Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

Zu göttlicher Würde berufen

Gedanken zum zweiundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


"Ein weises Herz versteht die Sinnsprüche der Weisen, ein Ohr, das auf die Weisheit hört, macht Freude" (Sir 3,29).

Auch aus solcher Volksweisheit des alten Israel lässt sich christlicher Honig saugen. Bevor wir das versuchen, sei eine spöttische Fassung desselben Gedankens vorgestellt, wir verdanken sie der klugen Marie von Ebner-Eschenbach: "Einen mit Weisheit Gesalbten darf man nie warm werden lassen, sonst trieft er“ – und das Ohr des Vollgequatschten wird mit unverdaulicher Weisheit überschwemmt. Als Ohr dürften wir das alle schon erlitten haben, viele leider auch als Mund verübt.

Welche christliche Botschaft finden wir in der Freude des weisen Mundes am vernehmenden Ohr? Nennen wir sie: Prinzip der Gleichrangigkeit geistiger Beziehungspole. Üblicherweise gilt jemand, der etwas weiß und erklären kann, mehr als wer es nicht weiß und den anderen fragen muss. Der Lehrer fühlt sich den Schülern überlegen, ein Erfinder lässt sich sein Wissen patentieren, damit andere ihn fragen und für die Antwort zahlen müssen. Ins Unendliche steigert sich solcher Abstand in den Offenbarungsreligionen: da lebt der allwissende Gott hoch erhaben über uns Menschen, denen das Geheimnis des Ganzen unbekannt bleibt, solange der Schöpfer es seinen Geschöpfen nicht gnädig mitteilt.

Auch der christliche Glaube wird vielfach so verstanden. Dabei kommt jedoch nur seine natürliche Voraussetzung in den Blick, nicht seine eigene Wahrheit. Die wird von Christus vielmehr in dem ungeheuren Satz enthüllt: "Ich nenne euch nicht mehr Knechte sondern Freunde“ (Joh 15,15). Plötzlich ist alles anders. Die Beziehung der Schöpfung zum Schöpfer bleibt bestehen, wird aber durch und durch verwandelt, indem sie in die gleichrangigen innergöttlichen Beziehungen einbezogen wird. Wohl sind vor Gott "die Völker wie ein Tropfen am Eimer, sie gelten soviel wie ein Stäubchen auf der Waage“ (Jes 40,15), in Christus darf aber jedes Menschenkind des ewigen Vaters Tochter oder Sohn sein, von Herzen geliebt. So lehrt es, in einer ebenso erstaunlichen wie unbekannten Aussage, das Zweite Vatikanische Konzil: “Christus hat sich bei seiner Menschwerdung irgendwie mit jedem Menschen vereinigt” (GS 22).

Und schon herrscht zwischen himmlisch offenbarendem Mund und irdisch hörenden Ohren nicht mehr die einseitige Überlegenheit des Wissenden über die nicht Wissenden. Jetzt gilt: Erst im willig hörenden Ohr kommt des Mundes Offenbarung ganz zu sich. Wer ist trauriger als ein Kind oder Genie, das ein wunderbares Bild gemalt hat – und keiner will es sehen? Oder jemand möchte seine Geschichte erzählen, und niemand hört zu? Trauen wir uns die selbstbewusste Zuversicht, dass unser Hören auf Gottes Botschaft, unser dankbares Wahrnehmen freundlicher Winke von innen nicht nur uns gut tut, sondern tatsächlich dem Schöpfer des Alls Freude macht! Ähnlich wie damals dem Dirigenten Richard Wagner in Bayreuth, wenn eine Choristin des Meisters Absicht aufnahm. Das Zueinander von sich zeigender und wahrnehmender Vernunft ist – auch in uns – eine echt innergöttliche Beziehung.

Eine andere ist griechisch das Zueinander von Agape und Eros, lateinisch das von Caritas und Amor; es lässt sich deutsch umschreiben als Beziehung von sich schenkender weiblicher Liebe und dem sie begehrenden und an ihrer Selbstgabe sich freuenden männlichen Wunsch und Genuss. Dem Augsburger Weihbischof Josef Zimmermann (1901-76) verdankt die Kirche die Einsicht, dass wir auch diese Relation weiblicher und männlicher Liebe als echt göttliches Zueinander verehren dürfen. Was die katholische Scholastik seit dem Mittelalter als Korrelation spiritus / spirator fasst, d.h. als die Beziehung der Heiligen Liebeshuld zu Vater und Sohn gemeinsam, werde symbolisiert in der Beziehung der sich schenkenden Frau und Mutter zu dem sich an ihr freuenden Mann und Kind. 1941 schrieb Zimmermann: "Jedermann weiß, daß das 'männliche' und das 'weibliche' Lieben zwei ganz verschiedene Arten von Liebe sind, daß beide zusammen erst die ganze Liebe ausmachen. Warum hat dies keiner theologisch-spekulativ ausgewertet? Der Mensch ist Gottes Ebenbild, nicht bloß der Mann oder bloß das Weib. Was darf es uns wundern, wenn sich in Gott beide Arten der Liebe finden, ja daß gerade die Gegensätzlichkeit dieser beiden sich wunderbar ergänzenden Liebesformen personenbildend ist?“

Seit diesem früh-feministischen Text von 1941 gehört mithin der Begriff Göttin in die Schatzkammer des katholischen Denkens! Neu aufgegangen ist mir das in der Abendmesse am 26. Juni 2010 während der Feier der Goldenen Hochzeit des Ehepaares Loew, im Beisein von neun Enkeln. Das würdige Jubelpaar sehend und zugleich von der Empore herab "Ubi caritas et amor“ hörend, leuchtete mir blitzhaft im Abbild dieser Beiden die urbildliche Spannungs-Einheit AMOR <=> CARITAS auf.

Selbstverständlich wollen in Frauen wie Männern beide Pole der göttlichen Liebe wirken, davon wird die Strahlkraft des Bildes aber nicht getrübt, im Gegenteil: Wohl sollen Männer auch Evas Lieblichkeit leben, Frauen auch Adams Elan, doch gerade um diese wichtige Wahrheit sagen zu können, braucht es Zimmermanns Einsicht in den absoluten Rang beider Gegensatz-Pole. Wollte man nur eine "uninteressierte Liebe“ preisen, Begehren und Genuss aber als ungöttlich verwerfen, würde die uns belebende absolute Spannung verkannt.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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