Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C 2009/2010

Keine Opfer mehr?

Gedanken zum vierten Adventssonntag


»So hebt Christus das erste auf, um das zweite in Kraft zu setzen« (Hebr 10,9).

Das wird den Christen heute aus dem Brief an die Hebräer vorgelesen. Was kommt denen dabei in den Sinn, heutigen wie früheren, seit bald zweitausend Jahren? Die vielen Zuhörer, deren ehrliche Antwort »gar nichts« wäre, seien nicht unser Thema, Gott kennt und liebt sie, das genügt. Andere mögen gedacht haben: Ein Glück, dass wir keine Juden sind sondern Christen. Bei wieder anderen trat ihr Selbstgefühl aggressiver auf: Was bilden diese Juden sich ein? Ihr Religionssystem ist längst abgeschafft, wieso klammern sie sich stur an etwas, was nicht mehr gilt?

Manch anderer fühlte – hoffentlich – nicht so. Später fragte er einen jüdischen Freund: Sag mal, wie seht ihr das? In unserer Heiligen Schrift steht, euer Gesetz sei aufgehoben. Wenn ich eure Glaubensstärke sehe, muss ich sie aber bewundern. So lang schon haltet ihr durch, obwohl die Mehrheit euch grausam schikaniert. Woher kommt euch die innere Kraft? Ich glaube: Die muss von Gott stammen. Wie kann der Autor des Briefes an die Hebräer – der ja selbst ein Jude war – dann so etwas schreiben?

Nehmen wir an, der Freund nimmt den Christen zu seinem Rabbi mit und legt ihm die Frage vor. Der greift zum Matthäus-Evangelium und zeigt seinem Besucher einen Satz: »Denkt nicht, ich sei gekommen, das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen« (5,17). Dann sagt der Rabbi: Lies den Hebräerbrief genau: Jenes "Erste", was Christus da aufhebt, ist nicht die Tora, unser heiliges Gesetz. Gemeint sind die Tieropfer. Die sind zwar vom Gesetz vorgeschrieben, doch seit der Tempel zerstört ist, können wir diese Vorschrift nicht erfüllen und ersetzen darum die Tieropfer durch Gebete, manche tragen sogar die Namen von Tieropfern.

Wichtiger für unsere Freundschaft ist das Wort Jesu im Evangelium. Selbst nach eurem Glauben hat der Messias die Tora also nicht aufgehoben sondern ist gekommen, sie zu erfüllen. Einigen wir uns doch so: Diese Erfüllung braucht Zeit. Ihr meint, mit Jesu Auftreten habe sie schon begonnen, wir schauen die Welt an, sehen wenig Erlöstheit und warten weiter auf den Messias. Wegen verschiedener Zeit-Akzente muss man einander aber doch nicht verachten, gar umbringen!

Was das Opfern betrifft: Frag deinen Pfarrer, ob er seine Brevier-Pflicht nicht oft genug als schmerzliches Opfer empfindet. Und wenn du selbst in allen möglichen Beziehungen deinen Eigenwillen immer wieder niederzwingst, zugunsten einer Freundschaft, Liebe oder einfach weil die Gerechtigkeit es fordert – tut das nicht manches Mal blutig weh?

*

Der jüdische Denker Martin Buber soll gegenüber Christen einmal augenzwinkernd vorgeschlagen haben: "Wir warten alle auf den Messias. Sie glauben, er ist bereits gekommen, ist wieder gegangen und wird einst wiederkommen. Ich glaube, dass er bisher noch nicht gekommen ist, aber dass er irgendwann kommen wird. Deshalb mache ich Ihnen einen Vorschlag: Lassen Sie uns gemeinsam warten. Wenn er dann kommen wird, fragen wir ihn einfach: Warst du schon einmal hier? Und dann hoffe ich, ganz nahe bei ihm zu stehen, um ihm ins Ohr zu flüstern: ,Antworte nicht‘.“

SCHABBAT SCHALOM !

Hier findet sich ein ausführlicher Vorschlag, wie Christen ihre Beziehungen zu anderen Glaubensweisen friedlich als Mitwirkung im gewaltigen Liebesdrama der Menschheit mit ihrem Gott (wenn nicht verstehen so doch) ahnen können.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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