Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

Atmen in IHR

Gedanken zum Hohen Pfingstfest


Jedes Jahr wieder fragen wir Christen uns in der Pfingstzeit: Wie sollen wir den Heiligen Geist verstehen? Gewiss lebt auch Gott Vater im unbegreiflichen Geheimnis, das wissen wir, trotzdem vertrauen wir dem Wort Jesu, wenn er uns "Vater unser" beten lehrt. Und das ist ja nicht bloß eine Formel zum Auswendiglernen, sondern der Kern des Evangeliums. Wer selbst Kinder hat, kennt aus schöner und weher Erfahrung diese unbändige Liebe zu den kleinen Wesen, wenn sie Papi oder Mami zu uns sagen. Wenn Eltern solche Worte hören, dann schmilzt zuweilen ihr Herz, da regt sich nichts von Herrschsucht oder Rivalität, da lebt das reine, ungetrübte Wohlwollen. Denken Sie zurück an jene Zeiten, da Sie mit so einem kleinen Schatz zusammen in der Badewanne planschten, und vertiefen Sie das Gefühl, das Sie damals empfanden, ins Unendliche, dann (und nicht - wie der Unglaube uns weismachen will - wenn Sie vor einer irdischen Obrigkeit zittern) ahnen Sie ungefähr, was "Vater Unser" heißt.

Und Gott Sohn ist in Jesus sein eigenes vollkommenes Bild geworden, das uns aus den Evangelien in unverwechselbarer Einmaligkeit entgegenspringt; solange das Kirchenjahr Jesu Weg begleitet, also von Weihnachten bis Himmelfahrt, werden wir sinnlichen Wesen von den unterschiedlichsten Heils-Eindrücken geprägt. Sie lassen uns das eigene Leben und Leiden, Kämpfen und Hoffen als Mosaiksteinchen des Weltkunstwerkes begreifen, dessen Mitte Jesus Christus gewesen ist und immer bleibt. Ja: im Namen des Vaters und des Sohnes zu leben, das schafft - in der Kraft des Glaubens - auch unser Verstand.

Wie aber leben wir im Namen des Heiligen Geistes? - Es ist gar nicht so schwer. Wir dürfen nur nicht versuchen, Ihn uns irgendwie außen vorzustellen, über uns (wie den Vater) oder gegenüber (wie Jesus, unseren Bruder). Das hebräische Wort für Geist bedeutet Wind, Hauch, Atem. Sprachen die ersten Christen, die ja Juden waren, vom Heiligen Geist, dann hieß das also auch: Heilige Atmung. Ihre belebende Kraft wird vom Pfingststurm symbolisiert.

So werden uns die beiden Richtungen klar, in denen wir uns auf den Heiligen Geist beziehen. Gott ist Ursprung und Ziel unseres Lebens. Der Rhythmus des Seins ist wie ein gewaltiger Kreis, der - jeden Augenblick neu! - ohne uns "oben" bei Gott beginnt, herabschwingend uns aus dem Nichts ins Wirklichsein reißt (der untere Punkt bedeutet jeden von uns), dann mit uns wieder zu Gott emporschwingt und uns zuletzt in seinem Ewigen Leben münden lässt. Mithin besteht unser göttlicher Odem aus zwei Takten: Einatmend (danke!) empfangen wir uns aus der Huld der himmlischen "Windsbraut" (welch grandiose Erfahrung hat dieses Wort geschaffen!), ausatmend (ja!) geben wir uns an Gott zurück. Beide Richtungen sind zu unterscheiden; sonst bleibt das Verständnis des Heiligen Geistes so konfus, wie es bei den meisten Christen ihr Leben lang ist. Atmen - auch das heilige - ist wesenhaft der Rhythmus von Ein- und Ausatmen.

Der Heilige Geist ist also, erstens, der göttlich tiefe Grund jenes geheimnisvollen ES, mit dem unsere Sprache den Quell alles Wirklichen benennt. Andere Sprachen sind, das dürfen wir ohne Hochmut feststellen, in diesem Punkt minder tief. Engländer und Italiener sagen: da ist, der Franzose: da hat's. Ein Unserer aber hat irgendwann gespürt: ES GIBT. Es regnet, es schneit, es taut, ES GIBT: dich. WAS gibt dich, mich, alles? "Gabe, Geschenk" heißt der Heilige Geist in der christlichen Tradition. Ihn als Selbst-Gabe symbolisch, ja leibhaft zu erfahren, tauch einmal unter, so lang du kannst. Im letzten Moment vor dem Ersticken tauch auf und sprich, während LEBEN in dich strömt: Aus mir bin ich nichts. Dir allein, Heiliger Atem, danke ich alles, Dir dem göttlichen ES, das mich mir gibt, aus Liebe.

Und zur Liebe. Denn der andere Takt ist ebenso notwendig. Wer nicht einatmen will, erstickt; wer nur einatmen will, zerplatzt wie im Märchen der Ochsenfrosch. Sobald ich bin, im Heiligen Atem mich selbst verwirklicht habe, soll und darf ich mich wieder aufgeben, lassen ("nimm dich, wo du dich findest, und da lass dich," sagt Meister Eckhart), ausatmend ins heile Ganze zurückströmen: Nichts will ich für mich behalten, sondern vertraue Dir, Ewige Liebe, alles an, sende in Deinem Hauch mich, den Du belebt hast, wieder zu Gott zurück.

Dies ist zwar jetzt, beim Gebet des Atmens, leicht und wohltuend. In abgründige Tiefe führt uns jedoch Johannes, wenn er als letzte, höchste Tat Jesu in unserem Todesfleisch berichtet (19,39): Paredoken to pneuma. Spiritum tradidit, er übergab den Geist: freilich auch der Kirche und uns, aber das ist erst das Zweite. Das Erste ist der Ausgang des Geistes vom Sohn an den Vater, den die lateinische Kirche bekennt. Dagegen wehrt sich, anderseits, die Ostkirche mit ihrem Recht; denn SIE, die Heilige Gischt, ist auch vor dem Sohn, in IHR wird er gezeugt.

Lass nun einige Atemzüge lang diesen göttlichen Rhythmus weit und voll in dir schwingen, freu dich der lebendigen Frische, in der du dich bekommst, und leg deine ganze Hingabe ins vertrauende Zurückströmen des Lebens. Neben langer Gewohnheit verbürgt uns ja nur Gottes Treue, dass Ausatmen nicht das Letzte ist, dass auf Tod Auferstehung folgt. So können wir beim Atmen erahnen, wie der Heilige Geist die personhafte WIR-Einheit von ICH und DU in Gott ist, die in Ihr, dem göttlichen Kuss (sagen die Kirchenväter), ewig ineinander atmen. Bitten wir deshalb die göttliche Liebe, SIE wolle in uns wehen und atmen, ein-aus-ein-aus, in dem freien Rhythmus, den Gott uns, seinen Kindern, erwählt, bis - bald - unser letzter Atemzug verweht ins Rauschen der Ewigkeit


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/c-pfingst.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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