Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

Mein und Dein Evangelium

Gedanken zum zehnten Sonntag im Jahreskreis


"Das Evangelium, das ich verkündigt habe, stammt nicht von Menschen; ich habe es ja nicht von einem Menschen übernommen oder gelernt, sondern durch die Offenbarung Jesu Christi empfangen" (Gal 1,11 f).

Darauf legt Paulus größten Wert. Er weiß sich vom auferstandenen Jesus Christus persönlich beauftragt. »Mein Evangelium« sagt er manchmal, das heißt: »Meine gute Botschaft«. Wer so spricht, fühlt sich nicht wie irgendein Zwischenglied in einer Stafette von Briefträgern. Paulus ist gewiss: Mit mir hat der Herr der Welt einen neuen Anfang gemacht. Allen Menschen, nicht nur den Juden, soll ich mein Evangelium verkünden: Glaubt an Jesus Christus, den Sieger über Sünde und Tod, dann stimmt euer Leben und ihr braucht nichts mehr zu fürchten, gar nichts. Woher ich das weiß, fragt ihr? Von Ihm selber. Von ihm ergriffen bin ich deshalb, weil er mich ergriffen hat, so wie jemand, der einen Brief schreiben will, einen Stift ergreift.

Jener Brief, den Gott durch den Apostel an die Menschheit schreibt, ist nicht nur einer der Paulusbriefe im Neuen Testament. »Unser Brief seid ihr«, schreibt Paulus an eine Gemeinde (2 Kor 3,2), Die ganze christliche Kirche unter den Völkern ist die aktuelle Gestalt dieses Briefes. Zwar wurde er in fast zweitausend Jahren vielfach zerknittert und verschmiert, auch in größere und kleinere Stücke gerissen. Trotzdem ist die entscheidende Botschaft noch lesbar und kommt millionenfach an, jeden Tag neu: Christus ist auferstanden und will in uns leben, wie in den Fingern deiner Hand du.

Ein bestimmtes Wörtchen dieses göttlichen Briefes ist jedes christliche Herz, zweifach: lesend und schreibend. Es empfängt, innerhalb des einen Evangeliums, seine besondere Gestalt der Frohen Botschaft und zwar, wie Paulus, ebenfalls von Christus persönlich. Meistens nicht derart dramatisch, dass jemand fast blind vom Pferd und dann in lauter schmerzhafte Abenteuer fällt. Und auch nicht mit so gewaltigen Folgen für die Glaubensgeschichte des Erdballs. Im entscheidenden Zentrum des Geschehens aber gibt es keinen Unterschied. Der menschliche Gott offenbart sich einem Menschen und sendet ihn zu Christen und anderen Menschen mit der gerade ihm zugedachten Glaubensbotschaft, die zugleich ihn formen und durch ihn andere erreichen soll,

Was vor einem halben Jahrtausend fast niemand zu denken vermochte: Martin Luther und Ignatius von Loyola sind beide vom selben Herrn auf gegensätzliche Wege berufene Christen – das ist heute eine unter Gläubigen verbreitete Überzeugung; bei mir spätestens seit der Luther-Ausstellung von 1983, durch die ich sogar Gruppen evangelischer Pfarrer führen durfte. Trotzdem dürfte der Historiker mit Recht feststellen: "Ignatius hat in seiner Spiritualität und dem dahinter stehenden, theologischen Gedankengebäude, sodann mit seinem Lebenswerk, der Gesellschaft Jesu, die perfekte Konformität mit den Anliegen der "hierarchischen Kirche", das heißt: der Kirche des römischen Papstes in ihrer überkommenen Gestalt, gesucht. Für Luther dagegen stellte das theologische System, das er studiert und jahrelang als Professor weitergegeben hatte, nichts anderes dar als ein Meer von Irrtümern, in denen alle Welt befangen war, wie er sich im Rückblick auf seinen reformatorischen Durchbruch erinnert. Dieser Durchbruch war in seiner letzten Konsequenz gelungen, als er erkannt hatte, 'daß der Papst notwendig aus dem Teufel sei' ... Die Zeit der einen mittelalterlichen Christenheit ist (was man bedauern darf) vorbei, und ein Teil der heutigen Christen hält, mit sehr guten historischen und theologischen Gründen, an dem Papst als Oberhaupt der Kirche fest, ein anderer Teil kommt, auf ebenso gute Gründe gestützt, ohne ihn aus." [Helmut Feld, Ignatius von Loyola (Köln 2006),196 f]

Und in beiden Teilen vermuten mehr und mehr Christen: Bloße Verstandeslogik ist hilflos, wo scheinbar mein gegen dein Evangelium steht. Mutiger Glaube vertraut: Während der zeitlichen Phase von Gottes Reich sind de-facto-Widersprüche – geistlich d.h. genau genommen – doch keine. Am 5.Juni 1552 schrieb Ignatius in einer Tagesfrage an seinen Freund Franz von Borja: "Es gibt da keinen Widerspruch, denn es kann sein, dass derselbe Geist Gottes mich aus den einen Gründen zu dem einen drängt und andere, aus anderen, zum Gegenteil." An sich und Luther hat Ignatius damals nicht gedacht, erst recht nicht an Jesus und Kaiphas oder Mohammed. Dürfen wir inzwischen so denken? Ich hoffe: Auch für den Widerspruch zwischen diesem Ja und diesem Nein gilt des erleuchteten Ignatius ökumenisches Prinzip.

Was folgt aus all dem für den einzelnen Christen? Sie oder er muss sich deutlich der Grundspannung bewusst sein, die jeden Tag bestimmt: Zwischen dem mir im Zeugnis anderer begegnenden Evangelium und meinem mir von Christus ganz innen offenbarten Evangelium gilt es – mit so kluger wie mutiger Unterscheidung der Geister – die Balance zu halten. Denn sowohl dein als auch mein Evangelium sind wegen der Vieldeutigkeit aller Wörter von den drei Lügenteufeln bedroht, ihnen sollen wir gemeinsam, d.h. mit- oder gegeneinander, widerstehen. Im Maße wir das tun, werden früher oder später dein und mein Evangelium sich zusehends klarer als Stereo-Pole des vielfach-einen Evangeliums Gottes zeigen – wenn nicht mehr uns so doch unseren späten Enkeln.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

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