Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

ICH BIN DA

Gedanken zum dritten Fastensonntag


*

I. Gott der Lebenden

Tote loben nicht

Gestorben - aber nicht tot

Kein Widerspruch!

II. Gottes Name

1) Auch innen statt nur droben

2) Auch SIE statt nur ER

*

I. Gott der Lebenden

In der ersten Lesung hört Mose jenen Satz, aus dem Jesus später den Funken siegreicher Hoffnung schlagen wird (Ex 3,6): "Er schaute hin: Da brannte der Dornbusch und verbrannte doch nicht. Mose sagte: Ich will dorthin gehen und mir die außergewöhnliche Erscheinung ansehen. Warum verbrennt denn der Dornbusch nicht? Als der Herr sah, daß Mose näher kam um sich das anzusehen, rief Gott ihm aus dem Dornbusch zu: Mose, Mose! Er antwortete, Hier bin ich. Der Herr sagte: Komm nicht näher heran! Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden. Dann fuhr er fort: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Da verhüllte Mose sein Gesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen."

Bevor Jesus die Auferstehung selbst erlebte, hat er sie im Streitgespräch ausdrücklich gelehrt. Es gab zu jener Zeit zwei theologische Richtungen bei den Juden; die Pharisäer waren für die Auferstehung der Toten, die Sadduzäer dagegen. Konnten die sich auf die Bibel berufen? Ja. Auch einem Christen kann es mulmig zumute werden, wenn er diesen Worten begegnet. Immerhin gehören sie zum Wort Gottes, gelten uns als unfehlbar wahr. (Wir werden sehen, wie sie das auch sind - trotz der Gültigkeit unserer Auferstehungshoffnung.)

Tote loben nicht

Im Psalm 88 klagt der Beter: "Ich bin zu den Toten hinweggerafft, wie Erschlagene, die im Grabe ruhen; an sie denkst du nicht mehr, denn sie sind deiner Hand entzogen."

Das Buch Kohelet (auch Prediger genannt) stammt wahrscheinlich aus dem Jerusalem des dritten Jahrhunderts vor Christus. Dort begegnen wir einer tief pessimistischen Stimme: "Jeder Mensch unterliegt dem Geschick, und auch die Tiere unterliegen dem Geschick. Sie haben ein und dasselbe Geschick. Wie diese sterben, so sterben jene. Beide haben ein und denselben Atem. Einen Vorteil des Menschen gegenüber dem Tier gibt es da nicht. Beide sind Windhauch.Beide gehen an ein und denselben Ort. Beide sind aus Staub entstanden, beide kehren zum Staub zurück" (3,19 f).

Tatsächlich war der jüdische Glaube an Gottes Treue viele Jahrhunderte lang ohne die Hoffnung auf persönliche Auferstehung ausgekommen. Wichtig war das Volk, sein Leben in Gottes Licht. Psalm 115 schließt:

"Tote können den Herrn nicht mehr loben,
keiner, der ins Schweigen hinabfuhr.
Wir aber preisen den Herrn
von nun an bis in Ewigkeit. Halleluja!"

Da versteht man schon, daß die Sadduzäer nicht an die Auferstehung glaubten. Lesen Sie (Mk 12,18 ff), welch absurden Fall sie konstruierten, um Jesus zu ärgern. Er widerlegt sie und kommt dann zur Sache: "Daß aber die Toten auferstehen, habt ihr das nicht im Buch des Mose gelesen, in der Geschichte vom Dornbusch, in der Gott zu Mose spricht: Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs? Gott ist doch nicht ein Gott von Toten sondern von Lebenden!"

Gestorben - aber nicht tot

Jesus legt den Finger auf den entscheidenden Punkt: Gott stellte sich dem Mose als der Gott Abrahams vor, zu einer Zeit, da Abraham schon ein halbes Jahrtausend lang gestorben war. Abraham ist der Mensch, zu dem Gott eine besondere Beziehung aufgenommen hat, von Person zu Person. Wäre Abraham damals tot gewesen, so wäre diese Beziehung hinfällig geworden, der Herr hätte sich als den Gott eines Toten vorgestellt. Das kann nicht sein. Wer von Gott angesprochen wird, erhält Teil am Leben Gottes, auch wenn wir uns das Wie nicht vorstellen können.

Daraus schloß Jesus auf die Auferstehung der Toten. Innerhalb des Glaubens ist dies ein unfehlbarer Beweis. Ein Freund Gottes kann nicht sterben. Von der Bühne dieses Lebens tritt er ab, um das Fest im Publikum weiter zu feiern - tot sein aber kann niemand, zu dem der Schöpfer einmal gesagt hat: ICH bin dein Gott. Wohlgemerkt: daß Gott dies zu Abraham sagt, glaubten auch die zweifelnden Sadduzäer; in unseren Tagen glauben das auch viele, die das Christentum auf die Bergpredigt festlegen und Ostern nicht für bedeutsam halten. Gälte Gottes Bund mit einem Menschen aber nur während dessen Lebenszeit, dann hätte Gott sich dem Mose tatsächlich als Gott eines Toten offenbart - das erklärt Jesus für undenkbar und unser Glaube stimmt ihm zu. Vielleicht hörst auch du vor den Fotos deiner Toten irgendwann eine Stimme: Fürchte dich nicht. ICH BIN was ICH war, der Gott deiner Mutter, deines freundlichen Lehrers, deshalb sind sie nicht tot sondern warten auf dich und fangen dich auf, wenn auch du einmal von der Bühne in unseren Festsaal springst.

Kein Widerspruch!

Ich finde es grandios, wie Jesus hier den Schritt von der Volkshoffnung zur Einzelhoffnung so vollzieht, daß er doch dem früher offenbarten Wort nicht widerspricht. Es bleibt dabei: Tote können den Herrn nicht mehr loben, z.B. jene 20jährige Irene die es nie geben wird weil sie mit 19 totgefahren wurde. Sie ist vernichtet. Möglichkeiten sterben immerfort, sind dann auch tot und bleiben tot. Das ist traurig genug. Doch selig die Trauernden: Die Tochter, die ihre Eltern so lieben, die sie bis zum Unglückstag gewesen ist, sie bleibt, für sich und DANN auch für sie, so lebendig wie sie jemals war. Ein wirkliches Kind Gottes kann zwar sterben aber nicht tot sein. Wie hätte der Gott des Lebens sich sonst dem Mose als Gott Abrahams vorgestellt - der doch schon vor Jahrhunderten gestorben war!

II. Gottes Name

1) Auch innen statt nur droben

"Da sagte Mose zu Gott: Gut, ich werde also zu den Israeliten kommen und ihnen sagen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt. Da werden sie mich fragen: Wie heißt er? Was soll ich ihnen darauf sagen? Da antwortete Gott dem Mose: Ich bin der "Ich-bin-da". Und er fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der "Ich-bin-da" hat mich zu euch gesandt."

Beim Verständnis des göttlichen Namens läßt sich eine ähnliche Akzentverschiebung wahrnehmen. Damals sprach Gott zum Volk als ganzem: ICH will für euch da sein. Das ist heute nicht weniger wahr, auch die Kirche besteht nicht aus abgesonderten Individualisten sondern ist ein einziger lebendiger Leib, der sich in Ehrfurcht vor Gott neigt. Nicht aber als vor einem Äußeren, Fremden, vielmehr glauben wir an Gott als das dem Kirchenleib innere LEBEN, und nicht nur dem Leib als ganzem sondern gleichfalls einem jeden einzelnen seiner Glieder. "In dir sollst du MICH suchen", vernahm Teresa Seine Stimme. Wer das verstünde, könnte auf den Protestschrei mancher sog. Gottloser zurückfragen: Warum wehrst du dich so? Warum glaubst du nicht lieber, daß dein wahres ICH in dir nicht weniger sondern unendlich intensiver lebt als in deiner heiseren Kehle du? Stell dir vor, du hättest dich damals in die letzte Bank gequetscht, als mein Freund, der Arbeiterpriester Hannjürg Neundorfer, mit seinen Kommunionkindern die heutige Lesung durchnahm. Wärst du so schlau gewesen wie die kleine Eva? Dann hättest du keinen Grund mehr, dich für gottlos zu halten. Hannjürg berichtet:

"Im Religionsunterricht erzählte ich achtjährigen Schülern als eine Geschichte die Erfahrung des Mose auf dem Berg Horeb. In der nächsten Woche fragte ich sie wieder danach, und sie erzählten. Ich fragte sie: 'Wie ist also der Name Gottes?' . Die Antwort kam sofort, von allen: 'Ich bin da, ich bin da, ich bin da.' Ich sagte: 'Nein, das ist nicht der Name Gottes, so nicht. Wie ist der Heilige Name wirklich?' Die Kinder zeigten mir ihre Hefte: 'Du hast es doch so erzählt, wir haben es aufgeschrieben: éIch bin da'. Es gab einen kleinen Tumult und die Kinder verloren langsam das Interesse. Auf einmal stand eines von den Mädchen auf, lachte mir ins Gesicht, breitete die Hände aus und sagte: 'ICH bin da'. Die Jungen protestierten und riefen: Das haben wir doch alle gesagt. Und sie sagte noch einmal: 'Nein. ICH bin da.' Ein paar der Kinder haben es dann auch verstanden. Aber die Kleine wusste es: SIE IST DA."

2) Auch SIE statt nur ER

Eines Abends fragte ich die jüdische Theologin Ruth Lapide, ob es in Israel auch feministische Theologinnen gebe; immerhin werde Gott in der Bibel doch eher männlich dargestellt. Frau Lapide protestierte: Man müsse nur korrekt übersetzen; z.B. heiße der Name Gottes nicht: "ICH BIN DER ICH BIN", vielmehr: "ICH BIN WER ICH BIN", sei also übergeschlechtlich. Ein Geist hat kein Geschlecht, darum mag es Frauen und Männern gut tun, beim persönlichen Nachsinnen den NAMEN auch in der Form ICH BIN DIE ICH BIN sich zu vergegenwärtigen. Erst so kommt auf, wie einseitig-fixierend die gebräuchliche Weise tat-sächlich ist (gedankenloses Weitermachen wird Tat). Auch Wortbilder sind Bilder, gehören durch relativierende Gegen-Bilder immer neu gereinigt.


Zum Weiterdenken:

Hannjürg berichtet diese Szene in seinem Online-Buch.


Wer nicht aufs Netz angewiesen sein will, kann meine Internet-Präsenz auf einer CD-ROM bestellen, zusammen mit Buchtexten, die nicht online verfügbar sind (z.B. dem Dreifaltigkeitsbüchlein von 1968 [les- aber nicht durchsuchbar]). Die CD, samt Nachtrag Mai 2006 und September 2008, kostet 8,50 Euro + Porto. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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