Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

Die Große Liebesgeschichte

Gedanken zum zweiten Sonntag im Jahreskreis


Auf eine lebenswichtige Frage finde ich in der heutigen Liturgie eine Antwort:

Wie stellen gläubige Christen sich zu Juden, Muslimen und Atheisten?

Hier geht es um eine lebenswichtige Sache, soviel ist spätestens seit dem 11. September 2001 klar. "Kein Weltfriede ohne Religionsfrieden", mahnt Hans Küng mit Recht. Allerdings dürften Sie nach dem Durchlesen der heutigen Texte erstaunt fragen, wo denn dort etwas über andere Glaubensweisen stehe. Selbst in der zweiten Lesung spreche Paulus zwar von den vielen Gnadengaben des einen Geistes, beziehe sich jedoch nur auf die christliche Gemeinde in Korinth; von anderen Religionen, gar einem gottlosen Humanismus, sei dort überhaupt nicht die Rede. Erst recht nicht in der ersten Lesung oder im Evangelium.

Dieser Protest stimmt. Wer von einer Predigt die wissenschaftlich bündige Erläuterung des Wortsinns der Bibeltexte erwartet, breche jetzt also lieber ab, er würde beim Weiterlesen enttäuscht. Was ich heute anbiete, ist etwas anderes. In über dreißig Jahren Mitarbeit bei der "Weltkonferenz der Religionen für den Frieden" haben die Schlußsätze der Lesung aus Jesaja [62,5] sich mir allmählich zur mitreißenden Vision eines möglichen Religionsfriedens geklärt. Inzwischen ist sie aus theoretischer Vermutung zur festen Überzeugung geworden. Sie gestattet, dem eigenen christlichen Glauben treu zu sein und andere Glaubensweisen als ihm gleichberechtigt zu achten. Kann ich sie Ihnen vermitteln? Sehen wir zu.

"Wie der junge Mann sich mit der Jungfrau vermählt, so vermählt sich mit dir dein Erbauer. Wie der Bräutigam sich freut über die Braut, so freut sich dein Gott über dich."

Die heilige Stadt Jerusalem als Gottes Braut - diese Glaubensüberzeugung dürfte den meisten heutigen Christen recht fremd vorkommen. Dabei steht die Stadt für die in ihr Lebenden, und die Einwohner Jerusalems bedeuten (im christlichen Verständnis) alle Menschen. Dürfen wir diesen Worten trauen? Gibt es so etwas wie eine Liebesgeschichte Gottes mit der Menschheit?

Der Zeitgenosse stockt. Kommt eine solche Idee nicht einer Gotteslästerung nahe? Denken wir an die Filme über Ehekrisen oder all die Liebesaffären, die regelmäßig in der gelben Presse ausgebreitet werden, wo es mal tragisch mal komisch zugeht und meistens derart, daß es lästerlich scheint, Gottes Heiligkeit mit derlei Vorstellungen in Zusammenhang zu bringen.

Der Einwand mahnt zur Vorsicht. Trotzdem erfahren wir nicht nur in der heutigen Lesung von der Gott-menschlichen Liebesgeschichte. Die Vorstellung zieht sich durch die ganze Heilige Schrift, vom Propheten Hosea (um 750 v.Chr.) bis zum letzten Buch des Neuen Testaments.

Wie ist es zu ihr gekommen? In den antiken Ackerbaukulturen galt die Idee der "Heiligen Hochzeit". Vom Sperma des Himmels, dem Regen, wird die Erde befruchtet. Rituell gefeiert wurde dieser Lebensgrund oft als sakrale Prostitution: Bei den Heiligtümern gab es Kult-Huren für Pilger. Israels Propheten haben diese Sitte verabscheut. Berühmt ist die Geschichte des Propheten Hosea. Er hat jene uralten Bräuche, denen auch in Israel die Landbevölkerung zuneigte, neu gedeutet. Tief in den heidnischen Greueln verborgen entdeckte der Prophet die bestürzende Wahrheit: Ja, Himmel und Erde lieben einander. Nicht deshalb aber, weil der Felder Gedeihen Ausdruck einer universalen Sexualität wäre, die es durch Orgien zu stärken gilt. Nein: Die Tempel-Unzucht ist Treuebruch: denn in Wahrheit ist Volk und Land Israel: Jahwes Braut. ER hat sie sich verlobt, einst - in unschuldiger Wüstenzeit - war sie IHM treu, inzwischen aber hat sie IHN verlassen und hurt mit den heidnischen Göttern herum:

"Darum will ich selbst sie verlocken.
Ich will sie in die Wüste hinausführen und sie umwerben.
Dann gebe ich ihr dort ihre Weinberge wieder,
und das Achortal mache ich für sie zum Tor der Hoffnung.
Sie wird mir dorthin bereitwillig folgen
wie in den Tagen ihrer Jugend,
wie damals, als sie aus Ägypten heraufzog.
An jenem Tag - Spruch des Herrn -
wirst du zu mir sagen: Mein Mann!"
[Hos 2,16-18]

Jahrhunderte später entstand eines der seltsamsten biblischen Bücher. Das Hohe Lied ist eine Sammlung erotischer Gedichte, in hinreißenden Wechselgesängen freuen ER und SIE sich ihrer Liebe. Wie üblich, streiten die Gelehrten über den Sinn der Schrift. Ist sie ein Melodram von Hirtin und Hirt? Eine Sammlung deftig-feiner Hochzeitslieder? Gar ein Überbleibsel jenes Tempelkultes - wie kam sie dann aber in den Kanon der Heiligen Schrift? Jedenfalls ist das "Lied der Lieder" schon im frühen Judentum symbolisch aufgefaßt worden: als Lobpreis der innigen Verliebtheit Gottes und seiner Freundin Israel, diesmal ungetrübt, in leidenschaftlicher Hingabe aneinander.

Die Christen übernehmen das Gleichnis, sehen es dramatisch aktualisiert. Zu Jesu erstem Zeichen bei der Hochzeit von Kana (im heutigen Evangelium) meint Augustinus: "Was Wunder, daß in jenes Haus zur Hochzeit kam, der in diese Welt zur Hochzeit kam?" (In Joh 8,4) Die Braut Zion heißt jetzt Ekklesia, die Herausgerufene, aus der Kammer zum öffentlich-wechselseitigen Jawort mit Gott vor aller Welt Gerufene. Christus ist DAS JA! (2 Kor 1,20) Die Kirche ist die Gattin des Messias (Eph 5,28-32): "Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen eigenen Leib gehaßt, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche. Denn wir sind Glieder seines Leibes. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche."

Dieser Ehebund ist nichts bloß Zeitliches, sondern wird zuletzt der Inhalt des Ewigen Festes sein: "Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat ... Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen" (Offb 21,2.4). Weil die christliche Ehe an diesem Gott-menschlichen Liebesbund teil hat und ihn bedeutet, gilt sie in der katholischen Kirche als Sakrament.

Fragen wir nun aber: Was wird nach Gottes Hochzeit mit Ekklesia aus seiner jüdischen Gefährtin Zion? Immer noch, wie vor Jahrtausenden, liest die jüdische Glaubensgemeinschaft beim Pessachfest aus dem Hohen Lied vor und weiß sich als geliebte Braut des Allerhöchsten. Wie stellen wir Christen uns dazu?

Nach Auschwitz anders als zuvor. Erst das Verbrechen des millionenfachen Judenmordes hat der Christenheit die Augen geöffnet, so daß sie heute die eigene Erwähltheit nicht mehr als Ablösung des jüdischen Bundes versteht sondern als dessen Ausweitung auf die Völker. In unserem Gleichnis: Nicht zwei Geliebte hat Gott sondern immer eine und dieselbe - wohl aber besteht auch die Große Liebesgeschichte, wie jede, aus gegensätzlichen Etappen. Während sie sich im Kleinen nacheinander ereignen, geschehen die Etappen der Großen Liebesgeschichte sowohl nach- als auch neben- und mit-, tatsächlich bisher leider auch gegeneinander.

So muß es nicht bleiben. Wir sollen einsehen: Sobald eine Etappe einmal aufgetreten ist, wird sie von einer lebendigen Glaubensgemeinschaft auf Dauer repräsentiert, damit jede Teil-Wahrheit fortan auf Erden anwesend sei und alle zusammen den ganzen Sinnreichtum deutlicher darstellen als eine allein es könnte.

Denken wir an unsere eigenen Liebesgeschichten. Da gibt es nicht nur den Gegensatz des intimen Beginns zum öffentlichen Ja bei der Heirat. Nach ihr ereignen sich weitere Etappen: Krisen, bei denen er oder sie zornig wird und sich nur versöhnen läßt, weil der andere Teil sein Verhalten bereut und zurücknimmt. Ähnlich im Großen. Der erste Etappen-Gegensatz, von jüdischem Anfang und christlich-öffentlichem Ja, wird zum Verständnis-Muster für weitere. Als die wichtigsten sehe ich zwei buchstäblich welterschütternde Krisen. Die eine geschah zur Zeit Mohammeds, als SIE, die Kirche (in Gestalt der hochmütigen byzantinischen Reichskirche) IHN, Christus, weniger verehrte als monopolisierte und für ihre Zwecke einspannte. Um Christen zu sein, hätten die Araber damals Untertanen des Kaisers werden sollen. Das wollten sie nicht. Die Folge dürfen wir - schlage ich vor - so verstehen: ER demütigte SIE (die Kirche), indem er Mohammed zum Propheten berief und in der islamischen Gemeinschaft eine neue Figur seiner Einziggeliebten schuf. Sie mahnt uns bis heute, Gott allein die Ehre zu geben.

Später kam es zur entgegengesetzten Krise: Nicht Gott selbst aber seine selbstsicheren Stellvertreter, die Kleriker und Mullahs, machten SIE (die menschliche Person) klein und schlecht, gönnten ihr nichts Eigenes sondern setzten gewaltsam angeblich Gottes, in Wahrheit die eigene Herrschaft durch. Das ließ SIE sich nicht gefallen. Im Musical "My Fair Lady" sieht man, wie sie ihm nach einer wütenden Szene mitten in der Nacht davonläuft. Darin erblicke ich die Etappe des atheistischen Humanismus, auch er hat seine Wahrheit.

Wie verhalten die Etappen sich zueinander? Berühmt ist die Predigt eines Bischofs: "Hochzeit, das ist: hooohe Zeit. Hochzeit, das ist: höööchste Zeit!" Was er meinte, stimmt: Ihr und sein ausdrückliches Ja zueinander vor aller Öffentlichkeit, dieses Ja ist ein Höhepunkt einer Liebesgeschichte. Wichtiger als der Blitz des intimen Anfangs? Als, später, die erste Umarmung nach einem Zerwürfnis? Ach, so fragen Erfahrene nicht. Existentielle Augenblicke rivalisieren nicht miteinander. Zwischen den Etappen derselben Liebesgeschichte läßt sich vernünftigerweise keine Rangfolge aufstellen; aus je anderer Perspektive will jeder ihrer Augenblicke doch die ganze Beziehung zusammenfassen.

Deshalb enthält mein interreligiöser Friedensvorschlag keinerlei Herabsetzung der anderen. Als Judentum heißt die Geliebte Zion beim Abenteuer des intimen Bundes; als Christentum heißt sie Ekklesia am öffentlichen Hochzeitstag; als islamische Fatima ist sie die Gattin, die nach einer von ihr ausgelösten Ehekrise von ihm gedemütigt wird; als modern-gebildete Miss Eliza läßt sie ihn sitzen und verschwindet in der Nacht der Gottlosigkeit - hoffentlich nicht für immer. Alle ihre Gestalten (und Untergestalten) aber sind in himmlischer Wahrheit Sie, die gute Schöpfung, die in jedem Menschen von ihrem Gott geliebt wird und ihn im tiefsten Grund auch wiederliebt, ob sie das oberflächlich weiß oder nicht.

Fällt es Ihnen zuweilen schwer, eine bekopftuchte Nachbarin oder einen atheistischen Kollegen als Ihnen vor Gottes Angesicht ebenbürtig zu schätzen? Dann könnte es hilfreich sein, sich mancher gegensätzlicher Etappen Ihrer eigenen Liebesgeschichte zu erinnern und sie als das biblische Gleichnis anzuerkennen, das sie ist. Fatima und Eliza sind gleichfalls Namen der Einen, die den Juden Zion und uns Christen Kirche heißt. Wer sind wir, daß wir andere Etappen unserer eigenen Geschichte - weil ihre Darstellung nicht uns aufgetragen ist - als falsch abtun?


Zum Weiterdenken:

Weltkonferenz der Religionen für den Frieden [WCRP]: 1991 entstand eine interreligiöse Hochzeitspredigt, die fast sogar gehalten worden wäre; seit 2001 gibt es das Buch "Etappen der Großen Liebesgeschichte".

Verständnis-Muster: "Das grundlegende Paradigma für das Verhältnis der christlichen Botschaft zu den Religionen ist das Verhältnis des Neuen Testaments zum Alten." [Peter Knauer SJ im Internet]

My Fair Lady


Wer nicht aufs Netz angewiesen sein will, kann meine Internet-Präsenz auf einer CD-ROM bestellen, zusammen mit Buchtexten, die nicht online verfügbar sind (z.B. dem Dreifaltigkeitsbüchlein von 1968 [les- aber nicht durchsuchbar]). Die CD, samt Nachtrag Mai 2006 und September 2008, kostet 8,50 Euro + Porto. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/c-s2.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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