Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

Die Fremden als göttlicher Gast

Gedanken zum sechzehnten Sonntag im Jahreskreis


"Abraham ... blickte auf und sah vor sich drei Männer stehen. Als er sie sah, lief er ihnen vom Zelteingang aus entgegen, warf sich zur Erde und sagte: ... Man wird etwas Wasser holen; dann könnt ihr euch die Füße waschen und euch unter dem Baum ausruhen ... Sie fragten ihn: Wo ist deine Frau Sara? Dort im Zelt, sagte er. Da sprach der Herr: In einem Jahr komme ich wieder zu dir, dann wird deine Frau Sara einen Sohn haben“ (Gen 18,1-10).
Auf einer der berühmtesten Ikonen der russischen Kirche wird diese Szene dargestellt. Abraham bewirtet Gott, der in Gestalt dreier Männer zu Besuch kommt. Der uralte Text ist höchst geheimnisvoll. Zuerst ist von drei Männern die Rede, am Schluss ist es DER HERR selbst, der Abraham und Sara für übers Jahr ein Kind verheißt. Für die Christen ist der Sinn dieser drei Gestalten seit jeher klar; die Ikone von Andrej Rublev (1410) heißt "Die Heilige Dreifaltigkeit“.

Aus dem unendlichen Schatz von Sinnbezügen, den diese – wie alle – biblischen Sätze anklingen lassen, hebe ich zwei hervor:

  • Jeder Gast ist mehr als er scheint. Wissend oder unbewusst begegnet ein Gastfreundlicher immer auch seinem Gott. Die in einen fremden Stock verirrte Biene wird sogleich tot gestochen; aus dem Tierreich stammend, tragen auch wir dies Misstrauen gegen Fremde in uns. Bei der Menschwerdung, deren Gipfel in Jesus erreicht wird, tut die Evolution dann den totalen Sprung: Je menschlicher ein Mensch ist, um so bewusster kann und will er Fremde lieben, die Dichtung der Völker kennt wunderbarste Beispiele. Sooft wir auch versagen, die Richtung sei klar. "Wenn du Liebe siehst, siehst du die Dreieinigkeit“ [Augustinus].
  • Jedes offenbarte Bild wird missverstanden, sobald man es gegen andere isoliert und zum einzigen oder wichtigsten macht. So biblisch und schön jene russische Ikone ist – "wahrer“ als das Dreifaltigkeitsfresko von Urschalling ist sie nicht. Dort erscheint die personhafte Ewige Liebe wie in Jesu Sprachgebrauch als holde Frau [RUACH = Atem, Hauch, ist ein weibliches Wort]. Auch die Drei(du/ich/wir)-Einheit eines Paares stellt den ganzen göttlichen Beziehungsreichtum dar; hier kann das christliche Selbstbewusstsein homosexuell Liebender wurzeln. Lebendiger Glaube scheidet bei jedem Gottesbild den wahren Kern vom fälschenden Beiwerk, auch wenn er solche Unterscheidung weder sich noch anderen anders klären kann als durch Gelten-Lassen anderer, mit diesem Bild scheinbar unverträglicher Vorstellungen. Wo immer Glaubende streiten, sind sie noch zu sehr ihren bestimmten Bildern verhaftet.
  • Berechtigt ist solcher Streit, wo es um die verbindliche Sprache einer Gemeinschaft geht, die muss allerdings möglichst widerspruchsfrei sein; doch sollte der Weg vom abtrünnigen Mit-Glied desselben Leibes zum getrennten aber ökumenisch verbundenen Geschwister nicht – wie bislang – Jahrhunderte dauern. Ein Aspekt der aktuellen Revolution des Heiligen Geistes dürfte sein, dass ein solcher Differenzierungsweg sich im Nu ereignet. Gestern noch einer von uns, heute gastlich geehrter Fremdling zu Besuch bei Abrahams Enkel – ist das nicht ein aufrüttelnd christliches Programm?


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    Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

    und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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