Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

Im Reich des Sohnes seiner Liebe

Gedanken zum Christkönigssonntag


Bei der heutigen zweiten Lesung hat das Übersetzer-Komitee den Wortlaut so vergröbert, dass eine bedeutsame Feinheit des Textes spurlos verschwindet. Am Christkönigsfest ist das besonders peinlich - oder würde der König es dulden, dass aus dem offiziellen Foto das Antlitz seiner Königin-Mutter weg retuschiert wird? Es scheint unglaublich, aber gerade so etwas ist hier geschehen mit dem Ergebnis, dass fast allen Gläubigen deutscher Sprache heute vorgelesen wird: "Er hat uns der Macht der Finsternis entrissen und aufgenommen in das Reich seines geliebten Sohnes."

Das steht aber nicht in der Bibel. Dort heißt es vielmehr: "Er hat uns der Macht der Finsternis entrissen und aufgenommen in das Reich des Sohnes seiner Liebe." Auch im griechischen Original ist das Wort für Liebe ein weibliches, nämlich jene Heilige Agápe, die (als Liebes-Mahl) auch unsere Sprache bereichert.

Auf die Frage "Wer ist der Heilige Geist?" heißt eine alte Antwort: Die göttliche LIEBE in Person, das unendliche WIR von Vater und Sohn. Aus IHR geht der Sohn hervor wie jedes Kind aus seiner Mutter, als seine Gegenliebe sendet er sie zu Gott zurück ("und gab den Geist auf", Joh 19,30), und beide Lieben sind eins: die göttlich zwischen Himmel und Erde wehende Atmung, die wir an Pfingsten feiern.

1961 war das Aufblitzen dieser Feinheit im Kolosserbrief einer der Gründe, die mein überraschtes Erschrecken über die Offenbarung der Göttin in ihre dankbare Annahme umwandelten. Aus ihr erwuchs später der Zorn wegen der Verschandelung eines altvertrauten Liedtextes; hoffentlich wird sie bei der nächsten Gesangbuchrevision zurückgenommen. "Denn sein Erbarmen, seine Gnad sich über uns gebreitet hat", so hatte die Strophe seit meiner Kindheit begonnen. Wie mütterlich-hold dieses Denkbild wirkt, wurde mir schmerzlich klar in dem Augenblick, als der jetzige, männisch verhunzte Text mich grob aus IHRen Armen riss: "Denn sein Erbarmen, seine Gnad er über uns gebreitet hat." Aus der mütterlich holdseligen Gnade, die als aktive Person SICH mir schenkt, machen jene Verschlimmbesserer durch ihren grammatikalischen Trick [die Gnade wird vom Nominativ zum Akkusativ degradiert] ein passives Etwas, entsubjektivieren SIE zum Ding, sozusagen zum Tuch, mit dem ein Er mich bedeckt.

Nein: "Lebendige Bewegungen gehen nicht von Komitees aus" (Newman, zitiert von Kardinal Ratzinger bei einem Symposium anlässlich seines 100. Todestages im Jahr 1990), und werden sie von deren Ergebnissen befeuert (wie von manchen Konzilsbeschlüssen), dürfen wir dies als Wunder achten. In unseren beiden Fällen sind die Resultate nicht ganz falsch. Aber weniger wahr als ihr geistvoller Ausgangstext. Christkönig, halleluja, dass dein Heiliger Geist nicht nur immer wieder heilt, was wir verunstalten, sondern gerade durch den Gegensatz zur Ungestalt uns deutlich spüren lässt, wie wunderbar es zugeht in deinem Reich. Deshalb - und weil auch ich so oft auf Vergebung angewiesen bin - sei den Mitgliedern jener Komitees (die z.B. auch noch dies und dies verbockt haben) brüderlich verziehen.


Möchten Sie über vieles in unserem Glauben auch mal fern von Computern lesen? Im Mai 2013 erschienen ist eine Sammlung meiner Predigt-Texte für die liturgische Zeit zwischen Pfingsten und Advent. So sieht das Buch aus, es umfasst 153 Seiten, dies ist sein Inhalt, hier liest man meinen - manches Rätselhafte erklärenden - Begleitbrief zur Werbe-Anzeige. Das Buch bietet Predigern wie Religionslehrer(inne)n eine Fülle geistlicher Anregungen, auch durch ein "Sümmlein der Theologie", nämlich 82 Verweise ins Internet. Wer also sich oder einem/r befreundeten Reli-Profi (oder bestell-berechtigten Bibliothekar) eine nützliche Freude machen will, bestelle das spannende Buch bei mir (bitte mit deutlichem Betreff: Buch-Bestellung) und bekommt es samt der Rechnung über 12,80 sogleich portofrei zugeschickt.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/c-koenig.htm

Zurück zur Leitseite des neuen Predigtkorbes.

Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann