Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb ab Dezember 2001

Blinde werden sehend
und Sehende blind

Gedanken zum vierten Fastensonntag


Das Evangelium von der Heilung des Blindgeborenen (Joh 9) stellt unser Glaubensverständnis hart auf die Probe. Denn zum einen bleibt es dieselbe wahre Botschaft, die es den Christen immer war: Jesus ist das Licht der Welt, dank der Begegnung mit ihm wird unsere innere Blindheit in gesunde Sehkraft verwandelt, so daß wir den Sinn, die Aufgabe, das Ziel unseres Lebens klar erblicken und ohne zu stolpern unseren Weg vor Gott gehen können, nicht anders als frühere Generationen.

Zum andern müssen wir die heutige frohe Botschaft in einem wichtigen Punkt aber anders lesen, als dies die Jahrhunderte hindurch geschah. Das wurde mir jetzt plötzlich klar, als ich nach langer Zeit wieder den Text jenes Liedes des französischen Dominikaners Cocagnac hervorsuchte, das vor bald vierzig Jahren von zahlreichen Kaplänen und Katechetinnen abgespielt oder gesungen wurde. Vielleicht erinnern Sie sich:

"Der Blindgebor'ne in der Morgensonne lag,
da kam der Herr des Wegs an jenem strahlend schönen Tag.
Er strich ihm feuchten Lehm auf seine Augen dann
und sagte fröhlich zu dem Mann:

Geh du nur geschwind an die Quelle,
wasch den Lehm von den Augen ab,
da siehst du auf einmal die helle
schöne Sonne, die Gott uns gab.

Geh du nur geschwind an die Quelle,
wasch die Tränen dir vom Gesicht,
so siehst du ins Antlitz, ins helle,
deines Herrn, der dir schenkte das Licht.

Der Blinde ging geschwind zum Teiche Siloah,
zu waschen sein Gesicht,
das nie das Licht der Sonne sah.
Und mit geheiltem Blick
kehrt' er alsbald zurück
und sah das Licht und sang voll Glück:

Jedoch die Pharisäer,
die blinder war'n als er,
zitierten ganz empört
den Blindgewesnen zu sich her.
Sie haben ihn gefragt
und haben ihn geplagt,
doch lächelnd hat er nur gesagt:

Er lachte frohgemut;
das brachte sie in Wut.
Sie sahen sein Gesicht
voll Gottes Licht und glaubten nicht.
Sie warfen ihn hinaus;
er machte sich nichts draus,
ließ lachend sie im Totenhaus.

Als Jesus aber kam
und ihn beiseite nahm,
da fragte er: "Glaubst du an den,
der solches hat getan?"
Der Mann rief außer sich:
"Die Stimme kenne ich,
nun endlich aber seh' ich dich!"

Die Verse geben den Inhalt des Evangeliums treu wieder. Trotzdem erschrecke ich über sie. Und über mich, weil ich vor Jahrzehnten, als ich sie gern sang, überhaupt nicht erschrak, zur selben Zeit, als die Berichte über Auschwitz und Treblinka mir am hellen Tag die Sonne verfinsterten. Der Zusammenhang war mir verborgen, wie fast allen in der Christenheit. Und doch war die kirchliche Judenfeindschaft eine Ursache jenes Antisemitismus, der sich in der Nazizeit so entsetzlich ausgetobt hat. Die "Pharisäer, die blinder war'n als er," die der Geheilte "lachend im Totenhaus" ließ, sie stehen ja für das ganze jüdische Volk, soweit es seit damals Jesus nicht als Messias anerkennt. "Sie sahen sein Gesicht voll Gottes Licht und glaubten nicht", heißt es - allerdings nur im deutschen Text, dieses Verdammungsurteil hat der Dichter selbst sich nicht getraut. Doch durfte der Übersetzer sich im Einklang mit der ganzen Kirche wissen, die an jedem Karfreitag feierlich "für die ungläubigen Juden" betete, erst Papst Johannes XXIII. strich diese Worte aus der Liturgie. Die heilige Judenchristin Edith Stein schrieb am 9. Juni 1939 in ihrem Testament: "Ich bitte den Herrn, daß er mein Leben und Sterben annehmen möchte ... zur Sühne für den Unglauben des jüdischen Volkes."

Warum dürfen wir heute nicht mehr so denken? Weil es nicht feststeht, daß die Ablehnung von Jesu Messianität die Juden zu Ungläubigen macht. Im Gegenteil sprach der jetzige Papst, der als junger Mann - Auschwitz ist nicht weit von Krakau - die Nazigreuel aus der Nähe mitgelitten hat, während seiner Deutschlandreise 1980 bei einer Begegnung mit dem Zentralrat der Juden und der deutschen Rabbinerkonferenz ausdrücklich vom "Gottesvolk des von Gott nie gekündigten Alten Bundes". Bei Juden haben wir es also nicht mit Ungläubigen sondern mit anders Gläubigen zu tun. An Christus, der hebräisch Messias heißt, glauben die Juden auch; der Gegensatz liegt allein in der Frage, ob Jesus der Christus sei.

Was folgt daraus für die Deutung des heutigen Evangeliums? Wir müssen es machen wie der Blindgeborne: uns an der Quelle die Augen waschen. Die Quelle heißt, wie wir hörten: der Gesandte. Jesus ist der von Gott Gesandte. In ihm selbst müssen wir die Augen des Verstandes waschen, über die seine Finger, d.h. die früheren Christen (die ja auch Glieder seines Leibes waren) jenen Lehm gestrichen haben, der noch uns die Augen verklebt. Jesus selbst war Jude, nicht Christ. Er hat um den Glauben seines Volkes gerungen, dabei sind im Eifer der Auseinandersetzung harte Worte gefallen. Natterngezücht, blinde Blindenführer, übertünchte Gräber hat Jesus seine jüdischen Gegner genannt. Nie aber das ganze Volk! Und selbst den Gegnern gegenüber war sein letzte Wort keine Verdammung sondern die Bitte des Sterbenden: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun."

Sie wissen nicht was sie tun. Das fasse ich so auf: Sie sind blind, was meinen Auftrag betrifft. "Zum Gericht bin ich in diese Welt gekommen, damit die Blinden sehend werden und die Sehenden blind" (Joh 9,39). Es ist nicht so, daß die religiösen Autoritäten der Juden mich verstehen und mißachten. Sie sind blind, verstehen mich nicht. Mein Auftrag hat sie gar nicht wirklich erreicht. Von Gott aus gesehen, bin ich zwar sein WORT, anscheinend aber nicht an diejenigen Juden, die mich ablehnen.

Sie und ihre Nachkommen sind tatsächlich nicht zum Neuen Bund berufen sondern bleiben Partner des Ersten Bundes, der also für sie nicht der Alte Bund wird sondern ihr neuester bleibt. Mir scheint, nur so läßt die päpstliche Aussage vom ungekündigten Bund sich sinnvollerweise verstehen.

Das bedeutet: Durch das Christus-Ereignis wird das Bundesvolk des Sinai-Bundes nicht von Gott verworfen sondern zum gleichberechtigten kritischen Gegenüber der Kirche als des Neuen Bundesvolkes. Beide Völker sollen miteinander um das Gute wetteifern bis zum Endgericht des Messias. Er selbst wird zuletzt beiden erklären, wie und warum Er für die einen kommt, für die anderen wiederkommt.

Diese Einsicht weiter zu klären, empfiehlt sich ein Blitzkurs in Systemtheorie. "Triff eine Unterscheidung," diesem Befehl hat unbewußt schon gehorcht, wer irgend etwas erkennt. Glaubende wissen, daß wir diese Ur-Tat nicht aus eigener Kraft tun, sondern indem wir uns in Gottes Schöpfertat einschwingen: "Und Gott sah das Licht, daß es gut war. Und Gott schied das Licht von der Finsternis." Und zwar - ohne diese ergänzende Einsicht gibt es auf der vielfach-einen Erde keinen Frieden - scheidet Gott das Licht von der Finsternis nicht für alle Menschen gleich sondern gegensätzlich. Hei, welch prächtiger Sommertag! sagt der eine. Huh, welch grausliche Winternacht! erwidert ihm die andere. Jemand muß unrecht haben, schließt ein dritter. Unrecht hat aber nur er. Denn man telefoniert zwischen Altötting und Neuseeland.

Der Systemtheoretiker Niklas Luhmann betont, daß jeder seinen blinden Fleck hat, so daß er das eine sieht, "aber nicht sieht, was er nicht sieht, und nicht sieht, daß er nicht sieht, was er nicht sieht." In diesem hochwichtigen Punkt hinkt der Vergleich mit Altötting und Neuseeland. Im physikalisch Finstern weiß ich sehr wohl, daß ich nicht sehe. Im Geistigen ist die Finsternis komplett. Die Pharisäer des Evangeliums wußten nicht und die meisten Juden von heute wissen nicht, daß sie in Bezug auf Jesu eigentliche Wahrheit blind waren und sind. Einer wußte es zwar auch nicht, rechnete aber mindestens damit: der berühmte Gamaliel, der Lehrer des Paulus (Apg 22,3). Er sah, daß er nicht sah, und wußte nur nicht, ob aus Blindheit oder weil es nichts zu sehen gab. Als den Aposteln nach Pfingsten von der religiösen Obrigkeit der Prozeß gemacht wurde, riet er deshalb seinen Kollegen: "Laßt von diesen Männern ab und gebt sie frei; denn wenn dieses Vorhaben oder dieses Werk von Menschen stammt, wird es zerstört werden; stammt es aber von Gott, so könnt ihr sie nicht vernichten, sonst werdet ihr noch als Kämpfer gegen Gott dastehen. - Sie stimmten ihm zu" (Apg 5, 38 f).

Leider hat der jungen Kirche ein christlicher Gamaliel gefehlt. So geblendet war sie vom Glanz ihrer neuen Wahrheit, daß sie den eigenen blinden Fleck total übersah. Da, wo die jüdische Wahrheit den Juden gültig geblieben war, sahen die Urchristen - nichts. Nicht daß sie bloß nicht gesehen hätten, nein: Sie sahen, da war nichts. Solches bewirkt der heimtückische Mechanismus des blinden Flecks. Das Gehirn füllt die Stelle, deren Anblick er hindert, automatisch der Umgebung entsprechend aus, so daß man eine leere Fläche erblickt, wo in Wirklichkeit - sähe man - etwas zu sehen wäre.

Jener christliche Gamaliel hätte ungefähr gesagt: Ihr Christen, verachtet nicht die Juden! Denn es kann sein, daß ihr Bund mit Gott gültig bleibt, obwohl sie seine Erfüllung in Christus nicht sehen. Wartet ab. Falls ihre Frömmigkeit jetzt von Gott verworfen ist, stirbt sie bald ab. Lebt sie hingegen kraftvoll weiter, so bleibt sie von Gott und ihr sollt sie achten. Sonst steht ihr als Kämpfer gegen Gott da!

Sollte eine solche Rede innerhalb der herrschenden Christenheit gehalten worden sein, so wurde sie von der Zensur unterdrückt. Was bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts offiziell gelehrt wurde, hat noch 1933 (!) der Theologe Erik Peterson so zusammengefaßt:

"Gottes Glorie wird von den Juden genommen um in der Ekklesia zu wohnen (244), "Abraham, Isaak, Jakob, sie gehören nicht mehr den Juden, sondern der Kirche" (245). Die Apostel nehmen Israels Erwählung mit zu den Heiden (258), die Synagoge führt ihre Kinder in die Unfreiheit, in der Ekklesia herrscht das pneumatische Gesetz der Liebe (258), "ungläubige Synagoge" - "göttliche Bitterkeit" (263), "der Eifer des fleischlichen Israel um Gott ist ohne Einsicht, damals wie heute" (266); "jeder katholische Christ ist einem noch so gescheiten Juden aus den Voraussetzungen seines Glaubens heraus überlegen" (278).

Solch selbstverständliches Scheinwissen, die Juden seien ungläubig und von Gott verabscheut, hatte für sie furchtbare Folgen. Die Einzelheiten sind allzu bekannt. Besonders beklemmend wirkt eine an sich harmlose, insgesamt sogar tröstliche Episode: "Eine polnische Bauernfamilie sah ein jüdisches Paar vor den Nazis fliehen, nahm sie auf und versteckte sie. Doch die alte Dame im Haus, die äußerst religiös war, bekam Angst, Juden zu schützen könnte eine Todsünde sein. Schließlich konnte sie nicht mehr anders und ging zum Ortspfarrer, es zu beichten. Der Rest der Familie wartete entsetzt - würde der Priester sie bei der Obrigkeit anzeigen oder ihr sagen, sie müsse das tun, oder was? Sie kam zurück und berichtete freudig, der Priester habe ihr versichert, daß Judenleben zu retten von der Kirche gebilligt wird."

Jeder Erkennende hat seinen blinden Fleck; "die Menschen lügen alle," sagt bestürzt schon der Psalmist (116,11). Also auch wir, während wir so über das Verhältnis Christen / Juden nachdenken. Wie können wir dieses blinden Flecks gewahr werden und erblicken, was er verbirgt? Sehr einfach: Indem wir die Optik wechseln und - je nachdem wer wir sind - als gläubige Juden oder Christen begreifen, daß die eben gewonnene ökumenische Einsicht zwar wichtig ist aber keine eigene Religion begründet. Sollte jemand existentiell allein von der Friedenswahrheit leben wollen, daß es anscheinend mehrere gültige Gottesbünde gibt, dann verfinge er sich in der Falle des vermanschenden Synkretismus und nähme zuletzt nichts mehr herzlich ernst. Im Hause des Vaters sind viele Wohnungen - der ideologische Supermarkt mit lauter frei zugänglichen Sinnregalen ist keine davon. Daß man einander besucht, bei interkonfessionellen und interreligiösen Treffen die eigenen Türen weit öffnet und fremde nicht scheut, das ist gut und gefordert. Wer aber nur bei offenen Türen leben, sozusagen im Treppenhaus wohnen wollte, würde sich geistlich erkälten. Oder (wie z.B. die Bahais) doch wieder Wände errichten und tatsächlich an eine neue Religion glauben, für die dann wieder des Gamaliel Grundsatz gilt: Wenn nicht von Gott, bald vorbei, aber unzerstörbar, falls doch von Gott.

Der blinde Fleck läßt sich so überlisten, daß man geistig abwechselt. Dem existentiellen Blick auf den eigenen offenbarten Sinn verschwindet jeder fremde, allein das Eigene gilt. Daß ein Hundezahn, zwischen Zwergpinscher und Bernhardiner, an sich die verschiedensten Größen aufweisen kann, lindert nicht Struppis Zahnweh, weil ein Zahn einen Zehntelmillimeter übersteht. Nicht minder empfindlich reagiert ein religiös gebildetes Gewissen, egal wie der Nachbar dieselbe Situation beurteilt.

Damit aber aus gelebter Gläubigkeit nicht Fundamentalismus werde, heißt es von Zeit zu Zeit den eigenen Glauben - nicht leugnen aber - ausklammern und sich klarmachen: "Gott ist größer als unser Herz, und ER weiß alles" (1 Joh 3,20), kennt auch den anderen Glauben meines Nächsten. Christlich läßt solche Abwechslung sich als eine Art trinitarischer Schaukel auffassen. Man schwingt vom Pol des bestimmten, verbindlichen göttlichen WORTes hinüber zum Gegenpol des all-umfassenden Heiligen GEISTes der unbegrenzten Liebe, und zurück. Das Wort allein wäre nicht göttlich bestärkend sondern festzurrend-eng, der Geist allein nicht göttlich belebend sondern auflösend-schal. Ineinander im Herzen und nacheinander in der Zeit bewirken Wort und Geist zusammen diese oder jene Lebensform des allein wahren kat-holischen Glaubens.

Zurück zum Kernsatz unseres Evangeliums. Jesus ist "in diese Welt gekommen, damit die Blinden sehend und die Sehenden blind werden." Das dürfen wir nicht länger so mißverstehen, als seien nur wir Christen die Sehenden geworden und nur die Juden blind. Sondern alle wahrhaft glaubenden Menschen, welcher religiöser oder unreligiöser Farbe, sind in diesen Dauervorgang des Offenbarungsereignisses eingespannt, ihr Leben lang. Sobald jemand seine besondere Lebenswahrheit sieht und daraufhin aus blindem Fundamentalismus meint, alle anderen sollten die ihre ebenso sehen, muß er bereitwillig blind werden, um die Gegenwahrheit zu erblicken, daß Gott zu jedem Menschen und jeder Gemeinschaft mit anderem Antlitz kommt. Sobald er daraufhin aber aus blindem Relativismus meint, auf seine besondere Tradition komme es letztlich nicht an, muß er sich wie unser Blindgeborener heilen lassen und hellen Auges die ihm bestimmte Offenbarung ergreifen.

Lange treu geübt, führt solche Abwechslung mehr und mehr zum beidäugigen Blick, der beide blinden Flecke überwindet. Ein solcher Mensch ist dialogfähig. Tief im Eigenen verwurzelt, ist er als Sprechender dialogwürdig; voll dem andern zugewandt, ist er als Hörender dialogbereit.

Zuletzt sagte Jesus zu den Pharisäern: "Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde." "Wir sehen", das hieß damals: Wir sehen, daß es mit dir nichts ist. Darum blieb ihre Sünde. Nicht besser stand es einige hundert Jahre später um die Christen, die zu den Juden sagten: Wir sehen, daß es mit euch nichts mehr ist. Diese Sünde hatte schauerliche Folgen. Wer zu sehen meint, daß es mit einem andern nichts ist, hat manchmal recht, manchmal nicht. Er hat recht gegen die Nazis, gegen den christlichen Brauch der Hexen- und Ketzerverbrennung, die muslimischen Bräuche der weiblichen Beschneidung und des Selbstmordattentats, den jüdischen Brauch der Wohnhausplanierung, den Hindubrauch der Witwenverbrennung usw. Er hat nicht recht gegen das Judentum und Christentum, den Islam und Hinduismus usw. Wer sich gegen fremde Verbrechen blind stellt, sündigt; wer sich gegen fremde Wahrheit blind macht, ebenfalls.

Mit dem Wörtlein "wenn" läßt sich alles beweisen, also nichts. Trotzdem dürfen wir uns einmal einen anderen Verlauf der Weltgeschichte erträumen - wenn nur um es hinfort besser zu machen. Angenommen, jener christliche Gamaliel hätte gelebt und sich durchgesetzt. Die Christenheit hätte das Judentum nicht verachtet, gehaßt und verfolgt, sondern es hätten sowohl die Judenchristen als blühender Zweig der Kirche an ihren alten Gebräuchen festgehalten als auch die nichtchristlichen Juden in friedlichem Austausch und Wettstreit mit den Christen zusammengelebt. Möglicherweise wären der Welt dann die Kreuzzüge und der 11. September erspart geblieben, Mohammed wäre als hochverehrter Ordensgründer ein christlicher Heiliger geworden ähnlich wie Franziskus, der ja auch (meint Chesterton), wenn er außerhalb der Christenheit gelebt hätte, als Stifter nicht eines Ordens sondern einer Religion verehrt würde. Bei einem Fachmann lesen wir: "Somit ergibt sich als Paradox wahrhaft weltgeschichtlichen Ausmaßes die Tatsache, daß das Judenchristentum zwar in der christlichen Kirche untergegangen ist, aber im Islam sich konserviert hat und in einigen seiner treibenden Impulse bis in unsere Tage hineinreicht."

Genug des Traums. Es ist anders gekommen. Zwischen den drei Religionen dräuen Mauern voller Kanonen und Stacheldraht. Vergessen wir aber nie: egal was wir drinnen oder draußen sehen, treibt mitten in unserem Gesichtsfeld ein blinder Fleck sein Unwesen. Nur wenn auf allen Seiten die Blinden sich zu sehen mühen und die Sehenden sich immer wieder als blind anerkennen, kann jener Religionsfriede entstehen, ohne den es keinen Weltfrieden gibt. Erkundigen Sie sich: Wo ist die nächste Gruppe von WCRP? - Es ist keine in der Nähe? Warum sie nicht gründen?


Zum Weiterdenken:

Jesus selbst war Jude, nicht Christ: Derjenige, von dem Christen behaupten, daß er der Grund, der Eckstein ihrer Religion ist, ist Jesus oder "Jeschua", wie er wirklich genannt wurde - das heißt "JHWH ist Heil". Es ist interessant, anzumerken, daß Jesus selbst nicht Christ war. Er war in der Tat ein Jude. Er ging nicht am Sonntagmorgen in die Messe oder in irgendeinen Gottesdienst. Er ging am Sabbat in den Gottesdienst. Er ging nicht in die Kirche. Er ging in die Synagoge. Er sprach nicht Griechisch, Latein, Englisch oder sogar Deutsch. Er sprach Hebräisch und Aramäisch, zwei semitische Sprachen. Er hatte eine jüdische Mutter. Vermutlich sah er wie andere Juden der Gegend aus, mit dunklen Haaren und Haut, vielleicht mit einer sogenannten römischen Nase, nicht zu groß in seiner Gestalt. Niemand redete ihn mit "Pater", "Herr Pfarrer" oder "Herr Doktor" an. Er wurde mit "Rabbi" angesprochen. Er las nicht das Neue Testament, und keineswegs dachte er, es sei das inspirierte Wort Gottes. Statt dessen las er die Hebräische Bibel und dachte, sie sei die Heilige Schrift. Er betete nie den Rosenkranz, sang weder Litaneien noch "Ein feste Burg ist unser Gott". Statt dessen betete er die Psalmen; er starb sogar mit einem auf seinen Lippen: "Eli, eli, lama sabachtani? Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" Er feierte weder Weihnachten noch Ostern. Er feierte Pessach und Schawuot; nicht das Abendmahl, sondern einen Seder. Um es zu wiederholen: Jesus war nicht wie viele von uns, wie ich, ein Christ. Er war ein Jude. Er war Rabbi Jeschua. [L. Swidler, Der Jude Jesus, in: B. Rübenach (Hrsg.), Begegnungen mit dem Judentum, Stuttgart-Berlin 1981, S. 201]

Das Luhmann-Zitat und die folgende Skizze findet sich in dem (leider vergriffenen) Buch von Günter Schulte: "Der blinde Fleck in Luhmanns Systemtheorie" (Frankfurt/M - New York 1993), S. 11.

Der blinde Fleck
Beim Fixieren des Kreuzes mit dem linken (rechten) Auge aus geeignetem Abstand, während das andere Auge verdeckt bleibt, verschwindet das linke (rechte) Dreieck.
Probieren Sie es aus! Die Wirkung ist verblüffend.

Erik Peterson (1890-1960): Evangelischer Professor und Kollege von Karl Barth, trat er nach langem Gewissenskampf 1930 zur katholischen Kirche über, heiratete mit 43 eine junge Italienerin und lebte fortan in Rom - mit fünf Kindern, in bedrückender Armut, beruflich erfolglos. Fast vergessen, fand er dank der Biographie von Barbara Nichtweiß (1992, 967 Seiten) ins christliche Gespräch zurück, seine nie gedruckten Manuskripte gibt sie, von vielen Helfern unterstützt, derzeit heraus. 1933 vertrat er im Essay "Die Kirche aus Juden und Heiden" (wiederveröffentlicht in: Theologische Traktate, München 1951) diese harte Form der Substitutions-Theorie.

Die polnische Bauernfamilie: Clifford Longley kommentiert: "Wieso hatten sie aber je etwas anderes gedacht? Es zeigt sich hier eine ganze Welt unausgesprochener Annahmen und Vorurteile, worin der polnische Volkskatholizismus damals verstrickt war. Diese mutigen und herzensguten Leute taten das Rechte - indem sie eben ihr grundchristliches Mitleid gelten ließen - dachten jedoch, der Priester werde sie dafür verurteilen. Auch er tat das Rechte. Doch die Familie glaubte, der landläufige Antisemitismus sei offizielle Kirchenlehre, und das war er offensichtlich nicht. Der traditionelle katholische Antisemitismus - oder genauer: Antijudaismus - ist offenbar komplizierter als es scheint. Der fundamentale Faktor ist wohl nicht die Lehre, aber das Schweigen der Kirche." [Holocaust memories matter, The Tablet (London) 22 January 2000, 70]

Allein das Eigene gilt: Wofern das römische Dokument "Dominus Iesus" streng als römisch-katholisches Selbstgespräch genommen wird, dürfen seine hart-exklusiven Feststellungen sogar (für die Katholiken) als richtig gelten. Ist es aber taktvoll, mitten in der Öffentlichkeit ein lautes Selbstgespräch zu führen?

Gott kommt mit anderem Antlitz.

Judenchristentum im Islam konserviert: Das Zitat von Hans-Joachim Schoeps steht im Islam-Büchlein von Hans Küng und Josef van Ess (TB Gütersloh 1987). Küng schreibt (S. 180-183): Es war ein Verhängnis sondergleichen, daß die werdende Kirche, vor allem nach der völligen Zerstörung Jerusalems unter Kaiser Hadrian im Jahre 132 und der Flucht aller Judenchristen nach Osten, fast völlig von ihrem jüdischen Mutterboden losgelöst wurde: Die Kirche aus Juden, die zu einer Kirche aus Juden und Heiden geworden war, wurde jetzt zu einer Kirche aus (hellenistischen) Heiden. Die wenigen Judenchristen, die die Entwicklung der hellenistischen Kirche und ihrer immer mehr überhöhten Christologie nicht mitmachten, wurden als Häretiker abgestempelt, wie etwa die Ebioniten, die nach dem Kirchengeschichtler Eusebios die Jungfrauengeburt Jesu annahmen, aber seine ewige Präexistenz ablehnten. Ganz wie - der Koran!

Es geht in unserer Fragestellung nicht darum, wieder einmal mehr den Islam aus Judentum oder Christentum "abzuleiten", sondern ihn, den man seit den Tagen des Johannes Damascenus als "christliche Häresie" abqualifizierte, in einer gerade die Christen herausfordernden Weise neu ernst zu nehmen: Der Islam erinnert die Christen an ihre eigene Vergangenheit! ... Schwarzenau beruft sich auf eine hellsichtige Analyse des großen protestantischen Exegeten Adolf Schlatter, der schon 1926 in seiner "Geschichte der ersten Christenheit" die Zusammenhänge zwischen Heidenchristentum, Judenchristentum und Islam klar analysiert hatte: "Ausgestorben war die jüdische Kirche jedoch nur in Palästina westlich vom Jordan. Christengemeinden mit der jüdischen Sitte bestanden dagegen in den östlichen Gegenden weiter, in der Dekapolis, in der Batanäa, bei den Nabatäern, am Rand der syrischen Wüste und nach Arabien hinein, völlig von der übrigen Christenheit gelöst und ohne Gemeinschaft mit ihr ... Der Jude war für den Christen nur noch ein Feind, und die griechische Stimmung, die über das Morden der Generäle Trajans und Hadrians als über das wohlverdiente Schicksal der boshaften und verächtlichen Juden hinwegsah, ging auch in die Kirche hinüber. Auch ihre führenden Männer, die in Cäsarea lebten und lehrten, wie Origenes und Eusebius, blieben über das Ende Jerusalems und seiner Kirche erstaunlich, unwissend. Ebenso sind ihre Nachrichten über die fortbestehende jüdische Christenheit dürftig. Sie (sic!) waren, weil sie sich dem in der übrigen Christenheit geltenden Gesetz nicht unterwarfen, Häretiker und deshalb von ihr geschieden. Keiner von den Führern der Reichskirche ahnte, daß dieser von ihnen verachteten Christenheit noch einmal ein Tag kommen werde, an dem sie die Welt erschüttern und einen großen Teil des von ihnen aufgebauten Kirchentums zertrümmern werde; er kam damals, als Mohammed den von den jüdischen Christen bewahrten Besitz, ihr Gottesbewußtsein, ihre den Gerichtstag verkündende Eschatologie, ihre Sitte und ihre Legende, übernahm und als ‚der von Gott Gesandte' ein neues Apostolat aufrichtete" (S. 367 f.) ...

Hans-Joachim Schoeps kommt in seiner "Theologie und Geschichte des Judenchristentums" (Tübingen 1949), die Forschungen Harnacks und Schlatters aufgreifend und sie durch Arbeiten von C. Clemen, T. Andrae und H. H. Schaeder ergänzend, von seinem traditionsgeschichtlichen Ansatz her mit zahlreichen Argumenten zu folgendem Schluß: "Mag auch der exakte Nachweis des Zusammenhanges nicht durchzuführen sein, so ist die indirekte Abhängigkeit Muhammeds vom sektiererischen Judenchristentum doch über jeden Zweifel erhaben. Und somit ergibt sich als Paradox wahrhaft weltgeschichtlichen Ausmaßes die Tatsache, daß das Judenchristentum zwar in der christlichen Kirche untergegangen ist, aber im Islam sich konserviert hat und in einigen seiner treibenden Impulse bis in unsere Tage hineinreicht" (S. 342).

Merkwürdigerweise sind diese historischen Einsichten in der christlichen Theologie bisher kaum bekannt, geschweige denn ernst genommen worden.

WCRP


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an,

seine kat-holische Theorie-Baustelle

sowie seinen Internet-Auftritt Stereo-Denken
samt Geschichte dieses Begriffs und lustigem Stereo-Portrait

Schriftenverzeichnis

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