Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr A

Ganz nah ist die Erlösung

Gedanken zum dritten Advent

»Die Erlöseten des Herrn werden wiederkommen und gen Zion kommen mit Jauchzen, ewige Freude wird über ihrem Haupte sein.« Wer je das Deutsche Requiem von Brahms angehört oder mitgesungen hat, wird bei diesen Worten der heutigen ersten Lesung wieder von der damaligen Begeisterung ergriffen. Ja, »ewige Freude strahlt auf ihrem Gesicht.« Eine mitreißende Vorstellung: Die ungeheure Menge aller Erlösten aller Zeiten jubelnd unterwegs in ihr Land, wo sie daheim sind, wo ihre Feinde Bosheit und Schmerz, Angst und Tod für immer vernichtet sind und nur mehr Glück ihre Herzen erfüllt, die Freude
des Genesenden bei den ersten Schritten im Garten,
der eben noch unter Qualen Gebärenden, die jetzt selig ihr Kind herzt,
des Studenten bei der Examensparty,
der im froststarren Kiew auf der Straße Tanzenden.

Wie können wir die Freudenvision des alttestamentlichen Propheten so für unseren christlichen Glauben umdenken, daß sie sich nicht auf ein Ereignis bezieht, das irgendwann in ferner Zukunft anderen Leuten geschieht, - sondern wahrhaftig uns betrifft, und zwar jetzt? Nur so kann ein Menschenwort wirklich Gottes Wort an uns sein.

Das Schlüsselprinzip finde ich in einem unauffälligen Sätzlein des Apostels Paulus. »Ein Theater sind wir für die Welt geworden, für Engel und Menschen.« Was Paulus im ersten Brief an seine Freunde in Korinth (4,9) über sich und seine Apostelkollegen feststellt, das gilt im allerintensivsten Sinn für jede Frau und jeden Mann, die sich ungefragt auf der Weltbühne vorfinden. Es ist tatsächlich so, daß wir Stunde um Stunde, Jahrzehnt um Jahrzehnt Aktricen und Akteure auf der Weltbühne wirklich sind. Keineswegs die Weltbühne ist »nicht als« eine Metapher, ein mehr oder weniger hübsches Bild, sondern was gemeinhin Realität heißt, ist das Geschehen auf dieser Bühne, das Mit- und Widereinander gegensätzlicher Rollen.

Und um die Bühne her, da tost und kost das Fest der ewig Erlösten. Da sitzen, stehen, tanzen sie, in der Hand ein Glas goldnen Lebenswein, und nehmen Anteil an dem, was wir auf der Bühne treiben. Auf derselben Bühne, die einst auch ihre Welt war, wo sie wie wir gelitten und gehofft, gearbeitet, geweint und gelacht haben. Das war einmal, ist einerseits zwar vorbei, denn ihr Auftritt ist geschafft, sie stehen nicht mehr im Rampenlicht unter dem Druck, nicht versagen zu dürfen, ihre Rolle ordentlich darzustellen, auf die Gefahr hin, sonst nach dem Abtreten im Saal ob schwacher Leistung erröten zu müssen vor den Kollegen.

Anderseits ist aber nichts vorbei, in Gottes Reich gibt es kein wehmütiges »Dahin ...«. Sie sind vollendet. Was am Früheren gut war, bleibt echogleich für immer lebendig gewesen. Sooft sich im Festsaal zwei begegnen, die zusammen auf der Bühne waren, ist jene Szene für sie wieder da, nicht mehr im Nebel dieser Zeitlichkeit jedoch sondern im vollen Licht aller Zusammenhänge, von denen sie ehedem nichts wußten. Nicht als tote Vergangenheit, vielmehr als der keimhafte Auftakt eines nunmehr erfüllten, ganz zu sich gekommenen Sinnes. Der auch fortwirkt, wenn jemand aus dem Saal in die Kulissen tritt und einer noch auf der Bühne Agierenden heimlich einen Wink gibt, wohin sie das gemeinsame Stück jetzt weitertreiben könnte. Denn ein vor-geschriebenes Textbuch gibt es nicht, man improvisiert, in jedem Augenblick ist alles neu offen. Meine Rolle zu erspüren, muß ich auf vieles achten: Bedürfnisse meiner Mitspieler, Weisungen meines Gewissens, und eben auch solche Winke, deren Ursprung sich nicht zeigt, oft sind sie aber derart staunenswert deutlich, daß ich überaus dumm wäre, wollte ich sie mißachten.

Auf den Rang meiner Rolle kommt es nicht an. Fragt die Schauspielerin einen Kollegen: Wie geht’s? Hast du ein Engagement? - Ja, ich wirke mit. - In welchem Stück? - Schneewittchen und die sieben Zwerge. - O! Wen stellst du dar? - Den fünften Zwerg. - Und, wie legst du ihn an?

Ohne Gleichnisse kann niemand vom Himmelreich sprechen. Wir müssen uns vor dem Irrtum hüten, ein Gleichnis sei, gegenüber direktem Wissen, eine mindere Erkenntnisform. Hat jemand sein Herz in Heidelberg verloren? Wenn er das nicht bloß trällert, wenn es ihm tatsächlich passiert ist, dann ist es - obwohl seine Blutpumpe sich weiterhin unverloren regt - eine viel wirklichere Erfahrung, als hätte er nur beim TÜV sein Auto verloren.

Das Theatergleichnis bezeichnet Wirklicheres, als die Zeitung in den vermischten Nachrichten bringt. Wenn ich am Fluß entlang radle und mir wieder klar werde, daß diese ganze Landschaft Teil einer Bühne ist, um die her jetzt, in diesem Augenblick, das Ewige Fest wirbelt, wo meine verstorbenen Eltern und Freundinnen, Lehrer und Mitstudenten mir gegenwärtig sind und ich ihnen, dann bin ich gewiß: Diese Beziehung Bühne/Fest ist, obwohl ich sie nichtsehend glaube, unendlich viel wirklicher als jener Stein dort neben dem Weg.

Zwei wichtige Vorteile bringt das Theatergleichnis einem glaubenden Gemüt. Zum einen holt es Gericht wie Ewiges Leben aus ferner Zukunft und himmlischer Höhe ins Hier und Jetzt. Wer sich auf einer Bühne vor aller Augen weiß, lebt anders, als wenn er das nicht wüßte. Denkst du gerade übel von einem Mitmenschen? Sei klug, nimm es gleich zurück, dann findet er später auch deine Reue auf dem Videoband und tut sich mit dem Verzeihen leichter.

Der andere Vorteil sei hier nur noch kurz angedeutet. Das Theatergleichnis ermöglicht es, konfessionelle Treue (auf der einen Bühne) mit ökumenischer Offenheit (im Festsaal, und auf anderer Bühne auch schon jetzt) krampflos zu verbinden. Der alles umkrempelnde Sprung heraus aus fundamentalistischer Enge besteht im Ja zu der Einsicht, daß wir alle, welcher Glaube auch immer der unsere sei, eben ihn nach dem Willen des göttlichen Regisseurs treu auf der Weltbühne darstellen sollen. Auf Lebensfragen wie z.B. die, wer Jesus sei, paßt nicht das Muster schlichter Eindeutigkeit. Drama ist, wenn beide recht haben. Weil wir Menschen nicht wie eine Schulklasse über einer Matheklausur brüten, die nur eine richtige Antwort zuläßt, vielmehr wie Aida, Amonasro und Radames gegensätzliche Bühnen-Rollen verkörpern, deshalb ist es möglich, daß Juden, Christen und Muslime sich über die Frage »wer ist Jesus?« nicht nur auf der einen Bühne streiten sondern auch auf einer anderen miteinander austauschen wie Schauspieler, die vor ihrem Auftritt beim Rundgespräch mit Autor und Regisseur zusammensitzen und sich in die fremden Rollen hineindenken.

Vor der Liturgiereform des Konzils hieß der dritte Adventssonntag »Gaudete«, Freut-euch! Ausnahmsweise durfte die Orgel tönen. Ja, freut euch! Blinde sehen, gibt im Evangelium Jesus den fragenden Johannesboten Bescheid. Obwohl sie auf der Bühne blind zu sein haben, erblicken sie verstohlen doch schon im Saal das Blitzen der Festbeleuchtung auf Millionen gefüllter Gläser. Und Taube hören Himmelsmusik. Und uns Sterblichen, die bald gestorben sein werden, strahlt Ewige Freude auf dem Gesicht, weil wir nicht tot sondern nach dem Abgang von der Szene lebendiger da sind als je.

Wie sagte neulich der evangelische Prophet Jörg Zink im Interview mit der Wiener Zeitschrift Kirche In?
KI: Am 22. November sind Sie 82 Jahre alt geworden. Welches Verhältnis haben Sie zum Tod?
Zink: Es ist ein völlig entspanntes Verhältnis. Der Tod beschäftigt meine Frau und mich jeden Tag. Aber er regt uns nicht auf. Wir sprechen darüber, was wir tun, wenn der eine stirbt und der andere übrig bleibt, was dann geschehen muss und wie man weiterleben kann. Den Tod sehen wir als einen Durchgang in eine andere Phase des Lebens. Der Tod ist die Lebensmitte zwischen diesem und dem folgenden Leben. Eine Lebensmitte ist nichts zum Fürchten, sondern etwas zum Wahr- und Ernstnehmen, aber ohne große Spannung. Ein aufregendes Thema ist der Tod für mich im Grunde nicht.

Dezember 2004


Zum Weiterdenken:

Drama ist, wenn beide recht haben: Frei nach Botho Strauß

Juden, Christen und Muslime: Mehr zum ökumenischen Theatergleichnis

Wiener Zeitschrift Kirche In: Dezember 2004, S. 21. Ein empfehlenswertes Blatt, auch als Weihnachtsgeschenk für wache Christen. Bestellung. Jahresabo 29 Euro+Porto. 4 Monate Probelesen kostet nur 7 Euro.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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