Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

Welcher der drei-einen Sinn-Pole ist »dran«?

Gedanken zum vierten Fastensonntag


Der Anfang der ersten Lesung stellt gläubige Menschen vor eine schwere Frage. Unser Gott ist doch der gute Schöpfer aller Menschen auf dieser Erde. Wie kann er dann parteiisch sein, das Volk Israel beim Auszug aus Ägypten mit starker Hand beschützen, während er die ihm nachjagenden Ägypter allesamt elend ertrinken lässt? Und als die Juden nach vierzig Jahren Wüstenwanderung endlich das Land besiedeln, das ihnen gehören soll, da erinnert Gott sie wieder an das Elend, das ihre Väter erdulden mussten: "Heute habe ich die ägyptische Schande von euch abgewälzt."

Eine Feinheit der jüdischen Liturgie [berichtet von Israel Yaoz im Freiburger Ruchbrief 1/2010,15] verdeutlicht diese Glaubens-Spannung. Während des festlichsten Abendmahls rezitiert der Familienvater die zehn Plagen, die Ägypten befielen. Jedes Mitglied der Familie, auch das allerjüngste Kind, taucht dann den kleinen Finger in ein Glas Wein und träufelt einen Tropfen neben das Glas auf das weiße Tuch. Insgesamt zehn Mal wird so jeweils ein Tropfen Wein "vergossen", um auszudrücken, dass man niemals Freude am Leid eines anderen haben darf, auch dann nicht, wenn es dein schlimmster Feind ist. Eine Legende erzählt: Als Gott die Ägypter ertrinken ließ, begannen die Engel im Himmel ihm eine Hymne zu singen und ihm zu jubeln. Aber Gott rügte sie: "Meine Geschöpfe sterben und ihr wollt singen?"

Anscheinend stellt der Glaube uns vor dieses Rätsel: Wie kann Gott für alle Geschöpfe sein, obwohl jedes, will es überleben, zum einen auch gegen andere sein muss, zum andern nur mit anderen zusammen (auch gegen eigene Sonder-Interessen) Größeres erreichen kann?

Offenkundig geht diese Rechnung in Raum und Zeit nicht so auf, wie ein Mensch mit begrenztem Verstand es gern hätte, sei das a) ein Einzelner, der sich gegen Feinde durchsetzen will und gegen den Anspruch eines größeren Ganzen aufmuckt, seien es b) die für solch ein Ganzes Verantwortlichen, die dessen Elemente – auch gegen deren Widerstand – ins gemeinsame Programm einspannen, sei es c) ein Weiser, der derlei Konflikte mit der Auskunft, all das mache es nicht, ins Wesenlose auflöst.

Für den biblischen Glauben sind alle drei Ecken dieses SINN-Dreiecks unaufgebbar. Der Schöpfer liebt a) jede einzelne Schöpfung in jedem Augenblick, b) seine größeren heilsgeschichtlichen Projekte - etwa Orden, Konfessionen, Religionen -, die den Einsatz vieler Einzelner und Gruppen fordern, c) den Großen Frieden des Ganzen, der alle Standpunkte und Gesamtsichten auf unbegreifliche Weise übersteigt und vereint.

a) ist die ("linke") Ich-Schaltung, uns zum Vorbild erschienen in Jesu kampfbereitem Selbstbewusstsein wider die offiziellen Instanzen (»wehe euch, ihr Heuchler!« »den Alten ist gesagt worden, ich aber sage euch«). Heute wird sie gelebt von Emanzipierten, antiklerikalen Protestierern, extrem einseitig von kämpferischen Atheisten.

b) ist die ("rechte") Du-Schaltung, uns zum Vorbild erschienen in Jesu Hingabe an den Vater (»nicht wie ich will sondern wie du willst«), heute erwartet von Oberhirten sowie gelebt von braven Unterhirten und Schafen, Evangelikalen, Opus Dei &c.

c) ist die (ökumenische) Eins-Schaltung, uns zum Vorbild erschienen, als Jesus »im Heiligen Geist jubelte« (Lk 10,21), heute gelebt von Ökumenikern und beim interreligiösen Gespräch Engagierten, extrem von Zen- und anderen Buddhisten, die nicht zu »Gott« beten wollen, doch in der Großen göttlichen Einheit leben und allen Mitmenschen klar machen möchten, dass auch sie in jedem Hier und Jetzt das immer schon tun.

Jede dieser Spiritualitäten kann göttlich wahr sein, wofern sie einem Menschen innerlich »dran« ist und der (mindestens »grundsätzlich«) auch die anderen gelten lässt; jede wird aber sofort zur häretischen (= irrig auswählenden) Ideologie, sobald sie sich selbst zur höchsten, gar einzigen Wahrheit aufplustert. Versucht dazu ist jede. Die Ich-Ideologie lässt gottlose (-du) Busse aggressiv (-eins) durchs Land fahren, die Du-Ideologie in ihrer rechtskatholischen Fassung kränkt sowohl (-ich) die Gewissensfreiheit der einzelnen als auch (-eins) unseren Frieden mit anderen Glaubensweisen. Die Eins-Ideologie endlich wertet (-ich) jedes Selbstbewusstsein als Ego-Verhaftung ab und tut (-du) so, als dürfte keine geschichtliche Glaubensgemeinschaft sich im Namen Gottes an Einzelne wenden; so widerspricht sie nicht nur den Missbräuchen sondern dem Glauben von Juden, Christen, Muslimen und Bahais. In hässlicher Erinnerung bleibt mir, wie ein bei Zen-Jüngern bekannter Autor vor meinem jüdischen Freund jeden Glauben an ein "auserwähltes Volk" verhöhnte. Total gegen ihren Sinn rechthaberisch an die zweideutige Oberfläche gezerrt, verkehrt sich die Wahrheit der Tiefe sofort in lieblose Lüge.

Man sieht: Mit bloßer Logik findet aus diesem Sinngestrüpp niemand heraus. Überlassen wir uns lieber dem in uns wirkenden drei-einigen Leben, dann ist der für den Ausdruck maßgebliche Sinnpol von der – jetzt verborgenen – Wirklichkeit der anderen doch nie getrennt.

Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


Wer nicht aufs Netz angewiesen sein will, kann meine Internet-Präsenz auf einer CD-ROM bestellen, zusammen mit Buchtexten, die nicht online verfügbar sind (z.B. dem Dreifaltigkeitsbüchlein von 1968 [les- aber nicht durchsuchbar]). Die CD, samt Nachtrag Mai 2006 und September 2008, kostet 8,50 Euro + Porto. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/c-f4.htm

Zurück zur Leitseite des neuen Predigtkorbes.

Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann