere, falls ich mich letzte Nacht als entlassene Wurstverkäuferin statt als erfolgreichen Bundeskanzler - geträumt habe. Auch Geträumtes ist ja eine Weise virtueller Realität. Mit ihrer lächerlichen Nichtigkeit vergleicht die Bibel die Erfolge jener Bösen, auf die ein gläubiges Herz immer wieder beinahe neidisch wird:

“Sie leiden ja keine Qualen, ihr Leib ist gesund und wohlgenährt.
Sie kennen nicht die Mühsal der Sterblichen, sind nicht geplagt wie andere Menschen.
Darum ist Hochmut ihr Halsschmuck, wie ein Gewand umhüllt sie Gewalttat.
Sie sehen kaum aus den Augen vor Fett, ihr Herz läuft über von bösen Plänen.
Sie höhnen, und was sie sagen, ist schlecht; sie sind falsch und reden von oben herab.
Sie reißen ihr Maul bis zum Himmel auf und lassen auf Erden ihrer Zunge freien Lauf ...
Da sann ich nach, um das zu begreifen; es war eine Qual für mich,
bis ich dann eintrat ins Heiligtum Gottes und begriff, wie sie enden.
Ja, du stellst sie auf schlüpfrigen Grund, du stürzt sie in Täuschung und Trug.
Sie werden plötzlich zunichte, werden dahingerafft und nehmen ein schreckliches Ende,
wie einen Traum beim Erwachen, o Herr,
verachtest du, wenn du aufstehst, ihr Schattenbild“
(Ps 73,4-9;16-20).

Huhn und Pfau auf dem Schreibtisch, geträumte Arbeitslose und Politprominenz - so verschieden sie aussehen, sind sie doch allesamt, weil nicht da, gleich nichtig. Ebenso sind, wenn sie nicht lieben, der berühmteste Star und der größte Feldherr aller Zeiten doch in der Seinsweise vor Gott, auf die allein es ankommt: nichts. Wogegen die Mutter, die sich seufzend aufrappelt, um mit "Ist schon Alles gut" ihr weinendes Kind zu trösten, diesen Augenblick fürs Ewige Leben voll verwirklicht hat.


Zum Weiterdenken:

Zur Wirkung der Taufe ein packendes Zitat aus den Dreißigern: Erinnerung ist Er-Innerung. Was früher äußeres Leben war, ward inneres Leben und damit Leben in unserem Leben, Leben von unserem Leben. Gerade weil es aus dem Außen entschwand, lebt es stärker in unserm Innen. Gerade weil es nicht mehr der Welt angehört, ward es innerlich Blut von unserm Blut. Aber in der Erinnerung, um die es im Kirchenjahr geht, ist die Bewegung gerade umgekehrt. Nicht wir nehmen ein äußeres Leben Gottes in unser Innen, sondern Gottes Leben nimmt uns immer mehr in Sein Innen. Es heißt darum im Galaterbrief: "Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir". Christus lebt in mir, weil ich Glied Seines Leibes ward, Atem Seines Atems, Herzschlag Seines Herzschlags, Leben von Seinem Leben. Darum ist der Sinn der Taufe das Untertauchen und Wiederauftauchen, Untergang und Aufgang, Tod und Auferstehung. Der Mensch des Ich taucht unter, geht unter, stirbt. Das Glied des Leibes Christi taucht auf, geht auf, aufersteht. Christ sein heißt Christo gehören, wie Hand und Fuß und Auge und Ohr zum Leib gehören, und darum Christi Namen tragen. [Erich Przywara SJ, Christliche Existenz (Leipzig 1934), 110 f]

Jasein: Dieser Begriff war vor einem halben Jahrhundert mein erster Beitrag zur kirchlichen Denksprache.

Entweder ist Gott gut, oder es gibt ihn nicht, sah vor dreihundert Jahren der geistreiche Earl of Shaftesbury ein.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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