Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

"Nicht ich lebe" - wer sagt das?

Gedanken zum elften Sonntag im Jahreskreis


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Anfrage eines Fremden

In der Tiefe gelten andere Denkregeln

Ein überraschender Vergleich

Christus = Jesus + wir

Objektive Identität

Eckharts Finger-Predigt

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Anfrage eines Fremden

"Mit Christus bin ich gekreuzigt worden, ich lebe, doch nicht mehr Ich, Christus lebt in mir." Der japanische Philosoph Keiji Nishitani (1900-1990) legte Theologen die Frage vor: "Bei Paulus finde ich einen Ausspruch, den ich - vom Zen-Buddhismus her - nur allzugut zu verstehen glaube; er sagt da, er habe den Tod erlitten ... 'nicht ich lebe, Christus lebt in mir'! Das leuchtet mir unmittelbar ein - nur, darf ich Sie fragen: Wer spricht da?" Wir können uns denken, daß man sich mit der Antwort schwer tat. Spricht Paulus? Wie aber, wo er doch schon gar nicht mehr lebt! Spricht also Christus? Wie kann er dann sagen "ich lebe nicht mehr"? Es hilft nichts: Nach herkömmlichen Logikregeln ist der Satz "ich lebe nicht mehr" glatter Unsinn, niemand kann - scheint es - so etwas wahrheitsgemäß sagen.

In der Tiefe gelten andere Denkregeln

Und doch wird heute auf dem ganzen Erdkreis zahlreichen Gläubigen gerade dieser Satz feierlich vorgelesen. Er wirkt in der Tat als geistiger Laserstrahl, der die Oberfläche des Daseins durchdringt und eine sonst kaum zugängliche Tiefe beleuchtet. Warum ist das wichtig? Hören wir den großen evangelischen Denker Paul Tillich: "Alle sichtbaren Dinge haben eine Oberfläche. Die Oberfläche ist die Seite der Dinge, die uns zuerst erscheint. Wenn wir auf sie blicken, erkennen wir, was die Dinge zu sein scheinen. Jedoch, wenn wir unser Handeln nach dem richten, was die Dinge oder Menschen zu sein scheinen, werden wir enttäuscht. Unsere Hoffnungen werden vereitelt. Und so versuchen wir, unter die Oberfläche zu dringen, um die Dinge zu erkennen, wie sie wirklich sind. Warum haben die Menschen immer nach der Wahrheit gefragt? Sie fragen deshalb, weil sie von der Oberfläche enttäuscht waren und weil sie erkannten, daß die Wahrheit, die uns nicht enttäuscht, unter den Außenschichten, ganz in der Tiefe wohnt. Und deshalb hat der Mensch eine Schicht nach der anderen durchstoßen ...

Der Name dieser unendlichen Tiefe und dieses unerschöpflichen Grundes alles Seins ist Gott. Jene Tiefe ist es, die mit dem Wort Gott gemeint ist. Und wenn das Wort für euch nicht viel Bedeutung besitzt, so übersetzt es und sprecht von der Tiefe in eurem Leben, vom Ursprung eures Seins, von dem, was euch unbedingt angeht, von dem, was ihr ohne irgendeinen Vorbehalt ernst nehmt. Wenn ihr das tut, werdet ihr vielleicht einiges, was ihr über Gott gelernt habt, vergessen müssen, vielleicht sogar das Wort selbst. Denn wenn ihr erkannt habt, daß Gott Tiefe bedeutet, so wißt ihr viel von ihm. Ihr könnt euch dann nicht mehr Atheisten oder Ungläubige nennen, denn ihr könntet nicht mehr denken oder sagen: 'Das Leben hat keine Tiefe, das Leben ist seicht, das Sein selbst ist nur Oberfläche.' Nur wenn ihr das in voller Ernsthaftigkeit sagen könnt, wäret ihr Atheisten, sonst seid ihr es nicht. Wer um die Tiefe weiß, der weiß auch um Gott."

Ein überraschender Vergleich

"Ich lebe, doch nicht mehr Ich, Christus lebt in mir." Was erblicken wir in der von diesem Paulus-Satz angestrahlten Tiefe? Versuchen wir, es mit einem Gleichnis zu erfassen. Das hinkt zwar (wie jedes!), doch liegt mir an dem exakten Vergleichspunkt, der stimmt. Wer ihn gar nicht wahrnähme, dessen Christentum litte, so fürchte ich, an Selbstentfremdung. Als in Spanien nur erst zwei wußten, daß Señora Ortiz bald Prinzessin Letizia sein würde, da könnte sie irgendwann eine Meldung in ihren Laptop gehackt haben und mittendrin blitzt ihr die Einsicht auf: Ich lebe, ich die Medienfrau Ortiz, und das ist auch alles ganz nett, aber hei! eigentlich lebt die ja schon gar nicht mehr sondern in mir lebt die Prinzessin. Und weiter tippt sie wie zuvor, aber in verwandelter Stimmung.

Sollten Sie jetzt meinen, der Vergleich wackle arg, weil Christus und Paulus zwei Personen sind, Journalistin und Prinzessin hingegen eine und dieselbe: dann sind wir beim entscheidenden Punkt. Wofern wirklich "Christus in mir lebt", ist ER und ich nicht nur zwei Personen sondern auch eine. Sind dein Finger und dein Ohr zwei oder eins? Beides: Zwei Organe, ein Mensch. Wie steht es mit deiner Zunge und deinem Ich? Hat sie nicht schon mancherlei geplaudert, was dein Ich gar nicht meinte und sofort bedauerte? "Alle seid ihr Einer (nicht: eins) in Christus Jesus", schreibt Paulus im selben Galaterbrief (3,28), dem entspricht (in dir als Gleichnis): Alle deine Organe sind eine Person in deinem Ich.

Je tiefer einem christlichen Gemüt dieses Glaubensverständnis aufgeht, um so vollständiger wird es geheilt von dem ängstlichen Mißtrauen, das so vielen Menschen ihr Leben verbittert. Zwischen meiner Nasenspitze und mir gibt es keine Rivalität, auch dann nicht, wenn unser Verhältnis durch einen Pickel getrübt sein sollte. Den hasse ich, aber doch nicht sie=mich! Auch zwischen Paulus und Christus gilt allein die Zwei-Einheit inniger Verbundenheit eines bestimmten Gliedes an Christi Leib mit dessen umfassender Gesamtperson, die alle Glieder von innen her belebt, auch wenn sie - wie das im Gehirn formulierte "Ich" eine von den anderen Gliedern (Ohr, Finger usw.) unterschiedene Information ist - ihnen als dieser andere Mensch Jesus gegenübertritt. Das bedeutende Wort "ich" ist eine andere Information als Finger oder Ohr; das bedeutete Ich enthält Finger und Ohr in sich.

Christus = Jesus + wir

"Was ist der Unterschied zwischen Jesus und Christus? Ist es dasselbe?" So fragte P. Henri Boulad SJ im April 2002 während einer Himmelfahrtsmeditation. Seine Antwort war die Gleichung: "Nein. Christus ist Jesus plus wir. Das ändert alles. Wäre Christus nur als Jesus auferstanden, hätte er nichts getan. Mit uns ersteht er auf. Christi Auferstehung ist ein Ereignis, das uns betrifft, und die Himmelfahrt auch. Wir sind mit einbezogen.
Unser Traum, Gott zu sein, erfüllt sich. Der Traum des Adam, der Babelturm-Erbauer, dieser Traum, den wir alle in uns tragen. Fliegen zu können: wer hätte das nicht schon geträumt! Christus sagt: Dieser Traum ist nicht falsch. Er bestätigt diesen Traum der Vergottung, der theosis."

Objektive Identität

Ist das aber nicht arg mystisch? Betrifft es vielleicht nur besonders erwählte Seelen feinerer Art? Keineswegs. Der Bibelwissenschaftler Heinrich Schlier betont: "Das Sterben, mit dem ich dem Gesetz entnommen bin, fand in der Taufe statt. Es ist ein mit dem Tode Christi Zusammenwachsen und darunter eine reale, wenn auch verborgene Tilgung des bisherigen Menschen und seiner von der Sünde durchherrschten Lebensbasis. Es ist zugleich die Erschaffung eines neuen Lebensgrundes, in dem der Mensch in Christus Jesus für Gott geöffnet ist ... Es handelt sich bei dem 'mit Christus gekreuzigt werden' nach dem Wortlaut von Gal 2,19 und seines Kommentares in Röm 6 eindeutig um ein objektives Geschehen, das sich mittels der Taufhandlung an dem Täufling vollzieht. Deshalb legt alle Interpretation, die von einer subjektiven Erfahrung spricht, diese erst in den Text hinein. So nur konnte es auch geschehen, daß diese Erfahrung der Reihe nach als eine sittliche, mystische, pneumatische und als Glaubenserfahrung verstanden wurde."

Tief aber real, auch dieser Akzent wird vom Gleichnis bekräftigt. Mit Recht, dem Recht der Tat-Sache Verlöbnis, kennt die eine Schreiberin sich schon als Prinzessin. Mag eine andere noch so selbstentfremdet ihre Tasten beklappern, sei zwischen Ohren und Fingern vielleicht sogar eine Direktleitung geschaltet, so daß sie den auf Band diktierten Geschäftsbrief ohne Beteiligung ihres Bewußtseins heruntertippt, welches sich lieber des vergangenen Wochenendes erinnert oder das kommende ausmalt - trotzdem ist die Selbigkeit von Ohren, Fingern und Ich eine echte Wirklichkeit an sich, egal wie bewußt oder unbewußt sie sich vollzieht.

So kann "Christus lebt in mir" von jedem Christen als eigene Wahrheit geglaubt werden, auch wenn er solche Personalunion noch nie empfunden hat, die Abwandlung der frommen Liedzeile "Jesus is living in my soul" zu "Jesus am living in my soul" bloß für schlechtes Englisch hält und "I, Jesus, am living in my body" höchstens als Dein Wort zu hören sich traut, nicht aber es selbst zu jubeln.

Eckharts Finger-Predigt

Damit niemand diese Gedanken als Neuerung verdächtige, schließe ich mit Sätzen aus einer Predigt von Meister Eckhart. Er schrieb vor siebenhundert Jahren (unbeanstandet; diese Sätze tauchen in der Verdammungsbulle nicht auf): "Ein weiser Arzt berührt niemals den kranken Finger des Menschen, so daß er dem Menschen weh tut, wenn er nicht den Finger selbst oder den gesamten Menschen in einen besseren Zustand zu versetzen und ihm Erleichterung zu schaffen vermöchte. Vermag er den Menschen und auch den Finger zu bessern, so tut er's; ist dem nicht so, so schneidet er den Finger ab, auf daß er den Menschen bessere. Und es ist viel besser, den Finger allein preiszugeben und den Menschen zu erhalten, als daß sowohl der Finger wie der Mensch verderbe. Besser ist ein Schaden als zwei, insonderheit, wenn der eine ungleich größer wäre als der andere. Auch soll man wissen, daß der Finger und die Hand und ein jegliches Glied von Natur aus den Menschen, dessen es ein Glied ist, viel lieber hat als sich selbst und sich gern und unbedenklich freudig in Not und Schaden begibt für den Menschen. Ich sage zuversichtlich und wahrheitsgemäß, daß ein solches Glied sich selbst durchaus nicht liebt, es sei denn um dessen willen und in dem, von dem es ein Glied ist. Drum wäre es gar billig und wäre für uns naturgemäß das Rechte, daß wir uns selbst keinesfalls liebten, wenn nicht um Gottes willen und in Gott. Und wäre dem so, so wäre uns alles das leicht und eine Wonne, was Gott von uns und in uns wollte, zumal, wenn wir gewiß wären, daß Gott ungleich weniger irgendein Gebresten oder einen Schaden zu dulden vermöchte, wenn er nicht einen viel größeren Gewinn darin erkennte und anstrebte. Wahrlich, wenn jemand darin zu Gott nicht Vertrauen hegt, so ist es nur zu billig, daß er Leiden und Leid hat."


Zum Weiterdenken:

Nishitani : Berichtet von Johannes Kopp, Schneeflocken fallen in die Sonne. Christuserfahrungen auf dem Zen-Weg (Anweiler 1994),45.

Paul Tillich: Die verlorene Dimension (Hamburg 1962), 101.106

Heinrich Schlier: Der Brief an die Galater (Göttingen 1962), 99 f.

Meister Eckhart: Quint, S. 128; Weiteres.

Finger: Ein Dialog.


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