Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

Kat-holisch konservativ

Gedanken zum neunundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


»Bleib bei dem, was du gelernt und wovon du dich überzeugt hast« (2 Tim 3,14).

Was denkt bei diesem biblischen Signal des christlichen Konservativismus jemand, den die einen Freunde als allzu kirchenhörig tadeln, andere als leider nicht treu genug manchem einst gemeinsam befolgten Lebensprogramm? So gestellt, beschreibt die Frage fast jeden Christen.

Versuchen wir eine Antwort. Wahrscheinlich schrieb das nicht Paulus selbst, sondern um das Jahr einhundert berief ein Unbekannter sich auf dessen Autorität. Wer es damals las, war entweder Judenchrist oder Heidenchrist. Als Jude hatte er sich überzeugt, dass Jesus der lang erwartete Messias ist, ein Heide hatte ihn als Boten oder sogar Erscheinung des wahren Gottes geglaubt, der sich nicht mehr unter den Götterbildern heidnischer Traditionen verbirgt, sondern endlich in der Gestalt dieses so wunderbar lebendigen Menschen persönlich offenbart hat. In beiden Fällen hat der Glaubende eine geistliche Revolution erlebt. Gestern Gültiges ist für immer abgetan, auf einen neuen Weg strahlt hellstes Licht. Mit solcher Neuausrichtung beschenkt, war jemand von da an vernünftigerweise konservativ.

Unsere Situation nach zweitausend Jahren Christentum ist anders. Wovon wir uns früher einmal überzeugt haben, war eine bestimmte Facette der von innen heraus leuchtenden, nach vielen Entwicklungsschritten hoch komplexen christlichen Glaubensgestalt. Stellen Sie sich eine anderthalb Meter messende Glaskugel vor, großflächig bunt bemalt, in der Mitte strahlt eine 500-Watt-Glühbirne. Dann erfährt jeder Betrachter dasselbe Licht aber nicht die gleiche Farbe. Je nachdem, wo er steht, überzeugt er sich mit Recht davon: Das Licht ist rot. Oder blau. Oder gar – direktes Gegenteil! – grün. Muss, wer z.B. Grün sieht, "bei dem bleiben, wovon er sich überzeugt hat"? In zwei Sinnen ja, in einem nein. Ja: Das innere Licht ist hell. Und ja: Es zeigt sich mir jetzt grün.

Aber auch nein, sobald der Beobachter anderswohin versetzt wird. Dann leuchtet das eine wahre Licht plötzlich anders, gar als mit dem bisher Geglaubten scheinbar unvereinbare Gegenwahrheit. So ist es einem großen Teil der Christenheit im sechzehnten Jahrhundert ergangen, der katholischen Kirche als (fast) ganzer beim jüngsten Konzil [vgl. hier den Nachtrag am Schluss], mir vor bald vierzig Jahren. Manche Mitchristen, die zwischen hell und grün (ihnen real identisch) nicht begrifflich unterscheiden (können/wollen) und deshalb (subjektiv zu Recht?) rot für finster halten (durch die grüne Brille erblickt ist es das), nehmen mir meinen Wechsel immer noch übel. Doch bekenne ich in der Helle unseres gemeinsamen Lebenslichtes die Hoffnung, wider den Verdacht einiger Mitkatholiken durchaus im Sinn unserer Lesung kat-holisch geblieben zu sein.

P>Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/c-s29.htm


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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