Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

Neuer Friede von Himmel und Erde

Gedanken zum fünften Sonntag der Osterzeit


"Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde" (Offb 21,1).

Zwischen Himmel und Erde bricht im Gemüt vieler Zeitgenossen immer wieder ein frisch blutender Riss auf; wer den Anfang des vorletzten Bibelkapitels recht versteht, dem heilt dieser Riss, wandelt sich in die gesunde Balance zweier Sinnrichtungen des Neuen Lebens. Denn zwar kämpfen die alte Erde und der alte Himmel weiter ihren endlosen Krieg um unser Herz; doch längst freut dort die Neue Erde sich als Braut auf ihren Neuen Himmel und Er neigt sich Ihr liebevoll zu.

Jenen Krieg von Himmel und Erde erlebt ein wacher Mensch als den Konflikt zwischen religiösem und weltlichem Selbstverständnis. Wer bin ich? Gottes Geschöpf, von dir abhängig, deinem Willen ausgeliefert, unablässig auf dich mich zu beziehen verpflichtet, bis ich mich zuletzt vor deinem Gericht gar nicht winzig genug machen kann? Oder bin ich selbst jemand, ein freies Lebewesen mit eigenen Zielen, endlich zwar, vergänglich und bald vorbei, doch solang es mich gibt ein mit allen anderen Personen gleichberechtigter Quell unverletzlicher Würde? Nicht wenige oszillieren, seit sie denken können, zwischen Du- und Ich-Schaltung hin und her. Andere legen sich irgendwann fest, werden fromm oder gottlos und machen die Gegenseite schlecht, im Gleichnis der verlorenen Söhne hält Jesus beiden den Spiegel vor.

Unser Bibelsatz deutet die wahre Lösung an. Im Neuen Leben, das in uns pulst, wollen Himmel und Erde nicht ohne einander sein. Nach oben zu DIR geschaut, ist die Erde schon im Himmel, nach innen auf MICH geachtet, lebt der Himmel als ihr Grund tief in der Erde. Falsch ist keiner der Pole, nur - weil dank Glaube und Liebe endgültig abgetan - ihr alter Konflikt isolierter Positionen.

Solange diese Einsicht bloß theoretisch bleibt, reißt der alte Riss allerdings immer wieder auf. Denn eines sei klar: Unser auf eindeutige Richtigkeiten getrimmter Verstand ist der Wucht unserer mensch-göttlichen Identitätsspannung keineswegs gewachsen. Ist doch logisch: Entweder dreht alles sich um mich oder um dich; beides - wie soll das gehen?

Dass es geht, und nur so geht, kann niemand begreifen aber jeder achtsam einüben. Erfahren lässt Unbegreifliches sich. Wie ich es seit ein paar Wochen stereo zu leben suche, ist schnell erzählt. Unser Familienheim hieß bei den Maurern vor dreißig Jahren "Bergsteigerhaus". Weil es neun halbe Stockwerke umfasst, sind wir ständig treppauf treppab unterwegs. Fürs Herz war das immer gut, jetzt auch ganz innen für des Herzens Herz. Auf einmal war die Regel da: Treppauf gelte die Du-, treppab die Ich-Schaltung.

Jetzt sind dank dem Prinzip Abwechslung beide Ängste weg, die vor Hochmut wie die vor Feigheit. Jeder Wahrheitspol kommt dran. Die Treppe empor steigend, blicke ich vertrauensvoll zu Gott dort oben (Gen 28,13), weiß mich von DIR berufen, geliebt, beauftragt, erwartet. Hinunter steigend fühle ich Dich sichernd im Rücken - und vor mir ahne ich MICH, meine eigene unverlierbare Mitte, Tiefe, ewige Würde, nicht nur meine aber, vielmehr unsere gemeinsame; auch mein Ehering hat ja nur eine Mitte, die allen seinen Molekülen gemeinsam ist.

Sobald das Prinzip erfasst ist, braucht es für diese Meditation keine reale Treppe. In der kleinsten Wohnung sind es ein paar Schritte von der Außentür zum Bett. Draußen wartet in vielen Mitmenschen GOTT auf deinen Dienst, drinnen versinkst du nächtlich tief im einen SELBST aller (Erklärt das die überraschende Buntheit mancher Träume?), bei jedem Schritt in die eine oder andere Richtung kannst du dir entweder deine "schlechthinige Abhängigkeit" klar machen, unentfremdet: denn die Ich-Wahrheit schwingt noch unmittelbar nach. Oder du freust dich deines freien Ich - unrebellisch: denn eben zu deinem Selbst spricht die Ewige Liebe ihr neidloses JA! Nicht Tropfen aus äußerem Schlauch sondern in dir lebendige Quelle sein (Joh 4,14) will Gottes Gabe.

So treppauf treppab wandernd oder doch hin und her, mag ein Gemüt irgendwann ein ähnliches Aha-Erlebnis spüren wie wenn jemandes Stereo-Anlage endlich in Ordnung ist und er, wo es bisher monoton oder wacklig zuging, sich plötzlich mitten im aufregendsten Spannungsfeld erlebt.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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