Jürgen Kuhlmann: Wie reich sind die armen Seelen!

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C

Wie reich sind die armen Seelen!

Gedanken an Allerseelen


"Dann werden wir immer beim Herrn sein. Tröstet also einander mit diesen Worten!" (1 Thess 4,17)

"Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen", so beginnt ein wichtiger Konzilstext. Die scharfe Spannung golden/schwarz prägt besonders den Allerseelentag. Traurig bin ich, weil so viele liebe Menschen mir fehlen, Angst habe ich um sie: habt ihr den Sprung in Neues Leben geschafft? Zu ihnen gehören, mit den verstorbenen Eltern und Freunden, auch die entschwundenen Etappen meiner selbst. Was ist aus dem kopfballstarken Zehnjährigen geworden?

Heilsam ausbalanciert und vor Verzweiflung bewahrt wird meine Trauer durch die innerlichste Freude darüber, dass Jesus sterbend nicht nur seinen sondern unser aller Tod ausgelöscht hat.

Und die schreckliche Angst vor dem strengen Richtergott und ewiger Qual? Sie hat das christliche Bewusstsein nicht nur in früheren Jahrhunderten verdüstert. Meine herzensgute Tante Paula hat mit fast hundert Jahren noch vor Gott gezittert, denn "ich zweifel halt allweil". Und nach dem Rosenkranz wird in der Pfarrei "für die armen Seelen im Fegfeuer" gebetet. Wie lässt unsere Verbundenheit mit den Toten sich auch solchen nahe bringen, die bei dermaßen verstaubter Rede zu angewidertem Protest neigen?

Christlichen Widerwillen gegen angstverfinsterte Allerseelen-Stimmung drückt ein katholischer Spanier aus: "Nein, ich kann mir keinen Gott vorstellen, der mich kritisiert, zensiert oder anklagt. Gott liebt und ruft nur. Mein Bewusstsein (meine Vernunft, die nachdenken und mich selber anschauen kann) wird es sein, die mich Schuft, Narr und Egoist nennt, wenn ich den Weg verlasse, auf den die Liebe mich ruft, wo ich zum eigenen Glück gelange." [Jairo del Agua, Madrid]

Gewiss, antworte ich ihm. Weil Schöpfer, d.h. innerster Quell meiner Vernunft aber eben Gott selbst ist, deshalb bejahst DU mein Selbstgericht. Wenn ich es blind-stur verweigere, offenbart dennoch DEIN Licht aus meiner eigenen Tiefe meine Ego-Finsternis. Sollte jemand sich endgültig vom inneren Licht abwenden und in sein eigenes Nichts verkrallen, wäre er allerdings in der Hölle. Denn so wenig ein verkrebstes Organ gesund, so wenig kann ein liebloses Geschöpf glücklich sein. Nicht aber, weil ein äußerer Richterspruch es von der Seligkeit ausschlösse, sondern weil (hoffen wir, dies erweise sich zuletzt als unmöglich!) es selbst lieber allein unselig als mitliebend heil sein will.

"Entweder gibt es Gott nicht oder er ist reine Güte" [Shaftesbury]. Aufgeklärter Glaube entscheidet sich für die Güte und entgeht beiden Ungleichgewichten: der Selbstentfremdung der Gottvergifteten wie dem Ich-Schwindel der an "Aufkläricht" [Ernst Bloch] erstickenden Gottlosen. Lebendiger Glaube flieht - "gegen die Idee der Flucht können nur Gefängniswächter etwas haben" [C.S. Lewis] - aus den Irrfesseln bloßer Logik (entweder sei ich frei oder Gott allmächtig) ans Herz der unendlichen Liebe und bestürmt SIE, doch alle Sterbenden und Toten zu sich selbst - im Doppelsinn - zu befreien, zu ihrem einzig wirklichen SELBST, das von keinem Wesen getrennt ist sondern alle beseelt.

"Zu Gottes Bild" sind wir geschaffen (Gen 4,26), schauen wir es an, dann sehen wir auch: Dass nicht mein eingeschlafener Fuß frei ist sondern der selbstbewusst wache, als der ich jetzt den festen Boden spüre [Lied 1, Strophe 2], eben in diesem Erlebnis nimmt der Glaube ein gültiges Bild unserer Zugehörigkeit zum göttlichen Leben wahr. Ewige Güte, lass nicht zu, dass eins deiner eigenen Glieder endgültig an wucherndem Krebs oder feigem Aussatz verderbe. Nein, sei Heil in uns allen!


Kommt etwas nachher ?
Text und Ton der Radio-Sendung im Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, Katholische Welt) vom 2. November 2008


Andere Predigten:

  • In Gott sind unsere Toten bei uns
  • Notwendige Heilsspannung von Angst und Hoffnung
  • Nicht weg sind die Toten, nein: näher als je
  • Himmel und Hölle, am Computer geahnt
  • Tote und Lebende hält Gott

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