Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

Was heißt "Ihr wart tot“?

Gedanken zum siebzehnten Sonntag im Jahreskreis


"Ihr wart tot infolge eurer Sünden ... Gott aber hat euch mit Christus zusammen lebendig gemacht und uns alle Sünden vergeben“ (Kol 2,13).

"Ihr wart tot.“ Das ist ein seltsames Wort. Wer es in der Kirchenbank hört, was soll er denken? Wörtlich kann es nicht gemeint sein; wer tot war, säße jetzt nicht hier. Mithin bedeutet dieses "Wort des lebendigen Gottes“ einen anderen Gegensatz, der sich mit dem von Tod und Leben sinnvoll vergleichen lässt. Fragen wir deshalb: In welchem Sinn waren wir schon tot und wurden mit Christus lebendig gemacht? Jede Antwort muss ebenfalls Gleichnis-Form haben; »ohne Gleichnisse sprach Jesus nicht« (Mt 13,34) über das, worauf alles ankommt, und auch uns ist das nicht möglich. Wer die folgenden Gedanken mitdenkt, mag zuletzt ahnen, auf welche gemeinsame Tiefe beide sehr verschiedenen Erfahrungen hindeuten, und versteht, in welch ernstem Sinn wir tot gewesen und neu belebt worden sind.

1) Tod und Auferstehung einer Liebe. Beziehungserfahrene kennen die vernichtende Sorge: Ist es mit unserer Liebe aus? Bin ich jetzt einen Schritt zu weit gegangen? Die plötzliche Härte in deinem Gesicht, die entsetzlich Kühle deiner Stimme ist zum Verzweifeln. Mein Gott, lass das nicht das Ende sein! In Roman oder Film von außen angeschaut, kann solche Angst einen unterhalten; innen erlitten, fürchtet sie echtes Sterben – und beruhigt sich erst, wenn Gesicht wie Stimme endlich versichern, dass – für diesmal! – unsere Liebe doch stärker ist als der Tod.

Von dieser Erfahrung her lässt der Satz der Lesung sich entschlüsseln. Im selben Sinn würden – unendlich intensiver – auch wir Egoisten tot sein, abgeschnitten von der allein belebenden Beziehung zu ALLEM, hätte Gottes rettende Liebe uns nicht machtvoll mit sich selbst versöhnt. Den tödlichen Ernst der Gefahr wegzulügen empfiehlt sich nicht. Zwar schafft unser Verstand es nach dem Versöhnungskuss kaum, sich der zuvor erlebten Vernichtetheit ehrlich zu erinnern; doch kennt fast jeder aus dem Bekanntenkreis traurige Berichte, wie eine ursprünglich verheißungsvolle Liebesgeschichte zuletzt elend gescheitert ist. So wäre unser Totsein für DICH eine verdammt schlimme Realität, gäbst DU uns nicht, sobald wir der Eigensucht widersagen, neu dein gutes Leben ins Herz.

2) Tod und Auferstehung eines Leibes. Ich kenne einen Menschen, der sauste auf dem Fahrrad fröhlich durch den Frühling und wusste nicht, dass der Tod ihn schon auf der Schippe hatte. Zuweilen verdross ihn leichtes Sodbrennen, darauf achtete er aber kaum. Erst als er auf dringenden Rat hin sich einer Magenspiegelung unterzog, erfuhr die Familie die grausige Wahrheit: Krebs. Zwischen Speiseröhre und Magen wucherte Böses. "Noch vor fünfzig Jahren“, erfuhr er später, "wären Sie daran verhungert“. Inzwischen ist die Medizin weiter, ein tüchtiger Chirurg tat an beiden Organen die notwendigen Schnitte und klammerte die Reste weiter oben mit Titan wieder zusammen. Sieben Wochen und zwei Tage später nimmt der Magen heute schon wieder ohne Protest eine erfreuliche Menge guter Speise auf.

Seit jeher gilt das natürliche Übel Krebs als erschütterndes Symbol des wirklich Bösen: der tödlichen Lieblosigkeit. Unbekümmert um das Wohl des ganzen Leibes wuchert ein Zellverband rücksichtslos darauf los, bis das sich ergebende Missgewächs zuletzt, mit dem Leben seines Ganzen, auch das eigene böse Dasein endigt. Wem da der Name Hitler einfällt, bleibe beim Extrem nicht stehen, sondern frage sich, ob nicht auch er selbst mit seiner Umgebung manchmal tyrannisch umspringt. "Ihr wart tot infolge eurer Sünden“, unser Satz erklärt jeden seiner Hörer zum fatal Krebsbefallenen, hilflos verloren, brächte der einzig Zuständige nicht die Rettung. Wie neu trostreich klingt mir jetzt Jesu längstvertrautes Wort! "Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten“ (Mk 2,17).

Was also bedeutet "Ihr wart tot“? Ihr wart unterwegs zum endgültigen Tod eurer wahren Liebe, die ihr immer wieder verraten hattet, zum Sterben am überwirklichen Krebs eurer Seele; in beiden Gestalten konntet ihr gegen den herandrängenden Tod aus eigener Kraft nichts ausrichten, nur hilflos warten auf seinen vernichtenden Schlag – wäre da nicht Rettung gekommen aus dem Herzen der Ewigen Huld. Sie vergilt unsere Untreue allein mit Treue und sendet gegen unser böses Geschwür den ebenso kundigen wie freundlichen Arzt. Vertrauen wir uns ihm an?


Meinem so hilfreichen Chirurgen Prof. Hubert Stein in Dankbarkeit gewidmet


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

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