Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

Das Geheimnis der Treppe

Gedanken zum zweiten Ostersonntag


"Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, doch nun lebe ich in alle Ewigkeit, und ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt" (Offb 1,18).

Wie konnte vor bald zweitausend Jahren jene Stimme so sprechen? Und wie trifft uns spät Geborene das, was der Autor des letzten Bibelbuches Christus in einer Vision sagen hörte? Ob die sich "echt" ereignet hat oder literarische Erfindung war, dieser Unterschied ist für uns unerheblich; denn die Botschaft dessen, "der wie ein Mensch aussieht", ist in beiden Fällen dieselbe.

Und diese Botschaft hat es in sich, mehr als es: uns. "Der Erste und der Letzte" bedeutet die ganze Serie, also irgendwo dazwischen auch mich und dich. Wirklich in mir und dir, genauer: als ich und du will ER leben, der tot war und ewig lebt. War er auch als du schon tot? Gewiss. All deine Lebensgestalten bisher, vom winzigen Embryo bis zu der Person, die vorhin diese Datei geöffnet hat, sind schon vergangen, scheinbar zurück gesunken ins Nichts, aus dem sie kamen.

Aber sie leben in Ewigkeit. Keinen abgegrenzten Personbezirk, vielmehr die ganze menschliche Natur hat Gottes ewiges ICH angenommen, erlöst und verewigt. Zutiefst eben dies ungeschaffene "Ich" ist gemeint, sooft dein Selbstbewusstsein – gegen niemanden, mit allen – tief inseits sich klar wird: Oh, ich bin ja ICH! Wie sonst wärest du (was das Neue Testament ausdrücklich feststellt aber kaum ein Christ ernst zu nehmen wagt) "Mitinhaber(in) der göttlichen Natur" (2 Petr 1,4) ? Die übliche Übersetzung »Teilhaber« ist bei Sachgütern richtig, dort läuft Gemeinbesitz auf Teilhabe hinaus. Doch nicht einmal dein besonderes Ich hat Teile, sondern ist in Auge und Ohr, Fuß wie Nase zwar anders aber je ganz dabei – probier's aus! Erst recht ist das all-einfache göttliche ICH zwischen MEINen Mitinhabern nicht aufgeteilt.

Dies bedenkend, erlebe ich gerade: Der »Streit um Gott« [den das Buch von Klaus Müller hochgelehrt darstellt] lässt sich wenigstens im eigenen Herzen eines Glaubenden spürbar befrieden mit Hilfe des alten Symbols Heilstreppe. Vorausgesetzt, man traut sich auch auf jene Stufen nach unten, die in der Christenheit bisher fast unbekannt blieben. Denn die biblische Himmelstreppe (Gen 28,12) hinauf zu dem GOTT, der die Liebe zu allen ist, setzt sich von der Erde aus fort hinab zu dem SELBST, das von allem der Grund ist.

Zu solch innerem Abstieg rät Meister Eckhart: "Der Mensch, der von inwendigen Dingen nichts gewöhnt ist, der weiß nicht, was Gott ist. Wie ein Mann, der Wein in seinem Keller hat, aber nichts davon getrunken noch versucht hätte, der weiß nicht, daß er gut ist." Total anders fühlt er sich, sobald er den innersten Schatz entdeckt und verkostet hat: "Wie ich einst sagte, daß unser Herr am Ostertage zu seinen Jüngern kam bei verschlossenen Türen; so auch ist es mit diesem Menschen, der da befreit ist von aller Fremdheit und von aller Geschaffenheit: in einen solchen Menschen kommt Gott nicht erst hinein: er ist (vielmehr) wesenhaft darin" [Predigt 10 (Quint 11, S. 202 f)].

Wer jetzt erschrickt und ängstlich zu verstehen meint, warum im Jahr 1329 der Papst den Meister verurteilen musste, schalte sich vom noch missverständlichen Ich aufs klare Du um und steige als Geschöpf in IHR, der nie gefallenen Schöpfung (die in Maria eine von uns wurde), die Treppe betend hinauf (Tintoretto stellt das wunderschön dar) zu DIR. Dort bleiben kann freilich niemand, sondern DU sendest uns zu den Menschen. So erklärt ein Kirchenvater Jesu Verheißung (Joh 1,51), die Seinen würden »den Himmel offen und Gottes Engel über dem Menschensohn [d.h. der Treppenmitte] auf- und absteigen sehen«. Augustinus (In Joh 7,23) deutet diese Engel als uns Christen, die erst zu Gott auf- und dann als seine Boten zu den anderen absteigen.

Was der Bischof vor 1600 Jahren nicht wissen konnte, ist unsere dramatisch verschärfte Situation heute. Nicht nur dürfen wir Gottes Engel für die anderen sein, sondern umgekehrt sollen wir auch viele jener anderen als Boten des Grundes ehren und von ihnen lernen. Seiner, des ewigen ICH »Vereinigung irgendwie mit jedem Menschen« [Vat. II, GS 22] ist existentiell vielen bewusst, denen ES als geschichtliches Wort von und zu Gott in Jesus nicht erscheint, erst recht nicht als dessen Gegenwart in der Kirche. Mancherorts nicht nur in Ostdeutschland kennt vermutlich die Mehrheit nur den unteren Abschnitt der Herzenstreppe: ein paar Stufen von der Alltagswelt hinab in die eine Tiefe eines jeden Ich. Auch dieser Heilsweg ist aber göttlich wahr.

Deshalb braucht es niemanden zu erbittern, sollte ein Bischof im Hirtenbrief von zahlreichen Kanzeln aus einen Gegner des kirchlichen Nach-oben-Weisens loben, wie z.B. Camus es war. Sofern dessen Widerspruch sich gegen unser seit 1329 offizielles Nein zum unentfremdeten Innenweg des Ich ins lautere SELBST und zurück ausspricht, lebt und empfiehlt der scheinbare Gegner eine auch uns not-wendige göttliche Wahrheit. 1967 sagte Professor Ratzinger in Tübingen über Glaubenssätze, die der Kirche als falsch gelten: «Alle diese Aussagen sind weniger Grabmonumente als Bausteine einer Kathedrale, die aber freilich nur dann nützen, wenn sie nicht allein bleiben, sondern hineingestellt werden ins Größere.»

Traut euch auf die ganze Treppe!

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Zum Weiterdenken:

Im großartigen vierten Band der "Mystik im Abendland" von Bernard McGinn (Herder Verlag Freiburg 2008, 151-153) heißt es über Meister Eckharts Zentralbegriff "Grund": »Eckhart, seine Zeitgenossen und Nachfolger schufen für die Mystik eine markante neue Sprache ... das Wort vom grunt liefert eine nützliche Linse, um spezifische Elemente ihres mystischen Denkens in einem Brennpunkt zu sammeln. Grunt ist ein schlichter Begriff räumlicher und taktiler Unmittelbarkeit. Doch es ist auch ein außerordentlich komplexes Wort, ... lässt sich als "Sprengmetapher" bezeichnen, insbesondere wegen der Art, auf die es bisherige Kategorien des Sprechens über Mystik durchbricht, um auf neue Weise eine direkte Begegnung mit Gott vorzustellen. Wenn Eckhart sagt: "Gottes Grund und der Seele Grund ist ein Grund", dann kündigt er eine neue Form der Mystik an ... Der ausgesprochen germanische Charakter des Wortes grunt zeigt sich darin, dass es für diesen Begriff in den anderen volkssprachlichen Werken über Mystik oder in der lateinischen mystischen Literatur kein Äquivalent gibt.«

Das Verhältnis beider Treppenteile wird deutlicher, wenn man sie als Dimensionen des Würfels unterscheidet, am besten des bunten. Dann entspricht die Treppe nach oben der Senkrechten, die Treppe nach unten der (in die Waagrechte gekippten) Richtung links => rechts, vom Ich zum SELBST. So verstanden, kann allein unser Dreieinigkeitsdogma die religiöse Krise bewältigen.


Man google "Du unser Ich"; knapper lässt diese Spannung sich nicht sagen. Mein Patmos-Buch von 1977 ist ebenso unbekannt wie hochaktuell; bei Direktbestellung gibt's 10% Rabatt.


Wer nicht aufs Netz angewiesen sein will, kann meine Internet-Präsenz auf einer CD-ROM bestellen, zusammen mit Buchtexten, die nicht online verfügbar sind (z.B. dem Dreifaltigkeitsbüchlein von 1968 [les- aber nicht durchsuchbar]). Die CD, samt Nachtrag Mai 2006 und September 2008, kostet 8,50 Euro + Porto. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung.


Eine andere Predigt für heute

Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/c-o2.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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