Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

Weder Sklave noch Herr – aber beides

Gedanken zum Palmsonntag


Die einen werfen dem Christentum erbärmliche Sklavenmoral vor, erbarmungslose Herrenmoral die anderen – je nach Blickwinkel sind beide Anklagen oft berechtigt, doch trifft keine, was wir wirklich sind. Das vernehmen wir vielmehr in der heutigen zweiten Lesung:

"Christus Jesus war Gott gleich ... und wurde wie ein Sklave ... Darum hat Gott ihn über alle erhöht“ (Phil 2,6-9).

Wie wirkt diese ungeheuerlichste innere Spannung dessen, der sich "bei seiner Menschwerdung irgendwie mit jedem Menschen vereinigt hat“ [Vat II, GS 22], in solchen, die sich von ihr ergreifen lassen und sie durch ihr Leben bezeugen wollen? Wird die Frage so gestellt, nimmt die Brüchigkeit jeder simplen Antwort nicht wunder. Sklaven- wie Herrenmoral zeigt sich als Verrat der einen oder anderen eindeutigen Logik am überlogischen Glauben. "Klipp und klar, wenigstens klipp“ [Wilhelm Klein SJ] wünscht der bloß denkende Mensch seinen Standpunkt; solange er auf diesem Verlangen beharrt, bleibt die Palmsonntags-Botschaft ihm verschlossen. Wer sich ihr öffnet, d.h. die unauflösbare Spannung von Knecht und Herr als eigene innere Wahrheit annimmt, weiß zwar weder klipp noch klar, wie er sich bei einem Anfall von Sklaven- oder Herrenmoral genau verhalten soll, doch vertraut er: die sind beide falsch. Weil ein Christus-erfülltes Herz zwischen beiden Programmen frei schwingt, kannst du deinen auferstandenen Freund jeweils fragen: "Herr, was soll ich tun“ [Apg 22,10], dich jetzt mehr als Sklaven oder als Herrn vergegenwärtigen?

Die rechte Antwort lässt sich nicht ausrechnen, aber je treuer ein Gewissen trainiert hat, um so gewisser kann es sie einem Wink des über alle erhöhten Regisseurs unseres gemeinsamen Lebensdramas entnehmen. Wichtig ist es, den Mitmenschen eine Ahnung der (beide Pole belebenden) Spannung selbst zu vermitteln. Will jemand dich erniedrigen, lass ihn spüren, wie auch aus deinem Blick der des Herrn der Herren funkelt; kriecht vor dir ein geducktes Gemüt, zeig dich solidarisch. Es sei denn, du spürst Unechtheit, dann empfiehlt sich die Methode des weisen Rabbi: "Mach dich nicht so klein, so groß bist du doch gar nicht!“ (oder umgekehrt, je nachdem).

Fatal einflussreich wurde das Missverständnis eines römischen Christen [im Stück »Androcles und der Löwe« von Shaw]: "Lass mich los! Deine Religion verbietet dir, mich zu schlagen,“ rief Lentulus, ein schmächtiger Römer im Schwitzkasten des bärenstarken Ferrovius. Der erwiderte: "Im Gegenteil, sie befiehlt mir, dich zu schlagen. Wie kannst du denn die andere Wange hinhalten, wenn du nicht zuerst auf die eine geschlagen wirst?“ Von solcher Pädagogik hat die Christenheit sich offiziell verabschiedet – hüten wir uns davor, sie im Kleinen weiter zu betreiben!

[Unauflösbare Spannung: Wie kann ich eine solche empfehlen? "Unlösbare Spannung macht auf Dauer krank," schreibt R. Picker in Kirche In (01/2010,44). Nun, auf Dauer krank macht auch Entspanntheit; nur auf dem Sofa zu liegen ist nicht das Gesündeste. Schlimm ist es gleichfalls, wenn eine Polarität erst zu Polarisierung führt und zuletzt zum Bruch. Der Glaube hingegen heilt eben dadurch, dass er sich jeder einseitigen Ent- oder Überspannung widersetzt, vielmehr die Spannung aufeinander bezogener Pole bedenkt, gelten lässt und wie die tönende Schwingung einer lebendigen Saite ins Große Konzert einfügt.]


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/c-palm.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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