Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

"In Christus wurde alles erschaffen" -
woher wissen wir das?

Gedanken zum fünfzehnten Sonntag im Jahreskreis


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Der Offenbarungsblitz damals

Ein Mensch, der ganz anders ist

Hintergrund: Der gewalttätige Gott

Er wird von Jesus ent-larvt, als reine Liebe offenbart

die jeden einzelnen Menschen unbedingt bejaht

Bis ins Sterben bezeugt Jesus die Neue Unverborgenheit Gottes

Auch wer die Botschaft nicht glaubt, ist von ihr mitgemeint

Das geschichtliche Ja/Nein? ist umfangen vom Ewigen JA

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Der Offenbarungsblitz damals

"In Christus wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen. Er ist vor aller Schöpfung, in ihm hat alles Bestand." (Kol 1,116 f)

Wie kamen, wenige Jahrzehnte nach dem Karfreitag, die ersten Christen auf eine solche Idee? Und wie können wir heutigen Christen sie verstehen und abgebrühten Zeitgenossen so weitersagen, daß sie ihnen nicht als krause Absurdität vorkommt sondern als glaubhafte, befeuernde Wahrheit unseres Menschenlebens in dieser Welt?

Von allem abzusehen, was sie im Religionsunterricht lernten, dieses Vorhaben scheint den meisten nicht schwer: weil sie das eh' fast vergessen haben. Doch ist eine solche Einklammerung des traditionell Christlichen in Wahrheit gar nicht leicht. Auf viele Weisen, vermittelt durch Sprachbilder, Gemälde, Kindheitserinnerungen, Bücher, prägt kirchliches Denken auch solche Menschen, die seit langem höchstens als Touristen oder Hochzeitsgäste eine Kirche betreten. Versuchen wir, uns einmal ausdrücklich von fast zweitausend Jahren Begriffsentwicklung zu lösen und den Offenbarungsblitz an seinem ursprünglichen Ort zu gewahren.

Ein Mensch, der ganz anders ist

Da treffen einfache jüdische Leute mitten in ihrer Welt voller Angst und Gewalt einen Menschen, der ganz anders ist als alle, die sie kennen. Er hat keine Angst und greift nicht zu Gewalt. Während überall streng auf die nötigen Unterschiede geachtet wird ("wo kämen wir sonst hin?"), schließt er niemanden aus. Von verhaßten Bütteln der Besatzungsmacht läßt er sich einladen, sie und die Huren kämen "vor euch" (Mt 21,31) ins Reich Gottes, bescheidet er die besseren Kreise. Und das Aufregendste: Zu Gott sagt er Papa.

Hintergrund: Der gewalttätige Gott

Jetzt wird es schwer für uns. Vielleicht erblicken wir den Alten da droben mit weißem Bart, haben möglicherweise schon im Kindergarten vom Himmelspapa gehört. Zerreißen wir diese Bilder. Sie leiten in die Irre. Damals floß im Tempel zu Jerusalem in Strömen das Blut, mehr nach Schlachthaus roch es dort als nach Kirche. "Gott", das war (und ist!) für Bibelkundige jene übermächtige Instanz, die ihre Pläne schon immer gewalttätig durchsetzt. Ziemlich am Anfang ließ er sämtliche Lebewesen außer den paar, die sich in die Arche geflüchtet hatten - und den Fischen - in der Großen Flut ertrinken. Als er sein erwähltes Volk aus Ägypten führte, kamen zuerst schreckliche Plagen über das ganze Land, dann mußte "jeder Erstgeborene in Ägypten sterben, vom Erstgeborenen des Pharao, der auf dem Thron sitzt, bis zum Erstgeborenen der Magd an der Handmühle und bis zu den Erstlingen unter dem Vieh." (Ex 11,5), schließlich wurde die Armee vernichtet: "So trieb der Herr die Ägypter mitten ins Meer. Das Wasser kehrte zurück und bedeckte Wagen und Reiter, die ganze Streitmacht des Pharao, die den Israeliten ins Meer nachgezogen war. Nicht ein einziger von ihnen blieb übrig" (14,27 f). Als das Volk nach vierzig Jahren Zug durch die Wüste endlich in Palästina einzog, geschah dies - laut dem Buch Josua - mit Methoden, die man heute Völkermord nennt: "So schlug Josua das ganze Land - das Bergland und den Negeb, die Schefela und ihre Ausläufer - mit allen seinen Königen. Niemand ließ er entkommen; alles, was lebte, weihte er dem Untergang, wie es der Herr, der Gott Israels, befohlen hatte" (Jos 10,40). Zwar nimmt die Bibelwissenschaft an, daß derlei Schilderungen bloß ein trotziger Rückblick aus betrübten Exilszeiten sind, in Wirklichkeit sei das Volk weitgehend friedlich ins Land eingesickert. Das ändert aber nichts an dem, worum es uns jetzt geht: der Überzeugung von einem gewalttätigen Gott, die damals im offiziellen Israel herrschte, so wie sie heute in zahlreichen Muslimen wirkt - und, seien wir ehrlich, auch in vielen, die sich für gute Christen halten. Die einen machen sich daran, im Namen ihres Gottes "das Reich des Bösen" zu zerschmettern, andere vermeinen, Gott einen Dienst zu tun, indem sie - obwohl "es nicht gut ist, daß der Mensch allein bleibt" (Gen 2,18) - Tausende von Männern ins Trilemma zwischen Einsamkeit oder Berufsverlust oder Heuchelei zwingen, während sie gut wissen, daß es in den katholischen Ostkirchen keinen Priestermangel gibt und kaum zu Kindesmißbrauch kommt.

Er wird von Jesus ent-larvt, als reine Liebe offenbart

Und zu diesem Gott, der streng auf Abgrenzung achtet, der selbst nicht mit fremden Göttern verwechselt werden will und seinem Volk aufträgt, lieber Zehntausende hinzuschlachten, samt Frauen und Kindern, als sich mit ihnen zu vermischen und so die Reinheit der eigenen Religion zu gefährden - zu diesem Gott sagt Jesus "Abba". Was in dieser nur scheinbar schlichten Tatsache beschlossen liegt, das versteht erst eine Person, zu der schon einmal ein winziges Wesen strahlend "Papa!" oder "Mama!" gesagt hat. Wer das hört, ist aller Zweideutigkeit entrissen. Dem reinen Zutrauen des Winzlings entspricht - außer bei Ungeheuern - das reine Wohlwollen der Mutter, des Vaters. Seit ich eines bestimmten Tages von da unten her jenes zarte "Papi!" hörte, bete ich "Vater unser" in neuem Geist, jede spätere Rivalität Sohn/Vater ist verschwunden, sobald das allererste väterliche Wohlwollen von innen her erfahren wird.

die jeden einzelnen Menschen unbedingt bejaht

Diesen seinen nur guten, nur wohlwollenden ABBA verkündet Jesus als nicht nur seinen oder seines Volkes Gott sondern als den ABBA aller Menschen, "er läßt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte" (Mt 5,45). Damit ist alles gesagt. Wer das glauben kann: daß die allgewaltige Macht hinter und über allem wahrhaft und wirklich zu jedem Menschen so sein will wie ein Papa oder eine Mama zu dem Wesen, aus dessen Mund dieser Name das liebende Ohr erreicht - wer das glauben kann, ist erlöst: vom gewalttätigen Gott der realen Religionen ebenso wie von der kosmischen Sinnlosigkeit der Unreligiösen. Alles klar. Hier stimmt der blöde, oft so verlogene Spruch. So einfach ist das mit dem Christentum? Ja.

Bis ins Sterben bezeugt Jesus die Neue Unverborgenheit Gottes

Nur deshalb allerdings, weil Jesus seine ABBA-Gewißheit auch dann durchgehalten und öffentlich bezeugt hat, als dieses Zeugnis ihm die Todfeindschaft erst der religiösen, dann auch der staatlichen Obrigkeit einbrachte. Obwohl die Hohenpriester ihn der Vernichtungsgewalt des offiziellen Gottes aussetzten und der Statthalter des römischen Gottkaisers ihn in Qual und Schande hinsterben ließ, wich Jesus nicht zurück. Sein Zeugnis für den gewaltlosen, nur liebenden ABBA-Gott war ihm wichtiger als ein par Jahrzehnte stillen Daseins oder ein kurzer Triumph der gewalttätigen Revolution, auf die einige seiner Jünger aus waren und die in jenen aufgewühlten Tagen ein riesiges Blutbad hätte anrichten können. Weder aufgeben noch zurückschlagen wollte Jesus, lieber ließ er sich auspeitschen und festnageln - bis zum bitteren Ende?

Die Antwort auf diese Frage scheidet zwischen Glaube und Unglaube. Die Frauen, die beim Kreuz ausharrten, erlebten mit, wie Jesus im Frieden mit seinem ABBA litt, wie er IHN sogar, mitten in den zerreißendsten Schmerzen, um Verzeihung für seine Mörder bat und zuletzt voll Vertrauen seinen Atem DEM zurückgab, aus dessen belebendem Anhauch er zeitlebens seine mitreißende Energie geschöpft hatte. Sogar der Offizier des römischen Hinrichtungskommandos bekam mit, daß hier nicht irgendeiner umgekommen war. "Als der Hauptmann, der Jesus gegenüberstand, ihn auf diese Weise sterben sah, sagte er: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn" (Mk 15,39).

Niemand weiß, welche äußeren Geschehnisse ein Kamerateam von Jerusalem TV in den folgenden Stunden und Tagen hätte aufnehmen können. Darauf kommt es nicht an. Die inneren Ereignisse in Jesu Freundinnen und Freunden haben jedenfalls erreicht, daß sie dank ihren Erfahrungen felsenfest überzeugt waren: Jesus hat sich nicht getäuscht. Sein ABBA, auf den er sich bis zuletzt verlassen hat, fängt ihn auf. Wer wachen Sinns die Osterberichte auf sich wirken läßt, wird in jene trotz aller Widrigkeiten strahlende Stimmung einbezogen. Jesus lebt, er ißt und trinkt mit den Seinen, wie er es beim Abschiedsmahl angekündigt hat: "Ich sage euch: Von jetzt an werde ich nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken, bis zu dem Tag, an dem ich mit euch von neuem davon trinke im Reich meines Vaters" (Mt 26,29).

Beim Nachsinnen über ihre Erlebnisse mit ihm vor wie nach seinem Tod ging jenen ersten Christen dann auf: Eben dies, was wir an ihm eingesehen haben, das ist der Sinn allen Lebens überhaupt. Damit dies Endgültige geschehen und durch uns bekannt werden könne, deshalb gibt es die Welt. Kurz: "In ihm wurde alles geschaffen." Auf dieses Ereignis hin, den unüberbietbar kristallklaren Durchbruch des SINNes auf Erden, ist alles geschaffen. Diesen Offenbarungsblitz haben die Frauen unter dem Kreuz vernommen und zuerst ihren Freunden, den geflohenen Jüngern, weitergespiegelt. In deren Herzen kam die Wahrheit an, weil anläßlich der begeisterten Worte über ihn auch er selbst, der Gekreuzigte und Auferstandene, sich ihnen als lebendig bezeugte, später auch dem Exverfolger Saulus und so fort durch die Jahrhunderte immer neuen Christen bis zu den Glaubenszeugen unserer Zeit, einem Dietrich Bonhoeffer, Rupert Mayer, Oscar Romero.

Auch wer die Botschaft nicht glaubt, ist von ihr mitgemeint

Die Berufungen sind verschieden. "Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube." Wer für diese Botschaft keinen Glauben aufbringt, lebe gewissenhaft das eigene Wahre. Wo sie ihn aber findet, gilt kein Einwand mehr, weder aus der Philosophie ("Wahrheit an sich ist unerkennbar") noch aus der Kirchengeschichte ("Wer es so abscheulich treibt, hat mir nichts zu sagen"). Auch wer so redet, gehört ja zu den geliebten Kindern des gemeinsamen ABBA und hat das Recht, daß wir Christen ihm das lächelnd sagen. Nicht wütend, nicht rechthaberisch besitzstolz aber solidarisch, wie ein Geschwister zum andern: Der Papa weiß schon, was er tut. Nicht der läppische Himmelspapa da droben, der mit dem weißen Bart. Den gibt's nicht. Wohl aber der ewig junge ABBA Jesu, der ihn, sein liebes Kind, zwar nicht vor dem Kreuz bewahren kann, weil sonst der Offenbarungsblitz nicht zünden könnte - übermächtigende Magie gilt nicht! - der aber ihn und unser jeden vom täglichen Sterben weg in seine Arme schließt, wie ein irdischer Papi sein todmüdes Kind am Geburtstagsvorabend in den Arm nimmt und sagt: Jetzt schlaf ein. Ist schon Alles gut. Und morgen wird gefeiert.

Spüren Sie, wie weit weg wir sind von klerikaler Geistesenge und religiöser Einschüchterung? Für Christen hat das Rätsel Realität eine eindeutige Lösung. Egal, was eine Person denkt und bis heute getan hat, will ihr liebender ABBA sein Kind bei sich glücklich sehen und wird das auch erreichen - außer eines wehrt sich bis zuletzt, und zwar nicht nur gegen die oder jene umstrittene Gottgestalt sondern gegen die unendliche LIEBE selbst.

Das geschichtliche Ja/Nein? ist umfangen vom Ewigen JA

Halten wir die Sinndimensionen wohl auseinander. Einer lehnt sich gegen den Schöpfer Himmels und der Erde auf, weil der beim Erdbeben im persischen Bam in zwanzig Sekunden Zehntausende unter Trümmern begrub und die nicht schon Toten in grausame Einsamkeit stürzte. Eine andere hört weg, wenn jemand ihr im Namen Gottes vorschreiben will, was sie im Bett tun und lassen darf. Innerhalb der Geschichte steht vor unserem Denken und Sprechen über Gott das Vorzeichen der Zweideutigkeit; niemand meine da, er habe eindeutig nur recht. Ob und wie alles klar wird, zeigt sich beim Jüngsten Gericht, nicht vorher.

Entscheidend ist jedoch, auch jetzt schon, die andere Dimension. "Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen" (Mt 18,3). Vor und nach der Geschichte gilt deine Beziehung zum ABBA. Vorher besteht sie aus Huld und Urvertrauen, nachher aus Reue, Vergebung und dem Sturz in weit ausgebreitete Arme. All das Vieldeutige, was Tochter oder Sohn mit MUTTER, VATER und dem SELBST-Ideal zu besprechen haben, ist im wiedergefundenen Paradies umfangen vom eindeutigen JA zwischen ABBA und KIND. Außer irgendein böses Herz wollte zu IHM, dem einen KIND, das sich in Jesus der Welt offenbart, nach Auflösung sämtlicher Mißverständnisse dennoch endgültig nicht gehören und schlösse sich vom offenen Paradies selber aus.


Zum Weiterdenken:

"Papa!" oder "Mama!": Schön macht Georg Baudler aufmerksam auf "ein einziges absolut wahres und absolut gutes Wort der menschlichen Sprache. Es ist das erste verständliche Wort, das ein Mensch in seinem Leben formuliert, und lautet in allen Sprachen der Erde gleich. Seine Formulierung liegt geschichtlich vor dem ‚Sündenfall', von dem her menschliche Geschichte (und damit auch menschliche Sprache) fehlgeleitet wird. Dieses eine Wort verbürgt absolute Wahrheit und absolutes Gutsein. Folgerichtig verwendet Jesus dieses Wort als Gottesanrede: Abba, ‚Papa-Mama'. In diesem Lall-Wort des Säuglings, mit dem er mit seiner Mutter oder seinem Vater in Dialog tritt, besteht die einzig mögliche zeitlos gültige ‚Dogmensammlung' und das einzig mögliche zeitlos gültige ‚Gesetzbuch'. Alles, was darüber hinaus formuliert wird, ist vorläufig und zeitbedingt" (Die Befreiung von einem Gott der Gewalt [Düsseldorf 1999], 164).

Atem: Bei meiner wöchentlichen Tauf-Aktualisierung im Sauna-Tauchbecken stelle ich mir unter Wasser vor, wie der Priester damals vor 70 Jahren zu mir sagt: Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Kindes und des Heiligen Atems. Schnell muß ich dann mich ausatmen, tauche auf und darf im Symbol der himmlisch belebenden Luft DICH in mich aufnehmen.



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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/c-s15.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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