Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

Trau dem Gewissen!

Gedanken zum dritten Ostersonntag


"Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen" (Apg 5,29)

Es ist zum Staunen, wer das sagt und zu wem. Zum Hohenpriester sagt es Petrus, nach katholischem Glauben der erste Papst. Recht anders klingt das als der stolze Satz, den sein Nachfolger, der Hohepriester Bonifaz VIII. im Jahr 1302 feierlich verlautbaren wird: "Dem römischen Papst untertan zu sein ist für jedes Menschgeschöpf zum Heil notwendig; das erklären, behaupten, bestimmen und verkünden wir."

An welchen Papst halten wir uns? Die gesunde katholische Lehre hat das längst geklärt: an beide, und zwar korrekt gestuft. In jeder ordentlichen Firma gilt die Kette der Autoritäten: Ober sticht Unter, wird vor denen noch weiter unten solche Stichelei aber tunlich vermeiden, will er nicht den Zusammenhalt des Ganzen gefährden. Es sei denn,
a) der Chef sei nicht nur Mietling sondern echter Hirt, weil Gründer seines Werkes, und
b) eine Lage habe sich ergeben, die das Werk nur in Form getrennter Teile so weiter bestehen lässt, dass alle dem Gründer wichtigen Aufgaben wenigstens irgendwo gelingen.

Dann gilt auch im Großen für Gottes Werk Kirche jenes Prinzip, das dem Ignatius von Loyola bei einer kirchenpolitischen Tagesfrage aufging: "Es gibt da keinen Widerspruch, denn es kann sein, dass derselbe Geist Gottes mich aus den einen Gründen zu dem einen drängt und andere, aus anderen, zum Gegenteil" [Brief vom 5. Juni 1552 an Franz von Borja]. In solchen Fällen setzt ein Gewissen sich auch gegen formal gültige Weisungen durch. Petrus und seine Freunde haben damals trotz des strengen Verbots ihrer religiösen Autorität weiter jeden Tag das Evangelium verkündigt.

(Daraus, dass der jüdische Glaube seither der christlichen Übermacht nicht erlegen ist, dürfen und sollen wir allerdings entnehmen, dass Gamaliels Prinzip [38f. - aus der heutigen Lesung weg gekürzt] "Ist das von Menschen, geht es unter; ist es aber von Gott, könnt ihr es nicht zerstören" eine uns Christen mahnende Kehrseite hat: Besteht etwas trotz eurer Mühen zweitausend Jahre lang weiter, bleibt es von Gott und ihr sollt es achten!)

In zwei Wochen soll in Birmingham Kardinal John Henry Newman selig gesprochen werden. Mit deutlicher Anspielung auf den Unfehlbarkeitspapst Pius IX. schrieb er 1874 an den Herzog von Norfolk über das Gewissen: "Es ist ein Bote dessen, der sowohl in der Natur als auch in der Gnade hinter einem Schleier zu uns spricht und uns durch seine Stellvertreter lehrt und regiert. Das Gewissen ist der ursprüngliche Statthalter Christi." Das steht so im katholischen Weltkatechismus (Nr. 1778), nicht jedoch Newmans berühmte Folgerung im selben Brief: "Wenn ich - was höchst unwahrscheinlich ist - einen Toast auf die Religion ausbringen müsste, würde ich auf den Papst trinken. Aber zuerst auf das Gewissen. Dann erst auf den Papst." Wie jedes katholische Kind lernt, müssen wir dem Gewissen folgen. Ein einsozialisiertes Überich kann schrecklich täuschen, das echte Gewissen irrt nicht.

Vor bald 38 Jahren sagte ich in der Abschiedspredigt des Kaplans: "Angenommen, es gehöre in einer Firma zum Aufnahmeritus der Lehrlinge, daß der Stift dem Prokuristen Gehorsam verspricht: dann kann trotzdem einmal der Chef höchstpersönlich dem Lehrling etwas anderes befehlen. Damit ist der seines Gehorsamsversprechens ledig. Normalerweise wird der Chef das dem Prokuristen mitteilen - wie aber, wenn dessen Leitung gerade besetzt ist? Dann kann es sein, dass der Prokurist einen furchtbaren Zorn auf den Stift bekommt - bis der Chef das Missverständnis aufklärt. Ich hoffe, der Tag ist nicht fern." Aus dieser Stimmung entstand bald danach eine theologische story. Immer noch vertraue ich samt den Meinen, dass ich damals keiner Laune gefolgt bin. Ja, man darf Gott mehr gehorchen als den Menschen.


Eine andere Predigt für heute

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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