Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

Wir sind alle einer in Christus

Gedanken zum zwölften Sonntag im Jahreskreis


"Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid «einer» in Christus Jesus" (Gal 2,28).

Dieses Manifest des heiligen Paulus ist einer der zentralen Sätze des Christentums. Seine Wahrheit durchbricht die Ebene weltlicher Gegensätze nach innen. Auch bei uns gibt es weiterhin Fromme und Unfromme, Knechte und Herren, Männer und Frauen. Natürlich wirken all diese Gegensätze sich oft als Widersprüche aus, bringen nicht nur bunten Beziehungsreichtum sondern auch Streit und Schmerz in die Welt. Doch tiefer und deshalb "wahrer" als alle "Nein" der geschichtlichen Oberfläche ist ihr innerstes JA: "Ihr alle seid Einer in Christus Jesus."

Was heißt das? Ungeheuer viel mehr, als die Anmerkung der Einheizübersetzung mitteilt, nämlich "dass alle Christen eine Einheit bilden, und auch, dass sie vor Gott gleich sind." Das ist so wahr wie wichtig, schöpft aber das Köstlichste der Gottesbotschaft nicht aus. Denn Paulus schreibt gerade nicht "eins" sondern: "Einer". Miteinander sind wir die unendliche Person des Gotteskindes. Wer uns in Jesus als einer von uns gegenüber tritt, ist derselbe, der wir alle zusammen wirklich sind, weil Christus – so stellt das II. Vatikanische Konzil fest [GS 22] - "bei seiner Menschwerdung irgendwie jeden Menschen angenommen hat."

Jesus hat nicht übertrieben. "Was ihr dem Geringsten meiner Geschwister tut, das tut ihr mir", das dürfen wir wörtlich verstehen. Mit radikalen Folgen für unseren Alltag. Ob der Mensch, mit dem du gerade zu tun hast, sich religiös ausdrückt oder unreligiös, deine Chefin ist oder dir untergeben, eher männlich oder weiblich auftritt, darauf kommt es im Grunde nicht mehr an. Selbstverständlich prägt es deine Stimmungen und Taten, nicht aber dein Grundgefühl.

Sondern inseits der Wechselfälle von Sym- und Antipathie gilt zwischen euch eine ähnliche Identität wie zwischen deinem juckenden Ohr und dem kratzenden Finger. Wie beide du sind, auch wenn ihnen das jetzt nicht reflex bewusst wird, so seid ihr beide "Einer in Christus", obwohl ihr es nicht spürt und dein Gegenüber es nicht glaubt, mag sein ausdrücklich ablehnt.

Empfiehlt es sich, un- oder andersgläubigen Freunden und Gegnern solchen Selbigkeitsglauben zu bezeugen? Das will jeweils gewissenhaft erwogen sein. Perlen gehören nicht vor Säue, anderseits darf niemand sich arrogant vereinnahmt fühlen. Dagegen hilft "wechselseitiger Inklusivismus", die geniale Idee jenes legendären japanischen Weisen, der beim Tee mit Karl Rahner auf dessen Anfrage hin gern ein anonymer Christ sein wollte: "Falls auch Sie einverstanden sind, ein anonymer Buddhist zu sein."

Wer will, finde es verrückt; aber je mehr Freunden aus verschiedensten Glaubensrichtungen die Quelle unseres Geschicks mich begegnen lässt, um so herzlicher wird mir klar: ich bin, weil Christ, auch Jude anderen Namens, sowie anonymer Hindu, Moslem, Bahai, sogar Mormone. Und, recht verstanden, gar gottloser Humanist. Denn wohl bist DU, GOTT, wirklicher als alles, was es gibt. So wie alles sonst aber, oder wie in so vieler Ängsten den harten Allmächtigen, gibt es Gott nicht.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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