Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

Auch Jesus besteht die Mose-Prüfung

Gedanken zum vierundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


Die erste Lesung stellt an die Christenheit eine peinliche Frage. Habt ihr in der gleichen Prüfung, die Mose so großartig bestanden hat, schändlich versagt? Nachdem das Volk sich ein goldenes Kalb als Götzenbild gemacht hatte und so von Gott abgefallen war, sprach der Herr zu Mose: Ich habe dieses Volk durchschaut: Ein störrisches Volk ist es. Jetzt lass mich, damit mein Zorn gegen sie entbrennt und sie verzehrt. Dich aber will ich zu einem großen Volk machen. Da versuchte Mose, den Herrn, seinen Gott, zu besänftigen, und sagte: Warum, Herr, ist dein Zorn gegen dein Volk entbrannt? ... Da ließ sich der Herr das Böse reuen, das er seinem Volk angedroht hatte.

Mose wollte nicht, gegen sein Volk, selbst der Anfang eines neuen Gottesvolkes werden. Eben dazu aber hat die Christenheit Jesus Christus machen wollen. Schon bald nach ihrem Anfang hieß es, die Juden seien von Gott verworfen, jetzt sei die Kirche das Neue Israel, nur Christen würden gerettet, Heiden wie Juden hingegen seien sämtlich zur Hölle unterwegs. Die Älteren erinnern sich: Noch bis zum II. Vatikanischen Konzil hat man weithin ähnlich gedacht.

So schien der offizielle Christus minder großherzig zu sein als Mose. Denn der hatte die Idee, auf Kosten des Volkes selbst groß zu werden, sofort abgelehnt. Erst vor kurzem ist uns Christen klar geworden: Dieser üble Schein trog. Der wirkliche Jesus war nicht nur zu Lebzeiten ein Tora-treuer Jude; auch als auferstandener Christus überlässt er niemanden dem Verderben, weder die Juden (Gottes Bund mit ihnen gilt weiter) noch die "Heiden“, d.h. jene vielen Menschen überall, auch in den Ländern der Christenheit, die nicht an ihn glauben können – zum Teil deshalb, weil unwürdige Christen seinen Namen schänden.

Nein, Jesus muss sich auf dem Berg der Verklärung (Mt 17,3) vor Mose nicht schämen. Christus will nicht ohne seine Menschengeschwister von Gott als einziger auf einen besonderen Sockel gestellt werden. In uns allen, für und mit uns lebt die Gott-menschliche Person, zugleich Einer (nicht bloß eins, Gal 3,28) und viele, ähnlich wie du in deinem Selbstbewusstsein eine(r), und zugleich in Fingern wie Zunge, Auge wie Ohr viele höchst verschiedene Selbstvollzüge bist.

Dass nach so vielen Jahrhunderten scheinchristlicher Arroganz jetzt auch die offizielle Kirche die wahrhaft revolutionäre göttliche Demut ihres Stifters endlich wahrnimmt und für sich selber zu lernen versucht, lässt für die eben angebrochene Zukunft Spannendes erwarten. Während seiner Portugalreise sprach der Papst von der jetzigen "Lehrlingszeit“ der Kirche und von ihrer "lebendigen Spannung (convivência), in ihrem unverrückbaren Festhalten am Ewigkeitscharakter der Wahrheit, mit der Achtung gegenüber anderen 'Wahrheiten' [die Anführungszeichen konnte er nicht vorlesen!] oder mit der Wahrheit der anderen”. Dazu schreibt die angesehene Londoner Zeitschrift TABLET (22 May 2010,2): “Dies ist nicht ganz der Joseph Ratzinger, den wir gewohnt sind. Dies ist eher ein aufgeschlossener Mann auf einer Reise in unbekanntes Gebiet, einer Reise von der Konfrontation zum Dialog. Niemand kann des Reiseziels gewiss sein, aber es geht bestimmt nicht zurück in die Vergangenheit.”


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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