Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

TREU / NEU - welcher Sinnpol ist dran ?

Gedanken zum fünften Fastensonntag


*

Eine Spannung gleich entscheidender Sinn-Pole

Welcher jeweils "dran" sei, weiß keine irdische Instanz

Dramatisches Beispiel: Juden und Christen

Wie Jesus beide Prinzipien vereint

Die stets aktuelle Dauerspannung

*

Eine Spannung gleich entscheidender Sinn-Pole

TREU und NEU sind zwei Pole einer göttlich knisternden Spannung. Beide sind lebensnotwendig. Ohne neue Blüte keine Frucht, ohne treue Frucht kein neuer Blütenbaum. Ohne das haltende Prinzip TREU versänken wir im Strudel der wirbelnden Zeit, ohne das erregende Prinzip NEU müßten wir in der Langeweile des Längstgewohnten veröden. In den heutigen Lesungen legt Gottes Wort den Akzent auf den Sinnpol NEU: "Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, sollt ihr nicht achten. Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?" (Jes 43,18) - "Was mir damals ein Gewinn war, das habe ich um Christi Willen als Verlust erkannt ... Nicht daß ich es schon erreicht hätte oder daß ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin. Brüder, ich bilde mir nicht ein, daß ich es schon ergriffen hätte. Eines aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist." (Phil 3,7-13)

Von Gottes NEU weiß auch schon das sog. Alte Testament. Umgekehrt jubelt auch das Neue: "Gott ist treu" (1 Kor 1,9) und lobt solche Menschen, die mit dem ihnen Anvertrauten treu umgehen (Mt 25,21), sich als treue Diener (Kol 1,7) und Zeugen (Offb 2,13) Christi bewähren.

Welcher jeweils "dran" sei, weiß keine irdische Instanz

In jeder Epoche der Glaubensgeschichte des Gottesvolkes gelten an sich beide Sinnpole. Welcher nach Gottes Willen für bestimmte Menschen und Gruppen jeweils ihr Verhalten prägen soll, das können sie im Konfliktfall in keinem Regelwerk nachschlagen, das sagt ihnen allein das Wort Gottes selbst, so wie ES sich ihrem Gewissen im geschriebenen und von der Gemeinde im Heiligen Geist verstandenen Offenbarungswort zeigt. So kompliziert das klingt - simpler geht es nicht.

Beim 2. Vatikanischen Konzil geschah es, daß einige Bischöfe sich beklagten: Wir kennen unsere Kirche nicht mehr. Kein Problem, frotzelte jemand, setzen Sie sich einfach dort drüben hin, da sind schon Altkatholiken. "Neuerer" ist unter Theologen kein Ehrentitel; wer von traditionell Gesinnten so genannt wird, will normalerweise gar nichts Neues, vielmehr vor spätere Fehlentwicklungen zu Älterem, Besserem zurück: die im 16. Jahrhundert bei Katholiken Neuerer hießen, waren in den eigenen Augen Re-formatoren, wollten die Kirche zurückformen in ihre verlorene wahre Gestalt.

Dramatisches Beispiel: Juden und Christen

Jahrhunderte lang war es den Christen - so gut wie allen Christen! - völlig klar, daß die jüdische Religion zwar bis zur Zeit Jesu gültig gewesen, seit damals aber veraltet war; der christliche Neue Bund, so meinte man, habe den Alten abgelöst, entwertet. Heute ist man sich einig, daß solcher christliche Antijudaismus, dem die jüdische Religion als von Gott selbst verworfen galt, mit für den Antisemitismus verantwortlich war. Erst nach dem Völkermord der Nazis ist die Christenheit erschrocken aufgewacht, jetzt achtet sie Gottes Bund mit dem Volk der Juden als "ungekündigt", so formulierte es der verstorbene Papst.

Allerdings hat der Blitz dieser Erkenntnis keineswegs schon alle Höhlen unserer Vorurteile ausgeleuchtet, Aufklärung braucht Zeit. Z.B. sollten wir die heutige Paulus-Lesung reifer, toleranter deuten als bisher. Jene Pflanze der jüdischen Gesetzesfrömmigkeit, auf die der Apostel so stolz gewesen war und die ihm dann doch - nach unserem Glauben: von Gott selbst - aus dem Herzen gerissen wurde, so daß sie verwelkte und er sie - für sich mit Recht - "als Unrat" ansah, die gleiche Pflanze hat neben dem Christentum munter weitergeblüht und als lebendiges Judentum gute Früchte getragen, obwohl man sie immer wieder so furchtbar mißhandelt hat. Mehr noch: Der scheinbare Unrat war auch für die Kirche nicht nutzlos, aus ihm wurde Kompost, der sich innerhalb der christlichen Pflanze in mancherlei neue Formen der guten alten Frömmigkeit umgebildet hat.

Für Paulus und die junge Christenheit hatte das göttliche NEU damals das ebenso göttliche TREU überwogen - für den klugen jüdischen Gelehrten GamaliŽl und die Seinen war es, ist es bis heute umgekehrt. Jener hochberühmte Ratschlag, den er seinen Kollegen gab, hat eine von uns meist unbemerkte Kehrseite. Sie erinnern sich: Die Apostel traten nach Pfingsten mit ihrer Jesus-Botschaft freimütig auf, sehr zum Verdruß der religiösen Obrigkeiten. Die "wußten nicht ein noch aus und planten, sie hinzumorden" (Apg 5,33). Da riet GamaliŽl: "Laßt von diesen Männern ab, und gebt sie frei; denn wenn dieses Vorhaben oder dieses Werk von Menschen stammt, wird es zerstört werden; stammt es aber von Gott, so könnt ihr sie nicht vernichten; sonst werdet ihr noch als Kämpfer gegen Gott dastehen."

Im selben Geist sollten wir Christen Ehrfurcht vor den Juden und ihrem Glauben haben. Da der sich zwei Jahrtausende gehalten hat, obwohl das Volk zerstreut in der Fremde leben mußte, bleibt nur der Schluß, daß er weiterhin von Gott bleibt. Der Juden hartnäckige Treue zum Alten Bund muß uns deshalb für ebenso absolut wahr gelten wie unsere Begeisterung über den Neuen - der allerdings, weltlich betrachtet, mittlerweile auch schon seit langem so neu nicht mehr ist sondern Mühe hat, die rechte Beziehung zu noch neueren religiösen Ansprüchen zu finden. Den Juden gegenüber NEU, den Muslimen ins Angesicht unserem Alten TREU: dies ist die christliche Weise dieser Polarität. Allen ist sie aufgegeben, andere leben ihre Weisen, zum Richter über fremde ist niemand bestellt.

Wie Jesus beide Prinzipien vereint

Im heutigen Evangelium verbindet Jesus vollmächtig beide Prinzipien. Die lieblosen Verfechter des Alten wollen, treu dem Gesetz, die Ehebrecherin steinigen und stellen Jesus eine Falle: Entweder stimmt er ihnen zu, dann ist sein Image barmherziger Großzügigkeit zerstört, oder er widerspricht, dann stellt er sich gegen das Gesetz und sollte am besten gleich mitgesteinigt werden. Zunächst würdigt Jesus sie keiner Antwort. Schließlich richtet er sich auf und beendet die Steinzeit, indem er jenen Steinzeitmenschen anbietet, ihr "Herz aus Stein" gegen ein "Herz aus Fleisch" umzutauschen (Ez 11,19): "Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie." In diesem Augenblick hat, wenn man so will, die Evolution selbst einen Evolutionssprung gemacht: Nicht mehr das gesellschaftlich Fitteste setzt sich durch sondern das Hilfloseste wird von ganz INNEN her machtvoll beschützt. Das ist - und bleibt - wahrhaft NEU. Zugleich hält Jesus am Prinzip TREU fest: "Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!"

Die stets aktuelle Dauerspannung

Die Spannung TREU/NEU durchwirkt jede(n) Einzelne(n) und jede Gemeinschaft allezeit. Selig, wer dank der Berufung zu gottgeweihter Ehelosigkeit NEU wird; anders selig, wer deren ersten Honig nicht mehr kostet und doch seiner Berufung TREU bleibt; wieder anders selig, wem eines Tages das weggegebene Partner-Wir NEU geschenkt wird, es TREU zu pflegen.

Weil der liebende Schöpfer uns ewig voraus ist, deshalb wird auch das Baby schon TREU geborgen und muß sich vor nichts Kommendem fürchten. Auch nicht wenn es 16 Jahre älter ist und, wie einmal eine Elisabeth in Scheinfeld, jedes Baby beneidet, weil es 16 Jahre jünger ist als sie. Weil wir in der erlösenden Gnade unser zeitliches Ende ewig überleben, deshalb wird auch die Greisin noch jeden Morgen NEU und braucht nichts Vergangenem nachzutrauern. ALLES kommt erst.

An welchem Punkt der schöntönenden Saite zwischen TREU und NEU setzt Christus der wahre Orpheus heute in deiner Seele seinen Bogen an?


Zum Weiterdenken:

Blüte / Frucht: Symbol der Jahreszeiten.

Berufung zu gottgeweihter Ehelosigkeit: Dazu hat Gregorio FernŠndez aus Valladolid Seligpreisungen formuliert:

"Selig, die Heim und Familie um Jesu willen verlassen haben, denn sie werden sich ohne Schwierigkeit bewegen können, da ihr Haus mit ihnen geht!
Selig, die weder Söhne noch Töchter haben um Ihm zu folgen; denn sie werden die ihren Kleinen gewidmete Zeit vergessen, damit ihre Zeit allen gehört!
Selig die Ehelosen, denn ihr Verzicht auf Partnerliebe läßt ihnen alle Stunden zum Dienst am Volk Gottes!
Selig sind sie, wenn sie so sind und so ihre Berufung ist, obwohl sie dafür Verständnislosigkeit und Gerede erleiden, denn sie werden das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit aufbauen!
Wehe aber denen, die Häuser sammeln, wo sie sich von den Leuten unbemerkt ābetreuen' lassen; besser wäre es für sie, ans Licht zu kommen und in Frieden zu leben und leben zu lassen!
Wehe denen, die ihre Zeit damit verbringen, sich herauszumachen und die Rangleiter von Hierarchien und Würden emporzusteigen; sie werden merken, daß es ihnen nichts gebracht hat, wenn sie im Examen nur nach der Liebe gefragt werden!
Wehe jenen, die sich keusch nennen und auf jede Art von Liebe verzichten, und Haß und Groll nisten in ihren Herzen; ihre Erfüllung der Normen und Gesetze ist dürr!
Wehe jenen, die ihre ehelose Berufung als höheren Stand zu leben vermeinen; der Tag wird kommen, da sie nackt sein werden und ihre Institutionen Leere und Staub!"

[Quelle: Die linkskatholische spanische Internet-Zeitschrift eclesalia vom 18. März 2004 (Gratis-Abo: Anmelden bei: eclesalia@ciberiglesia.net)]

Vgl. Treu und Neu - oder: den Papst verstehen (Geist und Leben, Febr. 1980) und
Zwei berufene Frauen (Kirche In, Juni 2003).

Scheinfeld: Zeichnung von Peter Koenig 1971


Wer nicht aufs Netz angewiesen sein will, kann meine Internet-Präsenz auf einer CD-ROM bestellen, zusammen mit Buchtexten, die nicht online verfügbar sind (z.B. dem Dreifaltigkeitsbüchlein von 1968 [les- aber nicht durchsuchbar]). Die CD, samt Nachtrag Mai 2006 und September 2008, kostet 8,50 Euro + Porto. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/c-f5.htm

Zurück zur Leitseite des neuen Predigtkorbes.

Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann