Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

Gott schauen?

Gedanken zum sechsundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


»... der König der Könige und Herr der Herren, der allein die Unsterblichkeit besitzt, der in unzugänglichem Licht wohnt, den kein Mensch gesehen hat noch je zu sehen vermag: Ihm gebührt Ehre und ewige Macht. Amen« (1 Tim 6,16).

Wenn kein Mensch Gott sehen kann – wie nennt Jesus dann die »selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen« (Mt 5,8)? An diesem Widerspruch muss die Christenheit arbeiten, das hat sie im griechischen Osten anders getan als im lateinischen Westen.

Die Ostkirche lehrt, dass für uns Geschöpfe Gott dem Wesen nach unschaubar ist; doch werde Er von den Seligen in seinen Taten und Energien geschaut. In ihnen zeige sich wirklich Gott selbst, wie auch wir uns in einem Streicheln oder Lächeln einem Kind zeigen, ohne dass es dadurch unser Wesen voll verstünde. So werden, die reinen Herzens sind, Gott sehen, obwohl kein Mensch Gottes Wesen sehen kann.

Die Westkirche löst die Aufgabe anders. 1336 verkündete Papst Benedikt XII. als Dogma, dass die Seligen Gottes Wesen von Angesicht zu Angesicht schauen. »Ohne Vermittlung zeigt sich ihnen die göttliche Wesenheit nackt, klar und offen.« Freilich können sie das nicht aus eigener geschöpflicher Kraft, vielmehr kräftigt übernatürliches Glorienlicht ihren Blick. So bleibt die Spannung gewahrt: Schlicht als Mensch, aus eigener Kraft, kann kein Mensch Gott schauen.

Jede dieser Lösungen scheint klar. Warum sollten wir uns dennoch mit keiner zufrieden geben? Einmal, weil die Klarheit nur vorgetäuscht ist. Wie jenes Glorienlicht zu verstehen sei, hat noch kein lateinischer Theologe erklären können, ebenso wenig ein östlicher den Gegensatz von Wesen und Energie im all-einfachen Gott.

Zum andern reicht deshalb keine dieser Antworten hin, weil allein ihr Zusammendenken den notwendigen Frieden von Ost- und Westkirche fördert. Als deren Zwist beim Konzil von Florenz verhandelt wurde, fand man 1439 zu einer »Einigungsformel« von aufregender Verzwicktheit: »Die Seelen ... schauen klar den dreieinigen Gott selbst, wie er ist, aber - nach der Verschiedenheit der Verdienste - einer vollkommener als der andere.« [Dekret für die Griechen, 6. Juli 1439 (D 693)] Als ich den Satz als Student las, hat er mich geärgert. Auch bei der ewigen Freude sollen noch Rangklassen zwischen Braveren und weniger Braven scheiden? Gibt in Jesu Gleichnis der Herr am Abend nicht allen Arbeitern den gleichen Lohn? Ich argwöhnte so etwas wie theologische Lebensmittelmanipulation. »Die Sternwelt wird zerfließen zum goldnen Lebenswein«, sang ich mit Novalis - plötzlich schien der Gotteswein von einem Mißgeschmack verunreinigt. Was hatten jene Konzilsväter sich gedacht? Jeder war in seinem Kreis ein angesehener Oberer - haben sie sich frech getraut, mit ihrem Rangbedürfnis auch noch den Himmel zu verdrecken? Dem wollte ich auf den Grund gehen und war, wie zornig, so auch froh: endlich hatte ich das Thema meiner Doktorarbeit. Das Ergebnis steht ausführlich in Bibliotheken, kurz im Internet.

Mein Verdacht war unbegründet. Es ging in Florenz nicht um die Verewigung weltlicher Rangstufen. Man wollte die Kircheneinheit in Ost und West wiederherstellen. Die Verfasser jenes Satzes standen vor einer heiklen Aufgabe. Die Denkwelten der Griechen und Lateiner hatten sich Jahrhunderte hindurch auseinanderentwickelt. Das war den Fachleuten damals aber nicht ausdrücklich klar. Jede Seite ging davon aus, daß die andere mit denselben Wörtern das Gleiche denke wie sie selbst. So war es aber nicht. Sondern unser innerbiblischer Gegensatz, der den meisten Christen nie aufgefallen ist, hatte sich zwischen beiden Kirchen zu einem glatten Widerspruch verschärft bei der systematischen Frage: Schauen die Seligen Gottes Wesen? Den Lateinern ist ihr Ja, den Griechen ihr Nein gleich unaufgebbar, heute noch! Trotzdem ist Glaubensfriede nicht unmöglich. Eine Formulierung, zwei einander ausschließende Verständnisse, ein Glaube. Wie lässt er sich erklären? Gibt es in unserer Erfahrung einen erlebbaren Gegensatz, der den von Unschaubarkeit und Schau Gottes abbildet?

Zum Bild Gottes ist der Mensch geschaffen. Am Sommermorgen gehe ich barfuß durchs Gras. Der Fuß spürt nasse Halme, das Ohr hört nahes Vogelzwitschern und fernes Glockengeläut, das Auge freut sich an Wiesengrün und Himmelsblau, die Stirn genießt wärmende Sonne, die Nase den frischen Duft. Jeder Eindruck ist anders, kein Sinn hat Zugang zum Inhalt der anderen. Und doch sind sie nicht getrennt, vielmehr verbunden als mein waches Ich. Ich selbst gehe, spüre, sehe, höre, rieche und weiß, dass dies alles mein in sich eines Leben ist. Ähnlich, glaube ich, ist es im Großen. Wie ich mein Selbstbewusstsein insgesamt weder sehen noch hören noch riechen noch tasten kann, so kann kein Mensch, als dieser bestimmte, Gottes der schöpferischen Einheit des Ganzen unmittelbar bewusst sein. Nie wird das Gesehene hörbar, das Gehörte sichtbar. und doch weiß ich mich beim Schauen zugleich als hörend. Wie dem zeitlich heilen Menschen alle Einzelvollzüge als das eine Leben desselben Ich bewusst sind, so darf DANN im Ewigen Heil jedes erlöste Ich im vollen göttlichen Leben mitschwingen, wie es sich so wunderbar jetzt kein Herz vorstellen kann.

Streiten wir also nicht weiter zwischen West und Ost über Schau oder Unschaubarkeit des göttlichen Wesens! Recht verstanden, stimmt beides; polemisch vereinseitigt, gehört jede Position als häretisch verurteilt. Ob man das Geheimnis Glorienlicht nennt oder im Unterschied von Wesen und Energie findet oder – wie vorgeschlagen – in der Viel-Einheit der Ichvollzüge ahnt, darauf kommt es nicht an. Sondern auf das reine Herz, in dessen Innerstem das Ewige Licht sich schaut.

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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