Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

Spannungspol statt Heilsmittel

Gedanken zum ersten Fastensonntag


»Was sagt die Schrift? Das Wort ist dir nahe, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen. Gemeint ist das Wort des Glaubens, das wir verkündigen« (Röm 10,8). Dieses Gotteswort aus dem fünften Buch Moses verdient, dass wir es im dortigen Zusammenhang vernehmen: »Dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. Es ist nicht im Himmel, so daß du sagen müßtest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, so daß du sagen müßtest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können? Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten« (Dtn 30,11-14).

Über tausend Jahre später kommt aus dem Koran (50,16) ein Echo dieser Botschaft: Gott ist dem Menschen "näher als seine Halsschlagader". Etwa in der Mitte zwischen beiden Offenbarungen war Gottes Wort seinen Freunden als Mensch unmittelbar nahe, hat mit ihnen getrauert und gebetet, gegessen und gelacht.

O jene Glücklichen, die ihn so spürbar bei sich hatten! möchten wir rufen – und hätten unseren Glauben missverstanden. Paulus weiß es besser. Er zitiert das Bibelwort »Das Wort ist dir nahe, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen« und fährt fort: »Gemeint ist das Wort des Glaubens, das wir verkündigen.« Unmittelbar in unserem Herzen lebt das Mensch gewordene Wort Gottes. Trauen wir uns, das zu glauben? Auch Katholiken – die angeblich erst durch allerlei amtliche, hierarchische Zwischeninstanzen zu Christus finden? Hoffentlich! Denn eben als spannender Gemütszustand wird der katholische Glaube gelebt, nicht bloß geplappert. Darum widerspreche ich jenem Schriftsteller [B. Spinnen], der schon länger versucht, »spannend« zum Unwort erklären zu lassen. Der Glaube ist im Wortsinn spannend, spannt unsere Herzen, so dass sie wie Gitarre-Saiten klar tönen.

Genau bedacht, kommt man nicht durch die Kirche zu Christus (sonst würden allzu viele ihr Heil verfehlen), sondern die reale Kirche ist der eine Pol deiner katholischen Lebensspannung, der andere ist die unmittelbare Gegenwart des Mensch gewordenen Gottes in dir selbst. »Irgendwie hat Christus sich mit jedem Menschen vereinigt«, lehrt [GS 22] das jüngste Konzil. Wozu braucht es da die Kirche? Sehr einfach: Als Mensch will Gott – wie jeder Mensch – dass sein geschichtliches Projekt gelingt. Schaut, was ich gemalt habe! strahlt das Kind. Ohne solche Sehnsucht wäre Jesus kein echter Mensch, seit Pfingsten erfüllt sie sich in jedem Jahrhundert überraschend neu. Wenn wir nicht widerstreben, auch an und durch uns. Deshalb waren kritische Menschen wie Karl Rahner und Ida Friederike Görres so gern katholisch. Sie schrieb 1952: »Alles Geschichtliche, das seiner Schwerkraft folgt, verfällt der eigenen Starre, Übertreibung und Auflösung. Wir sind jenen Weg zu seinem bitteren Ende gegangen, in die chaotische Auseinanderreißung von Himmel und Erde hinein. Und nun scheint es, dass die Bahn sich wenden will ... Schon zeichnet sich an unserem geistigen Horizont der Umriß einer neuen Frömmigkeit ab, einer aus Erlösung, aus Gnade geborenen Versöhnung von Gott und seiner Schöpfung innerhalb der gläubigen Seele.« [Nachwort zu: Werner Bergengruen, Das Geheimnis verbleibt, 150] Zehn Jahre darauf begann das revolutionäre Konzil. Trotz gegenrevolutionärer Umtriebe auch an der Spitze, die an der Basis viele der Besten um des Jesus-Projektes willen fast zur Verzweiflung an (und so andere zur Besinnung in) der Kirche bringen, bleibt das Gottesbewusstsein jedem, der ihm traut, von innen her herz-spannend nahe.

Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/c-f1.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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