Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Sag IHM deinen Herzenswunsch!

Gedanken zum siebzehnten Sonntag im Jahreskreis


"Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet. Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet." Viel verspricht Jesus da, einem kritischen Verstand scheint: zu viel. Jedes Gebet wird erhört? Ach, unzählige Mütter haben Gott schon um das Leben ihres Kindes angefleht, und es ist doch gestorben. Mancher Soldat wurde von innigen Gebeten seiner Lieben an die Front begleitet und kehrte nie zurück. Nicht zu reden von den kleineren Enttäuschungen, wenn vor einem Examen eine Kerze entzündet wurde - vergeblich, wie sich herausstellte. Wirklich? Sollten die ermutigenden Aufrufe des Evangeliums tatsächlich im Stil heutiger Werbebotschaften abgefaßt sein: verheißungsvoll, aber doch um Himmels willen nicht ernst zu nehmen? Typisch orientalische Übertreibung? Warum wird die aber uns aufgeklärten Westlern vorgelesen, und das als "Frohbotschaft unseres Herrn Jesus Christus"? Werbebotschaften sind meist keine guten Nachrichten sondern Infomüll. Wie müssen wir dieses Evangelium verstehen, damit es wahr ist?

Die jüdisch-christliche Heilsgeschichte ist ein gewaltiges Drama, seine Akte erstrecken sich, mit dem Maß des äußeren Ablaufs gemessen, über Jahrtausende. Sofern sein Sinngehalt aber ein Menschenleben oder auch nur einen seiner Tage ausfüllt, drängt eine ungeheure seelische Entwicklung sich in kurze Zeit zusammen, mit der Folge, daß dasselbe früher im Drama etwas anderes bedeuten kann als zuletzt, wenn ein Gemüt durch manche Wandlung hindurch zu dem Ziel reifen konnte, für das es vom Schöpfer bestimmt ist. An Kleists Prinzen von Homburg zeigt Georg Baudler, wie dessen Verhältnis zum eigenen Tod sich wandelt. Im dritten Akt klagt er der Kurfürstin sein Entsetzen:

"Ach! Auf dem Wege, der mich zu dir führte,
Sah ich das Grab, beim Schein der Fackeln, öffnen,
Das morgen mein Gebein empfangen soll.
Sieh, diese Augen, Tante, die dich anschaun,
Will man mit Nacht umschatten, diesen Busen
Mit mörderischen Kugeln mir durchbohren.
Bestellt sind auf dem Markte schon die Fenster,
Die auf das öde Schauspiel niedergehn,
Und der die Zukunft, auf des Lebens Gipfel,
Heut, wie ein Feenreich, noch überschaut,
Liegt in zwei engen Brettern duftend morgen,
Und ein Gestein sagt dir von ihm: er war!"

Ganz anders fühlt der junge Mann kurz vor dem Ende des Dramas:

(Der Prinz von Homburg wird vom Rittmeister Stranz mit verbundenen Augen durch das untere Gartengitter aufgeführt. Offizier mit Wache. - In der Ferne hört man Trommeln des Totenmarsches.)
DER PRINZ VON HOMBURG.
"Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein!
Du strahlst mir, durch die Binde meiner Augen,
Mit Glanz der tausendfachen Sonne zu!
Es wachsen Flügel mir an beiden Schultern,
Durch stille Ätherräume schwingt mein Geist;
Und wie ein Schiff, vom Hauch des Winds entführt,
Die muntre Hafenstadt versinken sieht,
So geht mir dämmernd alles Leben unter:
Jetzt unterscheid ich Farben noch und Formen,
Und jetzt liegt Nebel alles unter mir."

Wollte jemand fragen, welche Seite dieses Widerspruchs denn nun wahr sei, so heißt die Antwort: beide. Ohne das durchlittene Grauen zuvor stünde der strahlende Schluß unter dem Verdacht kindischer Illusion; ohne das leuchtende Ende wäre das frühere Zittern mit bloß tierischer Angst verwechselbar, auch Ochsen trotten ungern zur Schlachtbank. Beide extremen Gefühlslagen machen miteinander die in sich gespannte menschliche Lebenswahrheit aus. Einfacher läßt sich, was der Tod ist, nicht sagen. Dabei kommt alles auf die Reihenfolge der Sinngestalten an. Würde sie umgedreht, ergäbe sich statt christlicher Hoffnung verzweifelter Nihilismus. Angenommen, ein junger Mann spielt im Schülertheater diese Rolle, begeistert sich an der hohen Stimmung des Endes, bloß literarisch jedoch, existentiell bleibt sie ihm fremd. Kurz darauf erfährt er, daß er bald an Krebs sterben muß: dann hat seine Lebenswahrheit in diesem Augenblick, der Sturz ins Entsetzen, nichts mit dem zu tun, was der Dichter mitteilen will: Wandlung animalischer Angst zu menschlich-gläubiger Gefaßtheit. Beide Dramenszenen hat Heinrich von Kleist geschrieben, beide sind seine Aussagen, Teilaussagen allerdings, und miteinander seine Gesamtaussage nur im Rahmen seines dramatischen Rhythmus.

Ähnlich wie hier beim Thema Tod, entscheidet beim Thema Gebet die Abfolge der biblischen Sinngestalten über ihre Gültigkeit als Wort Gottes. Wer sie mißachtet, dem zerfällt die Bibel zu einem unsinnigen Gewirr von Widersprüchen.

Ausgangszustand des Heilsdramas ist die Gotteserfahrung von Menschen, die sich einer rätselhaften Übermacht ausgesetzt erleben, deren Absichten sie nicht kennen und auf die sie keinen Einfluß haben. Man spürt Gottes Freundlichkeit im Segen der Natur, in menschlichem Frieden, man zittert vor Gott bei Unglücksfällen, wenn Elemente und Raubtiere Verderben bringen, auch wenn die Kräfte der Zerstörung von anderen Menschen gegen uns losgelassen werden.

Der absoluten Zweideutigkeit macht Gott ein Ende - dies ist der Glaube der monotheistischen Religionen - durch seine Selbstoffenbarung an Abraham: ICH bin für dich. Später erfährt Mose Gottes Namen: ICH werde für euch dasein. Jetzt kann der Mensch vertrauensvoll zu Gott beten. In einem ersten Sinntakt läuft die Gebetslogik so: DU bist für mich, also - mir zugute - bist DU gegen meine Feinde. Wie wärest DU sonst für mich? Als eine Lebenswahrheit ist dieses Grundgefühl heute so lebendig wie vor Jahrtausenden, als der Beter des 58. Psalms sich zum ersten Mal so an Gott wandte:

"Vom Mutterschoß an sind die Frevler treulos, von Geburt an irren sie vom Weg ab und lügen ...
O Gott, zerbrich ihnen die Zähne im Mund! Zerschlage, Herr, das Gebiß der Löwen!
Sie sollen vergehen wie verrinnendes Wasser, wie Gras, das verwelkt auf dem Weg,
wie die Schnecke, die sich auflöst in Schleim; wie eine Fehlgeburt sollen sie die Sonne nicht schauen.
Ehe eure Töpfe das Feuer des Dornstrauchs spüren, fege Gott die Feinde hinweg, ob frisch, ob verdorrt.
Wenn er die Vergeltung sieht, freut sich der Gerechte; er badet seine Füße im Blut des Frevlers.
Dann sagen die Menschen: ‚Der Gerechte erhält seinen Lohn; es gibt einen Gott, der auf Erden Gericht hält.'"

Wie sie die eigene Vorfreude auf ein Fußbad im Blut der Bösen vor Gott tragen: bei "christlichen" Ritterhorden kann man sich das schon vorstellen, im Mund zarter Novizinnen beim Chorgebet weniger. Zwischen dem Gebet zum gewalttätigen Rachegott und Jesu letztem Gebet, sein "Abba" - der ja der Abba jedes Menschen ist! - wolle den Henkern und deren Hintermännern ihre Schuld vergeben, zwischen beiden Gebetsweisen hat das Heilsdrama sich vollendet. Seine Gesamtaussage besteht in der Überwindung des Rachegebets durch das verzeihende.

Von dieser Auflösung des Widerspruchs hin zu einer klar gerichteten Reifung ist ein verbreitetes Mißverständnis fernzuhalten: als reiche im Grunde der erbauliche Schluß, ähnlich wie beim Anblick des lustig flatternden Schmetterlings keiner mehr an die garstige Raupe denkt. Leider hat die Christenheit ihr Verhältnis zu den Juden lange nach diesem Muster aufgefaßt; daß unsere falsche Theologie so zu einer Mitursache des schlimmsten aller Menschheitsverbrechen geworden ist, diese Blutschuld an unseren älteren Geschwistern bleibt unsere Schande für immer.

Dabei ist die Wahrheit so einfach. Nicht das Judentum ist unreif und das Christentum reif, sondern in allen Menschen wirkt die unreife, gewaltsame Fühlweise sich unheimlich aus, während es in beiden Glaubensgemeinschaften, bei Juden wie Christen (und auch in den übrigen) Einzelne gibt, die sich von der ausgereiften Sinnesart des Juden Jesus ergreifen lassen und mehr oder minder vollkommen so zu beten lernen, wie "die Bibel", d.h. die Gesamtaussage des ganzen Heilsdramas, uns lehrt. Obwohl die Juden unser Neues Testament nicht anerkennen, haben sie doch in ihrer Bibel - denken wir an die Gottesknechtlieder bei Jesaja und manche Psalmen - genügend wasserklare Aussagen über Gottes Ziel mit seiner Menschheit.

Umgekehrt: Obwohl für uns Christen Jesus dieses Ziel am deutlichsten offenbart, ist doch schon die Urchristenheit (wie bei Menschen aus Fleisch und Blut nicht anders zu erwarten) sogleich zurückgefallen hinter Jesu schrankenlose Güte, hat sogar ihrem Meister selbst die fürchterlichsten Drohungen in den Mund gelegt. "Weg von mir, ihr Verfluchten, ins ewige Feuer!" (Mt 25,41) - kann so gesprochen haben, wer sogar seinen Mördern vergab? Daß die Hölle möglich bleibt wegen der Freiheit eines bösen Herzens, das auch von Gott nicht zur Liebe gezwungen werden kann, so daß Er den weggehen lassen muß, der das unbedingt will: das ist ernst und erschreckend genug, dies bleibt der unaufgebbar wahre Kern des Höllendogmas. Mit Gewalt wegtreiben aber wird Jesu Gott niemanden, solche sehr frühe Verdüsterung ihrer Botschaft muß die heutige Kirche korrigieren, will sie bei der mündig gewordenen Menschheit Gehör verdienen. Außer bei besonders rückständigen Völkern ist die irdische Todesstrafe überall abgeschafft, da sollten wir nicht länger mit der ewigen drohen.

Kommen wir zur Ausgangsfrage zurück. In welchem Sinn wird jedes Gebet erhört? Jesu Verheißung gilt nicht in jeglichem Kontext sondern allein im vollgereiften Sinn des letzten Aktes. Weil Gott ganz und gar für uns ist, dürfen wir ihm restlos vertrauen. In meiner ersten "Predigt" vor Mitstudenten habe ich das ungefähr so ausgedrückt: Hast du einen tiefen Herzenswunsch, dann bete heiß um seine Erfüllung und sei gewiß, du wirst erhört. Entweder wird das Gewünschte dir zuteil - oder etwas Besseres. Daß du das erst später, mag sein erst DANN verstehst, wenn alle Vergänglichkeit vorbei und das Gewordene endgültig ist, macht nichts. Wichtig ist SEIN Versprechen. Wenn du nicht betest, kann alles Mögliche dir zustoßen. Wenn du betest, auch, aber du weißt dann, daß es noch besser ist als das, worum du gebetet hast.

Immunisierungsstrategie! schreien da die Zweifler spöttisch, von ihrem Standpunkt aus mit Recht. Doch ist dieser Standpunkt bloß ein Horizont mit dem Radius Null, während der Glaube sich in unendlichen Horizonten daheim weiß. Nicht um den Glauben zu erproben, beten wir, sondern weil wir als endliche, bedürftige Wesen unserem wunderbar mächtigen Papa schlicht sagen wollen, was wir uns wünschen. Wie ER drauf antwortet, bleibt seine Sache und ist auf jeden Fall für uns das Beste. "Die beste der möglichen Welten" zu schaffen, ist Gott - wie Leibniz anscheinend gemeint hat - dazu aus sozusagen himmelsmathematischen Gründen genötigt? Wer will, mag diese Idee als Unbegriff verwerfen und mit Voltaires Candide grimmig auslachen.

Bescheidener ist die Vorstellung eines für dich besseren Lebenslaufs. Durch inständiges Bitten kannst du an ihm mitwirken. Bestürme, mit oder ohne Kerze vor dem Marienbild in der Kirche, die allherrschende GÜTE mit deinem ehrlichen Wunsch und mach dich dann, unverkrampft und heiteren Herzens, an die notwendigen Schritte zum Ziel. Du wirst es erreichen. Oder ein besseres. Ist das nicht schön?


Zum Weiterdenken:

Novizinnen: Dennoch sollte ihre Oberin diesen Vers nicht aus dem Brevier streichen. Auch ihr Heilsglaube ist eine aus dunklem Wurzelboden gewachsene Frucht. Besser verdrängen sie die eigenen Haßgefühle nicht, sondern lassen sie in solchen alten Gebetsworten bewußt werden, um dann mit Jesu Geist nein! zu ihnen zu sagen. Besser kurz verwirrt die Füße - rein geistig, versteht sich - im Blut dieser gräßlichen Mitschwester Adelgunde baden, um die dann, erlöst, dankbar als Mit-Glied am auferstandenen Leib des gemeinsamen Herrn anzunehmen, als jahrelang in nie getrübter Scheinfreundlichkeit voll bitteren Grolls gegen die Rivalin zu schmoren. Her mit jener spitzen Schere!

Herzenswunsch: Teresa von Avila ermuntert ihre Karmelitinnen: "Großes Vertrauen haben, denn es ist sehr wichtig, die Wünsche nicht zu verkleinern [conviene mucho no apocar los deseos], sondern von Gott zu glauben, daß wir, wenn wir uns bemühen, nach und nach, wenn auch nicht gleich, dasselbe erreichen können wie viele Heilige dank seiner Gunst; hätten sie sich nie entschlossen, es zu wünschen und nach und nach ins Werk zu setzen, wären sie nicht zu so hohem Stand aufgestiegen." [Vida 13,2]


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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