Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

Frisch, nicht faul, ist der Apfel des Anfangs

Gedanken zum siebten Sonntag der Osterzeit


"Selig, wer sein Gewand wäscht; er hat Anteil am Baum des Lebens (Offb 22,14)."

Wenige Christen kennen diesen erstaunlichen Satz der zweiten Lesung von heute. Ein paar Zeilen vor dem Ende unserer Bibel findet sich die Verheißung, dass Adams Missgriff, von dem ihr Anfang berichtet, zuletzt doch sein ursprüngliches Ziel erreicht. Vers 2,7 wird wieder aufgenommen: "Wer siegt, dem werde ich zu essen geben vom Baum des Lebens, der im Paradies Gottes steht." Das bedeutet: Sogar unser Wunsch nach voller Selbständigkeit wird uns zuletzt strahlend erfüllt. Alles in allem will Gott sein (1 Kor 15,28), mithin auch: du in dir. Mehr geht nicht. Gott in Gott: Das ist es, wer wir sein dürfen, im Grunde jetzt schon.

Ob wir es aber tat-sächlich sind, liegt an unserer Freiheit: Deren Tat bestimmt die Sache, zu der jemand sich macht. Wenn das Einzelwesen Adam oder Eva gegen die anderen und das Ganze wie Gott werden möchte, müssen beide schmerzlich erfahren, dass sie Staub sind. Wer aber wie Jesus und ausdrücklich in Christus - oder im für ihn namenlosen Ganzen - mit den anderen Alles sein will, ist aus dem Staub auferstanden: "Wir wissen, dass wir aus dem Tod ins Leben hinübergegangen sind, weil wir die Brüder lieben" (1 Joh 3,14). Dieselbe Melodie, die jemand jetzt mühsam übt, darf er im göttlichen Konzert endgültig sein. Wenn bei einer Probe Adam sein Triangel in die Ecke wirft, weil er die Trompete beneidet, wird er vom Komponisten erst aus- und zuletzt hoffentlich, zum Ganzen erlöst, herzlich angelacht.

Freuen wir uns: Dem Glauben hat nicht der Wurm in verfaulter Frucht das letzte Wort, vielmehr der neugeschaffene Apfel des Anfangs. Sagt Glaube "Ende", meint er nicht den Schlusspunkt einer verschwindenden Linie, sondern ihre bleibende Gestalt. Besonders schön hat das Viktor Frankl erklärt [zitiert in CiG 30/2008,329]:

"Die Zeit wird missverstanden. Denn wie steht der durchschnittliche Mensch zur 'Zeit'? Er sieht nur das Stoppelfeld der Vergänglichkeit - aber er sieht nicht die vollen Scheunen der Vergangenheit. Er will, dass die Zeit stillstehe, auf dass nicht alles vergänglich sei; aber er gleicht darin einem Manne, der da wollte, dass die Mäh- und Dreschmaschine still stehe und am Platz arbeitet und nicht im Fahren.
Denn während die Maschine übers Feld rollt, sieht er - mit Schaudern - immer nur das sich vergrößernde Stoppelfeld, aber nicht die gleichzeitig sich mehrende Menge des Korns im Inneren der Maschine. So ist der Mensch geneigt, an den vergangenen Dingen nur zu sehen, dass sie nicht mehr da sind; aber er sieht nicht, in welche Speicher sie gekommen. Er sagt dann: Sie sind vergangen, weil sie vergänglich sind - aber er sollte sagen: vergangen sind sie; denn 'einmal' gezeitigt, sind sie 'für immer' verewigt.
"

Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/c-o7.htm

Zurück zur Leitseite des neuen Predigtkorbes.

Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann