Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

Wild oder zahm?

Gedanken zum fünfundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


Heute ist es besonders schade, dass auf deutsch meist nur eine der beiden Lesungen vorgetragen wird. Denn sie gehören derart zusammen, dass ihre göttliche Botschaft sich erst zeigt, sobald beide gegensätzlichen Standpunkte samt ihrem Widerspruch dem Hörer bewusst werden.

Der Prophet Amos nimmt schon acht Jahrhunderte vor Christus die scharfen Trompetentöne vorweg, die wir heute »Theologie der Befreiung« nennen. Er lässt die herrschenden Kreise sagen, was sie denken: »Wir wollen den Kornspeicher öffnen, das Maß kleiner und den Preis größer machen und die Gewichte fälschen. Wir wollen mit Geld die Hilflosen kaufen, für ein paar Sandalen die Armen. Sogar den Abfall des Getreides machen wir zu Geld ... Beim Stolz Jakobs hat der Herr geschworen: Keine ihrer Taten werde ich jemals vergessen.« (8,5 f)

Wild erschallt dieses »Wort des lebendigen Gottes« von links; ihm gerecht wird, wer sich gegen das Treiben einer solchen Oberschicht stellt, in unseren Tagen demnach dazu beiträgt, die gewissenlosen Finanzhaie an ihrem schändlichen Werk zu hindern.

Aus dem ersten Timotheos-Brief (2,2) klingt es anders. Da werden die Gläubigen ermahnt,»zu beten und zu danken ... für die Herrscher und für alle, die Macht ausüben, damit wir in aller Frömmigkeit und Rechtschaffenheit ungestört und ruhig leben können. Das ist recht und gefällt Gott, unserem Retter.«

So spricht, von rechts her, eine zahme staatsfromme Theologie. Damals waren die Herrscher noch keine Christen. Erst recht hat diese Denkweise sich in den langen Jahrhunderten der Verbindung von Thron und Altar durchgesetzt, als bei jedem Gottesdienst für die Regierenden gebetet wurde; damals erfuhr das Volk offiziell, wenn wieder einmal »die Allerhöchsten Herrschaften sich ins Haus des Höchsten begaben«.

Auch innerhalb des Neuen Testaments treten beide Pole auf. Klaus Berger weist darauf hin, wie scharf die Kapitel 13 des Römerbriefs und der Apokalypse einander widersprechen. Wild oder zahm – was ist hinsichtlich unserer Einstellung zur politischen Ordnung die göttliche Wahrheit?

Keins von beiden immer und überall. Jedes dann, wenn es vor Gott und den Menschen dran ist. So unterscheidet wacher Glaube sich von Öl- oder Sand-Ideologie. Was aber dran sei – wer stellt das fest? Des Einzelnen Gewissen, der Gemeinde Beschluss. Dass es dabei zu Spannungen kommt, ist normal. Theoretisch klar, praktisch alles offen lassend ist der Grundsatz des heiligen Ignatius von Loyola, den er am 5. Juni 1552 aus Anlass einer kirchenpolitischen Tagesfrage seinem Freund Franz von Borja schrieb: "Es gibt da keinen Widerspruch, denn es kann sein, dass derselbe Geist Gottes mich aus den einen Gründen zu dem einen drängt und andere, aus anderen, zum Gegenteil."


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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