Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

Müssen Christen welt-fremd sein?

Gedanken zum neunzehnten Sonntag im Jahreskreis


Die Lesung aus dem Hebräerbrief kann unseren ökumenischen Geist neu entfachen; denn sie stellt uns Christen den Abraham als Vorbild hin, jenen ersten Glaubenden und Ur-Moslem, auf den als ihren Stammvater sich die Juden und Muslime zurückführen, die Juden durch seinen zweiten Sohn Isaak, die Muslime durch dessen Halbbruder Ismael. Was den meisten Christen nie bewußt wurde: Auch Hagar, der Mutter des in die Wüste vertriebenen und von Gottes Engel wunderbar geretteten Ismael ist damals eine reiche Nachkommenschaft verheißen worden: "Steh auf, nimm den Knaben, und halt ihn fest an deiner Hand; denn zu einem großen Volk will ich ihn machen" (Gen 21,18). Als dieses große Volk verstehen sich die Muslime. Gemäß dem Koran haben Abraham und Ismael zusammen die Kaaba gebaut, das islamische Zentralheiligtum in Mekka.

Eine auffallende Spannung mutet der Hebräerbrief den Lesern zu und beschreibt damit genau die Situation aller "abrahamisch Glaubenden" in der Welt. Die Spannung springt ins Auge, sobald wir einige Sätze zusammenrücken, die im Text weit auseinander stehen: "Aufgrund des Glaubens hielt er sich als Fremder im verheißenen Land wie in einem fremden Land auf und wohnte mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung, in Zelten ... Voll Glauben sind diese alle gestorben, ohne das Verheißene erlangt zu haben; nur von fern haben sie es geschaut und gegrüßt und haben bekannt, daß sie Fremde und Gäste auf Erden sind ... nun aber streben sie nach einer besseren Heimat, nämlich der himmlischen."

Wie sollen wir das verstehen? Abraham wohnte schon im verheißenen Land - und hat trotzdem eine Heimat noch gesucht. Zwar noch Gast und Fremdling, war er dennoch schon da, wo er hinwollte. Wie geht das zusammen?

Logisch scheinbar schlecht - geht es mir aber nicht genauso? Nach den Maßstäben der Werbung befinde ich mich in diesem Augenblick im Land der Verheißung: an sonnigem Morgen auf südspanischer Klippe vom lauen Wind umfächelt, wenige Meter vor mir bis zum Horizont das leise atmende tiefblaue Meer, dem ich soeben nach quallenlosem Bad erfrischt entstiegen bin. Kann es einem Menschen besser gehen? Nein. Anders gut, gewiß. Aber nicht besser.

Bin ich also schon in der ersehnten Heimat? Nein. Denn dieses reine Glück gleicht dem Apfel, der paradiesisch leuchtet und doch ist der Wurm drin. Heute vor acht Jahren ist nicht weit von hier eine liebe Person gestorben, und irgendwann wird, vielleicht in dieser selben Bucht, eins meiner Kinder sich meines Todes erinnern. Die Felsen dauern, seit zwanzig Jahren kennt mein Fuß hier ihre Formationen, wir Menschen aber vergehen, jedes Neugeborene trägt unsichtbar schon sein Todesurteil um den Hals, nur das Hinrichtungsdatum fehlt noch.

Suchen wir die wahre Heimat also erst im Jenseits? Müssen Christen welt-fremd sein? Vorsicht! Die Spannung zwischen jetzt und DANN ist unsere Lebenswahrheit, sie gilt es möglichst wach bewußt zu halten. Jede einseitige Auflösung der Spannung ist vom Übel, das todvergessene Vernarrtsein in diese Welt, nicht minder aber der erdverdrängende Aufblick zu einem abstrakten "Himmel" - der sich zuletzt als leerer Weltraum pseudoreligiöser Illusionen herausstellen dürfte. Während der Hornist der Symphoniker einsam im Wald die sechzehn Takte seines Solos übt, freue er sich aufs Konzert; JETZT erfährt er, wie großartig sein Lebenslied im Ganzen klingt. Was er besser nicht tut, ist jedoch: sich träumerisch in Phantasien verlieren, wie schön sein individuelles Lied wohl weitergehen mag, wie bezaubernd dessen Takte 17 bis 32 ertönen werden. Die gibt es nicht! Nicht für das Horn. Wohl - aber von anderen gespielt - für das Ohr des Hornisten und für andere Instrumente. Auch deren Spieler haben ihren Part aber vor dem Konzert eingeübt. Zu vernehmen hoffen wir DANN das ganze Konzert, von seinem Urknall bis zum letzten Ton; weil wir jetzt erst unser winziges Stück kennen, sind wir noch nicht im Land der Verheißung sondern mit Abraham unterwegs. Mitgestalten aber können wir die Ewigkeit nur in dem uns zugewiesenen Abschnitt der Raumzeit, insofern wohnen wir, wie damals Abraham, bereits im verheißenen Land, vollbringen zwischen Geburt und Tod eben die Melodie, die DANN zusammen mit allen anderen das himmlische Konzert ausmacht.

Seien wir demütig bereit, uns die wichtige Gegenwahrheit zur christlichen Himmelshoffnung von den Kritikern alles weltentfremdenden Pfaffentums sagen zu lassen, auch laut. Ein ebenso strahlender Sommertag, wie er mich umgibt, hat im vorletzten Jahrhundert den Schweizer Bürger Gottfried Keller begeistert. Seit er als Student eine Vorlesung Ludwig Feuerbachs besucht hatte (dessen 200. Geburtstag haben wir vor wenigen Tagen begangen), hielt er sich für geheilt von religiöser Entfremdung. Er auf Süßwasser dahingleitend, ich im Salzwasser ausgestreckt, blicken beide hinauf zum blauen Dome und suchen kein bessres Vaterland. Widerspricht solche Gegenwartsseligkeit der christlichen Hoffnung? Das hat er damals zwar gemeint, und auch mir versetzte sein herrliches Gedicht, als ich es vor Jahrzehnten kennenlernte, einen Stich ins Herz. Inzwischen sage ich es ohne Bitterkeit auf, nicht als Widerspruch zu meiner Hoffnung, vielmehr als sie scharf belebende, ins eigentlich Gemeinte hineinreißende Dissonanz, ohne sie wäre mein Lebenslied Kitsch. Ähnlich muß ein Stereo-Hörer, der sich jetzt auf das Cello im linken Kanal konzentriert, nicht deshalb die Trompete aus dem rechten wegleugnen. Nur von ihr abzusehen bemüht er sich, weil er weiß: Ohne den Celloton wäre das Trompetensignal unvollständig.

Ich hab' in kalten Wintertagen,
in dunkler hoffnungsarmer Zeit
ganz aus dem Sinne dich geschlagen,
o Trugbild der Unsterblichkeit.

Nun, da der Sommer glüht und glänzet,
nun seh' ich, daß ich wohl getan;
ich habe neu das Herz umkränzet,
im Grabe aber ruht der Wahn.

Ich fahre auf dem klaren Strome,
er rinnt mir kühlend durch die Hand;
ich schau' hinauf zum blauen Dome -
und such' kein bessres Vaterland.

Nun erst versteh' ich, die da blühet,
o Lilie, deinen stillen Gruß,
ich weiß, wie hell die Flamme glühet,
daß ich gleich dir vergehen muß!

Wohlan denn, ihr alle von Abrahams Stamm, ob ihm, dem Erstberufenen, über Ismael oder Isaak oder Jesus verbunden: seid euren jenseitskritischen Menschgeschwistern nicht böse, sondern hört ihr Zeugnis für die Erde aufmerksam an, obwohl sie weder wissen noch wollen, daß sie Gottes Erde ist. Das wißt ja ihr und sagt es ihnen weiter. So kann eure Hoffnung - heimlich, ihnen unsagbar - vielleicht doch auch sie stärken: unsere Erde möge nicht bloß ein im kalten Weltraum verloren dahintaumelndes Staubkorn sein, sondern die Bühne mitten im ewig bleibenden himmlischen Fest. Begreifen kann das niemand, für wahr halten nur die Gläubigen, erwägen aber jedes Menschenherz, wie laut dem Hebräerbrief (11,19) auch Abraham erwog: "daß Gott sogar die Macht hat, Tote zum Leben zu erwecken."


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/c-s19.htm


Möchten Sie über vieles in unserem Glauben auch mal fern von Computern lesen? Im Mai 2013 erschienen ist eine Sammlung meiner Predigt-Texte für die liturgische Zeit zwischen Pfingsten und Advent. So sieht das Buch aus, es umfasst 153 Seiten, dies ist sein Inhalt, hier liest man meinen - manches Rätselhafte erklärenden - Begleitbrief zur Werbe-Anzeige. Das Buch bietet Predigern wie Religionslehrer(inne)n eine Fülle geistlicher Anregungen, auch durch ein "Sümmlein der Theologie", nämlich 82 Verweise ins Internet. Wer also sich oder einem/r befreundeten Reli-Profi (oder bestell-berechtigten Bibliothekar) eine nützliche Freude machen will, bestelle das spannende Buch bei mir (bitte mit deutlichem Betreff: Buch-Bestellung) und bekommt es samt der Rechnung über 12,80 sogleich portofrei zugeschickt.


Zurück zur Leitseite des neuen Predigtkorbes.

Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann