Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung
Lesejahr C

Geboren von welcher Frau?

Neuer Anfang am Fest der Gottesmutter


Bei "Zweitausendeins" blättere ich in einem Buch über Misogynie (Frauenhass). Maria, heißt es da, komme bei Johannes nur zweimal vor, bei Paulus nur einmal, und das ohne ihren Namen.

Nun ja. Die Perspektive solcher Autoren kann ich nicht widerlegen, will sie aber auch nicht teilen. Warum draußen vor der Kathedrale stehen und die graue Rosette anstarren? Lieber sehe ich sie drinnen bunt funkeln. Für diesen Blick ist sie gemacht.

So auch Sie, die wir heute als MUTTER GOTTES feiern dürfen. Sie ist der "Anfang Seiner Wege" (Spr 8,22) auf Erden, wie jedem Kind die Mutter. Unter ihren Segen stellt die Kirche den Anfang auch dieses Jahres 2008. Dass ihr ewiger Sohn dagegen nichts hat, konnte Johannes Paul II. als junger Mann nach manchem Zweifel einsehen - es sollte jedem klar sein, der das Glück hat, seine Mutter zu lieben, in der auch er seine Wege begann.

Mariens nie wankender Glaube ist in Wahrheit die personhafte Kathedrale, deren Rosette uns den Sonnenglanz leuchten lässt, deren Festigkeit uns wie ein Schutzmantel birgt. Ähnlich wie Mozart nie einen einzelnen Ton schafft sondern bei aller Konzentration auf ihn doch jeweils eine ganze Sinfonie, wie Michelangelo bei jedem Schlag auf den Meißel die fertige Statue seiner Pietà im Sinn hat, so schafft unser Gott nicht bloß vielerlei Kreaturen sondern arbeitet bei jeder an Ihr selber, der einen vollkommenen Schöpfung in Person, die IHM "in der Fülle der Zeit" seinen irdischen Leib in sich genährt, geboren und mit Jubel, Mühe und Schmerz bis ans Kreuz begleitet hat. IHM verdankt Sie sich und ALLES, Ihr verdankt ER sein echtes Dabeisein im Endlichen, in den Heilsraum Ihres Glaubens tritt ein, wer nach heillosem Sonderweg wieder einen neuen Anfang der Wege Gottes geschenkt bekommt und mittun darf. So verstehe ich in der heutigen zweiten Lesung die Worte "geboren von einer Frau".

Das muss man nicht glauben, um Christ, auch nicht, um Katholik zu sein, so wenig jemand die Funktion seiner Lunge verstehen muss, um atmend lebendig zu sein. Man darf sich solch ausdrückliches Verständnis aber in den Glaubenssinn schenken lassen und versteht dann viele Entwicklungen der Glaubensgeschichte in schönerem Zusammenhang. Wem Christus wohl ein Mensch aber gerade kein Geschöpf ist sondern "Emmanuel", Gott mit uns, wem zum andern eine bloße Vielheit von Geschöpfen allzu zerrissen vorkommt, unwürdig der Kunst des einen Schöpfers, in wem anders kann er "meine einzige Taube" des Hohen Liedes finden (6,9) als in Ihr, deren Eigenname "Begnadete" ist (Lk 1,28; Engel sind höflich), die Jesu freudvolles Auftaktwunder veranlasste (Joh 2,5) und deren mütterlicher Sorge er - in Johannes (19,26) - uns zuletzt anvertraut hat, ehe er sie (das feiern wir am 15. August) und in ihr uns (Eph 2,6; "She in us and we in Her are") zu sich in den Himmel geholt hat, von wo aus sie vielen Menschen tröstlich und anspornend erschienen ist, wie Bernadette und andere es bezeugt und Dichter bejubelt haben, auch Novalis in seinem geisttrunkenen Osterlied [bei der Aufnahme im November 1969 (mit der Melodie von "Auprès de ma Blonde") haben Renata Hofmann und ich die dritte und vierte (Marien-)Strophe leider ausgelassen]:

"Nach dir, Maria, heben
Schon tausend Herzen sich.
In diesem Schattenleben
Verlangten sie nur dich.
Sie hoffen zu genesen
Mit ahndungsvoller Lust -
Drückst du sie, heilges Wesen,
An deine treue Brust.

So manche, die sich glühend
In bittrer Qual verzehrt
Und dieser Welt entfliehend
Nach dir sich hingekehrt;
Die hülfreich uns erschienen
In mancher Noth und Pein -
Wir kommen nun zu ihnen
Um ewig da zu seyn."

Und weiter dasselbe zu singen wie auch jetzt schon viele Chöre des Erdkreises in allen Sprachen: EHRE SEI DEM VATER UND DEM KIND UND DER HEILIGEN ATMUNG WIE IM ANFANG SO JETZT UND ALLE ZEIT UND IN EWIGKEIT. AMEN


Wer das Thema vertiefen und einem erstaunlichen Christen begegnen möchte, lese das Büchlein von Giuseppe Trentin: IM ANFANG. Das "Mariengeheimnis" in den Handschriften von Wilhelm Klein (Echter-Verlag Würzburg 2006). Kurzfassung

Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


Wer nicht aufs Netz angewiesen sein will, kann meine Internet-Präsenz auf einer CD-ROM bestellen, zusammen mit Buchtexten, die nicht online verfügbar sind (z.B. dem Dreifaltigkeitsbüchlein von 1968 [les- aber nicht durchsuchbar]). Die CD, samt Nachtrag Mai 2006 und September 2008, kostet 8,50 Euro + Porto. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/c-anfang.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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