Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

Die zwölf Tore der Neuen Stadt

Gedanken zum sechsten Sonntag der Osterzeit


"Die heilige Stadt Jerusalem, wie sie von Gott her aus dem Himmel herabkam, ... hat eine große und hohe Mauer mit zwölf Toren ... Im Osten hat die Stadt drei Tore und im Norden drei Tore und im Süden drei Tore und im Westen drei Tore ... Einen Tempel sah ich nicht in der Stadt."

Von allen Seiten her nimmt die künftige Stadt ihre Einwohner auf, doch jede und jeder von uns kann nur durch ein bestimmtes Tor eintreten. Durch alle kommt keiner, wozu auch? Nur miteinander sind wir alles: wenn jeder beherzt etwas ist, seine Schritte zum rechten Tor hinlenkt und die Sprache meistert, die in seiner Region gesprochen wird. "Auf die Tore sind Namen geschrieben", einer davon steht auf deinem Ticket, noch undeutlich. Aber, anders als bei alten Faxblättern, verblaßt die Schrift nicht mit den Jahren sondern tritt überhaupt erst hervor. "Wenn ich bedenke, was ich mit 64 noch alles geglaubt habe!" schmunzelte Wilhelm Klein SJ mit 89. Mag sein, du wanderst in der Ferne um die halbe Stadt herum, ehe du dein Tor kennst. Jeder Schritt aber ist ein ganz bestimmter, geh ihn! Dich müde ins Gras zu werfen kann himmlisch sein, vielleicht auch notwendig, weil es gar zu finster ist und man besser liegt als stürzt. Doch eine depressive Wut darüber, daß du nicht dort drüben bist, wo andere so triumphierend einher ziehen, die lach aus und vertreib aus deinem Herzen. Du magst linkskatholisch fühlen oder rechtsprotestantisch, dich Buddhistin, Bahai oder Zweiflerin nennen - oder nicht einmal das sicher wissen. Ist dein Zweifel noch nicht scharf genug? Keine Sorge, der Tag kommt, wo du endlich an allem zweifelst, sogar an dir, und glücklich bist, daß ES dich auffängt, jenes verborgene Es, das alles gibt was es gibt, und dich so auf die Füße stellt, daß du nur mehr eintreten mußt in dein Tor, dessen Name auf deinem Ticket jetzt golden strahlt.


Zum Weiterdenken

Es gibt:

Es schneit
Es stürmt
Es hagelt
ES gibt
mich

Es taut
Es scheint die Sonne
Es blüht
ES gibt
dich

Es ist seltsam
Wie wird es sein?
Es ist gut
ES GIBT
SICH

Dein Tor: Dies ist eine österlich-katholische Version der Geschichte, die Franz Kafka so erzählt: "Was willst du denn jetzt noch wissen?" fragt der Türhüter [den Mann vom Lande, der Jahrzehnte lang vor der Tür zum Gesetz gewartet, sich nicht getraut hat, am verbietenden Türhüter vorbei zu gehen], "du bist unersättlich." "Alle streben doch nach dem Gesetz", sagt der Mann, "wieso kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat?" Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: "Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn." (Vor dem Gesetz, in: Ein Landarzt. Kleine Erzählungen)



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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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