Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr C 2009/2010

Einander und alle lieben – wie?

Gedanken zum ersten Adventssonntag


"Der Herr lasse euch wachsen und reich werden in der Liebe zueinander und zu allen, wie auch wir euch lieben, damit euer Herz gefestigt wird und ihr ohne Tadel seid, geheiligt vor Gott, unserem Vater, wenn Jesus, unser Herr, mit allen seinen Heiligen kommt" (1 Thess 3,12 f).

Der erste Brief des Paulus an seine Freunde in Saloniki ist die älteste Schrift des Neuen Testaments. Sie eröffnet das Kirchenjahr mit zwei typisch christlichen Gedanken. Zunächst scheinen sie wenig aufregend; erst beim Vergleich mit anderen Botschaften merken wir, welch unverwechselbar besonderen Klang das Christentum ins Weltkonzert bringt, und können locker darauf verzichten, unsere als "die einzige Wahrheit" zu preisen. Im Gegenteil macht mir gerade der Cello-Ton dort noch klarer, was wir alle an meiner Trompete haben.

Paulus wünscht uns Wachstum "in der Liebe zueinander und zu allen"; sodann stimmt er uns ein auf das Schlüsselereignis aller Geschichte, "wenn Jesus, unser Herr, mit allen seinen Heiligen kommt". Stellen wir diese uns anspringende Wahrheit erstens eigener Ratlosigkeit und weltlicher Lüge gegenüber, zweitens einer anderen Wahrheit, mit der zusammen das bisherige Christentum noch "wahrer" ist als allein.

I

"Liebe zueinander und zu allen" - wie kann das gehen, gar in einer Zeit unbeschränkter Information? Wer jeden Spendenaufruf befolgt, könnte bald Krach mit den eigenen Leuten bekommen. Eins verstehe ich nicht, soll Frau Tolstoi sich bitter beklagt haben: Niemanden schließt du aus von deiner großherzigen Liebe – warum ausgerechnet mich, deine eigene Frau?

Wer sich "Euer Elend kotzt mich an" hinten auf den Porsche klebt, widerspricht dem Motto des Paulus; wer kaum verdientes Geld von fremden Konten aufs eigene umleitet, was Unbekannten dann entsetzlich fehlt, widerhandelt ihm; wer schon wieder einen frommen Bettelbrief wegwirft und lieber seiner Tochter eine Weihnachtsfreude macht, tut sich mit ihm schwer. Wie schafft ein Christ es, im Sinn des Paulus an Liebe zu wachsen?

Ich glaube: Die zerreißende Spannung zwischen einander und allen wird ertragbar, sobald wir an die noch kräftigere Einheit glauben, welche die uns unmittelbar Lieben mit allen noch so Fremden zur selben umfassenden PERSON geheimnisvoll verbindet, die schon am Kommen ist: "Jesus unserem Herrn mit allen seinen Heiligen". Weil du IHM tust, was immer du einem seiner geringsten Geschwister tust, deshalb katapultiert lebendiger Glaube dich aus der abstrakten Zwickmühle einander / alle ? in deine wirkliche Beziehung zu Ihm, der hier wie dort wartet, dich aber gewiss nicht zerreißen will.

II

Wie ist seine Beziehung zu dir aber zu denken? (Mit "dir" ist nicht diese(r) Leser(in) gemeint, als bestimmte Person mir ja unbekannt, vielmehr jedes Menschenherz.) Da gibt es in der Christenheit heute zwei gegensätzliche Weisen: die traditionell ichbewusste und die von Indien inspirierte ichlose. Diese sprach sich z.B. in der anrührenden Totenrede aus, die im Mai 2009 Willigis Jäger für seinen wie meinen Freund, den Priester und Zen-Lehrer Peter Lengsfeld hielt: "Das Sterben des Ich ist die Voraussetzung für die Erfahrung des göttlichen Urgrundes. Mit einem Ich könnt ihr nicht in die Erfahrung der Einheit eingehen. Das Ich bleibt euch für dieses Leben. Es macht Menschen aus euch. Aber ihr habt zu erkennen, dass es nur das Instrument ist, als das sich der göttliche Urgrund selber spielt, Das Leben ist ein großes Spiel. Es ist das Spiel dieses Urgrundes, den wir Gott nennen, in dem wir mitspielen dürfen. Zu diesem Spiel gehört das Lassen können. Wer festhält ist ein schlechter Mitspieler. Er hindert den Fortgang des 'Spieles Gott'. Und er hindert sich an seiner Entfaltung und Reifung."

Das ist schön gesagt und wahr. Auch christlich, aber nur sofern es sich nicht gegen den Gegenpol sträubt: "Liebe ersehnt Persönlichkeit; deshalb ersehnt Liebe Teilung. Instinktiv freut sich das Christentum, dass Gott das Universum in kleine Stücke gebrochen hat, weil es lebendige Stücke sind. Instinktiv sagt es lieber 'Kindlein liebt einander,' als einer großen Person zu sagen, sie solle sich selbst lieben ... Die östliche Gottheit gleicht einem Riesen, der Bein oder Hand verloren hat und immerzu danach sucht; die christliche Macht hingegen ist wie ein Riese, der sich in seltsamer Großzügigkeit die rechte Hand abschneidet, so dass sie von sich aus ihm die Hand geben kann" [Gilbert Chesterton, Orthodoxy, London 1909,243]. Als Triumph über den Osten missdeutet, wäre dies ideologische Oberflächlichkeit; als hochdramatische Belebung der Eins-Mystik will die christliche Seele auf die Freundschaft mit DIR aber keineswegs verzichten. Und DU, wie jeder Freund, magst wirklich mich ...

Steht dir jetzt der Verstand still? Das macht nichts. Wie soll der Gott begreifen? Hat die vatikanische Behörde Willigis zu Recht ausgegrenzt? Ich glaube nicht. Denn obwohl die Ich-Du-Differenz für mystisches Denken im absoluten EINS verschwinden muss, hat der Mystiker in seiner Rede doch unbefangen seinen toten, nein: jetzt ganz lebendigen Freund von Ich zu Du angesprochen: "In dieser Stunde möchte ich nicht über Peter sprechen, sondern ihn fragen: Peter, was hast du uns, den Zurückgebliebenen, zu sagen. Was ist deine Botschaft an uns?" Im Mund eines Grabredners der Humanistischen Union könnte so etwas (müsste freilich nicht!) ein rhetorischer Trick sein; wenn der weise alte Benediktiner so spricht, dürfen wir es für den echten Vollzug der anderen Glaubens-Facette halten, die zugunsten der Zen-Botschaft im Ausdruck der Worte zwar zurücktritt, deren lebendigen Sinn aber im drei-einigen christlichen Rahmen hält. Als Hinweis auf dessen Du-Dimension hat die römische Kritik an Willigis ebenso ihr Recht wie seine Kritik an der dortigen EINS-Verachtung.

Wie wollen wir wachsen und reich werden in der Liebe zueinander und zu allen, wenn wir nicht einmal die auf dem einen Erdball notwendigen Unterschiede in den sie ausdrückenden Worten friedlich ertragen?


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

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