Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung
Lesejahr C

Licht ins Dunkel

Neuer Anfang am Fest der Erscheinung des Herrn


»Siehe, Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völker.« An dieser Diagnose hat sich seit zweieinhalb Tausend Jahren nichts geändert außer der Art des Dunkels.

Wie wenige Menschen mögen damals auf der Erde gelebt haben! Dem Propheten Jesaja kam sie finster vor, uns scheint sie im Rückblick auf viele Weisen heller als derselbe Heimatstern heute. Luft und Meer waren sauber, in den Flüssen tummelten sich gesunde Fische, weder drohende Atomexplosionen noch Klimakatastrophen verdüsterten die Zukunft.

Aber seien wir ehrlich. Bei Zahnweh würde kein Heutiger mit dem assyrischen Großkönig tauschen wollen. Dass die Welt insofern jetzt heller ist, verdankt sich dem Ereignis, das wir heute feiern. Die Lesung geht so weiter: »Doch über dir geht leuchtend der Herr auf, seine Herrlichkeit erscheint über dir.« Warum hat unsere Dentaltechnik sich nicht in China oder Indien sondern im christlichen Europa entwickelt? Das ist kein Zufall. Wissenschaft und Technik wurden möglich, weil der Glaube das Weltliche entgöttert, in Dinge verwandelt und uns zur Verfügung gestellt hat. Schaut eine Frau einem Mann ins Auge, tut sie das als Ärztin anders denn als Geliebte, auch wenn sie beides ist. Wo der Schöpfungsglaube herrschend wurde, konnte die Menschheit sich auch sachlich-objektiv auf den Kosmos beziehen und ihn für sich passend einrichten.

Allerdings war sie von solcher Macht mit der Zeit dann derart gebannt, dass sie den guten Rahmen der Liebe mit dem bösen Rahmen ausbeuterischer Herrschaft vertauscht hat, bis sie weithin wie eine KZ-Ärztin ihre Objekte behandelt. Dass Jesaja mit seiner Diagnose »Dunkel der Völker« auch heute recht hat, liegt nicht an der Offenbarung, sondern an der Bosheit freier Geschöpfe.

Im Gegenteil hat die Erscheinung von Gottes Liebe in Jesus gegen solche Bosheit ein kräftiges Heilmittel gebracht, nämlich des Ewigen Richters berühmten Satz (Mt 25) »Was ihr dem Geringsten meiner Geschwister getan habt, habt ihr mir getan.« Dieses Evangelium ist eine Ursache des europäischen Sozialstaats. Von der Sklaverei der Antike zur Krankenversicherung für Arbeitslose führt ein langer Weg. Als eine Zwischenstation zeigt sich die mittelalterliche Burgherrin Anna. Warum ist sie zu ihrer Magd etwas weniger hart als tausend Jahre früher die römische Herrin Calpurnia zu ihrer Sklavin? Weil jenes Gerichts-Bild ihr in die Seele gebrannt ist. Schon als sie noch Ännchen war, hat der Burgpfaffe ihr die Geschichte vom Jüngsten Gericht erzählt, das ewige Feuer drastisch beschrieben. Später war sie beim Sterben der Mutter dabei, hat deren Höllenangst miterlebt und ihr Testament zugunsten alter Mägde dann treu ausgeführt. Als selbst strenge Herrin weiß sie, was Herrschaft ist, und nimmt die Drohung des Königs ernst. Wenn er im niedrigsten Bittsteller höchstpersönlich bedient sein will, bleibt ihr nur der gehorsame Dienst - Gefühl hin oder her. Wo die Liebe zur Heiligkeit nicht langt, rät kluger Glaube doch zum Wohltun nach Kräften. - Warten wir ab, wie kraftvoll das europäische Sozialrecht sich durchhält, wenn seine Glaubenswurzel mehr und mehr verdorrt. Oder wird sie, genährt von lebendiger Liebe, auch im scheinbar gottlosen Europa wieder nachwachsen? Immerhin ist nicht nur ein atheistischer Neu-Fundamentalismus typisch europäisch, die Hingabe unserer jungen Sternsinger - was mein dummes WORD für ein Unwort hält - ist es auch.

Eine andere Predigt für heute findet sich hier oder dort.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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