Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

Doppeldeutliches Ende

Gedanken zum dreiunddreißigsten Sonntag im Jahreskreis


I. BALD

Noch zwei Wochen, dann ist das Kirchenjahr vorbei. Die Liturgie lenkt unseren Blick auf das sehr nahe Ende der Welt. Sehr nahe? War das nicht ein Irrtum der ersten Christen, ist der nicht durch die zweitausend Jahre seither widerlegt? Überhaupt nicht. Jedem glaubenden Herzen und jeder innigen Gemeinschaft steht das Ende unmittelbar bevor. Wenn ich sterbe, geht nicht nur mir die ganze so reiche Welt unter sondern auch meinen Lieben unsere gemeinsame Welt. Deshalb war die urchristliche Naherwartung kein Mißverständnis, bleibt auch für uns die gültigste Einstellung zum Geheimnis der Zeit. Sollte jemand - wie mein Freund Wilhelm Klein - sogar hundertsieben Erdenjahre erreichen (mitgerechnet die Monate im Mutterschoß), ist ihr Ende doch jederzeit aufregend nahe. Die Jahre taumeln dahin, war es nicht erst gestern, daß wir die Flugzeuge in die New Yorker Wolkenkratzer rasen sahen? Nein, zwischen jetzt und dem totalen Zusammenbruch meiner Welt liegt keine lange Zeit.

II. FEUER

Sie muß noch radikalisiert werden. Nicht bloß bald kommt das Ende, schon jetzt, in diesem Augenblick, bricht es herein. In der ersten Lesung aus dem Propheten Maleachi wird das Ende "der TAG" genannt, da aller Erdenstolz wie Stroh verbrennt. "Seht, der Tag kommt, er brennt wie ein Ofen: Da werden alle Überheblichen und Frevler zu Spreu, und der Tag, der kommt, wird sie verbrennen, spricht der Herr der Heere. Weder Wurzel noch Zweig wird ihnen bleiben."

Dieser TAG ist jeweils JETZT, etwa so, wie mein Druck auf eine Taste der Tastatur in seinem Wert davon abhängt, ob das Programm ihn JETZT gelten läßt oder nicht. Wenn nicht, könnte ich so eifrig herumhacken wie ich will, es wäre vergeblich, das schon Getippte wäre abgestürzt, weitertippen brächte nichts. (So ändern sich die Höllengleichnisse, früher sah man das Unheil im Wahn der Sekretärin ohne Farbband.) Je nachdem, wer ich sein will, mit welcher Schicht meiner selbst ich mich identifiziere, muß ich an Gottes Tag im Feuer entweder verbrennen oder darf mich durch es läutern lassen. Will auch ich das Geschöpf sein, das der Schöpfer will, dann muß ich mich vor seinem Feuer so wenig fürchten wie ein mit Strohmist zusammengebackener Klumpen Gold. Wehe mir aber, wollte ich in frevlerischem Hochmut lieber das Stroh meiner Eigensucht sein!

Besinnen wir uns also auf die Zweideutigkeit, besser: Doppeldeutlichkeit des Feuers. Es bedroht und hilft, zerstört und rettet, je nachdem wie es uns begegnet.

III. Dasselbe ganz anders

An eine weitere Doppeldeutlichkeit denkt man nur selten. Das uns vertraute nördliche Ineinander von Kirchenjahr und natürlichem Jahr ist nicht die einzige Weise, wie Christen das Ende erleben. Bei uns wird es kalt, die Blätter fallen, die ersten Schneewehen lassen Autos rutschen und zwingen Züge jäh zum Halt. Anders in Neuseeland oder Südchile. Dort weht im November Maienluft, liegt der Gefühlsakzent auf dem Osteraspekt am Schluss der Lesung: "Für euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen ... Es wird euch kein Haar gekrümmt werden. Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen." Da aller Christen Glaube einer ist, warum sollte, wer beim Blick aus dem Fenster in Depression zu stürzen droht, sich nicht vorstellen, er stehe eben jetzt in Australien unter einem blühenden Kirschbaum, und sich dann darauf freuen, daß er das in einem halben Jahr auch hier wieder kann?

Erinnern wir uns, wie der weise Gilbert Chesterton den Unterschied zwischen Ungläubigen und Gläubigen erklärt: Für die Ungläubigen ist Ostern ein Frühlingssymbol, dem Gläubigen ist der Frühling ein Symbol für Ostern. Gegen Ende seiner 107 Jahre wurde der Jesuit Wilhelm Klein manchmal ungeduldig: Wie lange muß ich noch im Vorzimmer warten?

Nichts, außer allem Nichtigen, ist vorbei. ALLES kommt noch.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

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