Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

Göttliche Schmerzpädagogik?

Gedanken zum einundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


"Wen der Herr liebt, den züchtigt er; er schlägt mit der Rute jeden Sohn, den er gern hat. Haltet aus, wenn ihr gezüchtigt werdet. Gott behandelt euch wie Söhne. Denn wo ist ein Sohn, den sein Vater nicht züchtigt? (Hebr 12,6 f)

Wird hier Gewalt gegen Schutzbefohlene angeraten? Keineswegs. Die damals übliche Realität wird vom Wort Gottes nicht autoritativ bejaht, dient lediglich als Hintergrund, vor dem die eigentliche Botschaft aufleuchtet: In der Züchtigung haltet aus! In einer Zeit, da die Prügelstrafe in normalen Familien als selbstverständlich gilt, findet der christliche Glaube auch in ihr – wie in allem – gültige Bilder für die ihm offenbarte Wahrheit der Wirklichkeit überhaupt. Diese Zeit ist noch nicht lange vorbei. Gegen Ende der Vierziger Jahre schrieb mein Vater mir nach der Unterschrift, mit der er vom Tadel des Lehrers Kenntnis nahm, die altrömische Grobheit ins Heft: "Schiffe und Knaben werden von hinten gesteuert.

Heute ist das zum Glück weithin anders, für wie lange? Da Mode, auch geistige, sich wellenförmig bewegt, stehen künftigen Kindern ja vielleicht wieder härtere Zeiten bevor. Egal jedoch, wie eine öffentliche Meinung zur Rute steht, sollte unbestritten sein, was die benediktinischen Verfasser des Messbüchleins von 1971 feststellten: "Ohne Zucht, d.h. ohne klare Forderungen, gibt es keine Erziehung im Sinn von Hilfe zu Wachstum und Reife. Solche Forderungen müssen mit Strafen bewehrt sein, sonst greifen sie nicht. Dürfte ich als Kind wählen, zöge ich jedenfalls die Rute (in meinem Fall war es ein Stück Vollgummi) jenem kalten Liebesentzug vor, der manche Familien verdüstert; als Gleichnis göttlicher Pädagogik eignet der sich nicht.

Zu Vorsicht beim Einsatz des Ruten-Gleichnisses mahnt ein anderes Bibelbuch. Wie Ijobs Freunde ihm klarmachen wollen, seine Leiden seien gewiss die Folge seiner Sünden, wehrt er sich – und Gott gibt zuletzt ihm recht, nicht der Moralrechnerei der Zuschauer. Wie löst sich die Spannung zwischen Ijob und unserer Lesung? Ich schlage vor: Eigenes Leid darf ein glaubendes Herz sich als Strafe Gottes deuten; fremdes einem Betroffenen so zu erklären hüte man sich. Wird solche Deutung von außen aufgedrängt statt von innen zu wachsen, erzeugt sie nicht Demut, eher Gotteshass. Überzeugt sie hingegen als Botschaft aus der eigenen Tiefe, kann sie wunderbaren Frieden schenken. Als mein Vater laut eingestand, er habe die Schmerzen der Schlussphase seines Lebensweges wahrhaft verdient, konnte ich ihm nicht widersprechen. Aber von Herzen verzeihen.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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