Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

LIEBE will nicht klein machen

Gedanken zum vierten Sonntag im Jahreskreis


*

Machen die Lesungen uns klein?

I. Berufung des Jeremia

Auch wir sind von Anfang an gerufen

Ohne Liebe nichts - was heißt das?

Weltliche Größe ist, weil virtuell, nichts

II. Jesus macht nicht klein

sondern macht die Seinen zu sich

Klein vor Christus, in ihm groß

*

Machen die Lesungen uns klein?

Es kommt darauf an, wie man liest. Falsch gelesen, machen die heutigen Lesungen uns klein. Neben Jesus, dem einzigen Gottessohn, sind wir das sowieso; aber auch der Prophet Jeremia überragt riesenhaft die gewöhnlichen Menschen. "Zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt", so hat er das Wort des Herrn damals vernommen und so wird es nach über zweieinhalb Jahrtausenden immer noch vorgelesen. Verglichen mit diesen beiden - wer sind da wir? Bescheiden wir uns?

I. Berufung des Jeremia

Langsam. Man kann das erste Jeremia-Kapitel auch anders lesen. Vor allem, wenn man mitliest, was die liturgische Kommission weggekürzt hat:

"Das Wort des Herrn erging an mich: Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt. Da sagte ich: Ach, mein Gott und Herr, ich kann doch nicht reden, ich bin ja noch so jung. Aber der Herr erwiderte mir: Sag nicht: Ich bin noch so jung. Wohin ich dich auch sende, dahin sollst du gehen, und was ich dir auftrage, das sollst du verkünden. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin mit dir um dich zu retten - Spruch des Herrn. Dann streckte der Herr seine Hand aus, berührte meinen Mund und sagte zu mir: Hiermit lege ich meine Worte in deinen Mund."

Auch wir sind von Anfang an gerufen

Ist nicht jede und jeder von uns einmal im Mutterleib geformt worden? Von Demselben, dessen Wort weiter gilt und dessen Freundlichkeit heute wie damals die Seinen "heiligt noch ehe sie aus dem Mutterschoß hervorkommen" Sollte dies also eine ungetaufte Person lesen - oder eine, der ein Kind ungetauft gestorben ist - dann schöpfe sie Hoffnung. Die Taufe ist zwar ein wunderbares Zeichen, sie bedeutet und bewirkt die Aufnahme ins Gottesreich. Weil solche Aufnahme aber, wenngleich in der Zeit, so doch für die Zeit als ganze geschieht, deshalb hat Jeremia Gottes Wort nicht mißverstanden, als er von seiner Heiligung schon im Mutterschoß vernahm. Die Wirkung der Taufe - oder der ersten Tat echter Liebe oder, spätestens, einer Bekehrung im Tode - betrifft dank Gottes überströmender Gnade die ganze Zeit eines Menschen, reicht zurück bis in seinen Anfang.

Ohne Liebe nichts - was heißt das?

"Hätte ich die Liebe nicht, wäre ich nichts," bekennt Paulus im "Hohen Lied der Liebe". Warum ist das so? Weil "zu sein" für ein Geschöpf nichts anderes ist als, auf begrenzte Weise, Anteil an Gott zu haben, dem unbegrenzten SEIN. Gott aber ist die LIEBE, also können auch wir Menschen im höchsten Sinn nicht SEIN ohne zu lieben. Lieblos wären wir nichts. Klarer machen kann man sich das so: Nichts liegt dann vor, wenn einer niederen Seinsweise die nächsthöhere fehlt. Z.B. ist das braune Huhn hier vor der Tastatur: nichts, weil bloß Sosein ohne Dasein. Seinem Sosein fehlt nichts, es soll - virtuell in meiner Vorstellung - ein Huhn mit allem sein, was zu dessen Wesen gehört. Bloß: dasein tut es nicht, ist also im Sinn der Teilhabeweise Dasein: nichts. So wäre ein Mensch, der die Liebe nicht hätte, zwar als Dasein real, aber im Sinn der (höheren) Teilhabeweise "Jasein": nichts.

Weltliche Größe ist, weil virtuell, nichts

Auch von Gott (wenngleich "per impossibile") stimmt jener Satz. Ein Gott, der die Liebe nicht hätte, wäre nichts. Anders gesagt: "Entweder ist Gott gut, oder es gibt ihn nicht." Deshalb sind nicht nur große Gestalten wie Jeremia erwählt und geheiligt sondern - weil die Liebe niemanden ausschließt - auf je andere Weise wir alle. Die Frage ist nur, ob auch wir unsere tatsächliche Berufung so mutig wie er wahrnehmen und erfüllen. Wenn die uns aber weder das Bundesverdienstkreuz noch einen Fernsehauftritt einträgt? Das ist ebenso blöd gefragt wie wenn ich erwäge, ob das Huhn vor mir nicht lieber ein Pfau sein sollte.

Oder mich ärgere, weil ich mich letzte Nacht als entlassene Wurstverkäuferin statt als erfolgreichen Bundeskanzler - geträumt habe. Auch Geträumtes ist ja eine Weise virtueller Realität. Mit ihrer lächerlichen Nichtigkeit vergleicht die Bibel die Erfolge jener Bösen, auf die ein gläubiges Herz immer wieder beinahe neidisch wird:
“Sie leiden ja keine Qualen, ihr Leib ist gesund und wohlgenährt.
Sie kennen nicht die Mühsal der Sterblichen, sind nicht geplagt wie andere Menschen.
Darum ist Hochmut ihr Halsschmuck, wie ein Gewand umhüllt sie Gewalttat.
Sie sehen kaum aus den Augen vor Fett, ihr Herz läuft über von bösen Plänen.
Sie höhnen, und was sie sagen, ist schlecht; sie sind falsch und reden von oben herab.
Sie reißen ihr Maul bis zum Himmel auf und lassen auf Erden ihrer Zunge freien Lauf ...
Da sann ich nach, um das zu begreifen; es war eine Qual für mich,
bis ich dann eintrat ins Heiligtum Gottes und begriff, wie sie enden.
Ja, du stellst sie auf schlüpfrigen Grund, du stürzt sie in Täuschung und Trug.
Sie werden plötzlich zunichte, werden dahingerafft und nehmen ein schreckliches Ende,
wie einen Traum beim Erwachen, o Herr,
verachtest du, wenn du aufstehst, ihr Schattenbild“
(Ps 73,4-9;16-20).

Huhn und Pfau auf dem Schreibtisch, geträumte Arbeitslose und Politprominenz - so verschieden sie aussehen, sind sie doch allesamt, weil nicht da, gleich nichtig. Ebenso sind, wenn sie nicht lieben, der berühmteste Star und der größte Feldherr aller Zeiten doch in der Seinsweise vor Gott, auf die allein es ankommt: nichts. Wogegen die Mutter, die sich seufzend aufrappelt, um mit "Ist schon Alles gut" ihr weinendes Kind zu trösten, diesen Augenblick fürs Ewige Leben voll verwirklicht hat.

II. Jesus macht nicht klein

Wenden wir uns jetzt von Jeremia zu Jesus. Müssen wir uns, an ihn denkend, nicht überaus klein vorkommen? Einerseits ja. Daran zweifelt nicht, wer die eigene Lauheit neben die strahlende Menschlichkeit hält, die uns aus den Evangelien entgegenleuchtet. Anderseits ist alles aber ganz anders. "Es ist sehr wichtig, die Wünsche nicht zu verkleinern," mahnt die große heilige Teresa. Folgen wir denn ihrem Rat.

Sondern er macht die Seinen zu sich

Die meisten Leser sind vermutlich getauft. Ihnen setze ich etwas vom Schönsten hierher, was meiner Kenntnis nach im vergangenen Jahrhundert über die Wirkung der Taufe geschrieben worden ist. 1925 veröffentlichte der schlesische Priester Joseph Wittig sein Buch "Leben Jesu in Palästina, Schlesien und anderswo". Es wurde relativ sofort von der Kirche verboten, warum genau, weiß bis heute niemand. 1926 wurde der Verfasser exkommuniziert, erst nach zwanzig Jahren, drei vor seinem Tod, hat die Kirche sich mit ihm wieder versöhnt. Wittig schreibt:

Dasselbe Heilige, das in der Jungfrau Maria Fleisch und Gestalt annahm, nimmt bei der Taufe des Grafschafter Jungen nicht bloß Fleisch an, sondern nimmt gleich den ganzen Jungen und will wirklich, daß dieser Junge genauso werde, wie Jesus selber war, ein rechtmäßiges Kind Gottes, ein heiliger Mann, ein Erbe des Reiches David in Ewigkeit, das heißt: des Himmelreiches. ... Darum soll niemand schreien: "Da ist doch noch ein großer Unterschied!" Es ist ein Unglück, daß wir immer erst den Unterschied ansehen und darüber ganz die Gleichheit vergessen.

Da hat es ein Grafschafter Bettler besser gemacht, der ungefähr alle Vierteljahre einmal in unser Häuslein kam, aber vor der Stubentür stehenblieb und, ohne anzuklopfen, zu beten begann: "Vater unser, der du bist in den Himmeln ..." Wenn dann die Mutter mit einem Schüsselchen Mehlsuppe oder einer Schnitte Brot hinausging, sagte er: "Der himmlische Vater gibt's euch wieder." Wenn ihn aber jemand fragte: "Wer sind Sie denn?", dann antwortete er: "Ich bin der Sohn Gottes." Das wußten aber schon alle, und wenn dann einer sagte: "Ich denke, Sie sind der Beiernaz aus den Falkenbergen", dann erklärte er demütig: "Das bin ich einmal gewesen. Aber als ich getauft wurde, siehe, da kam eine Stimme vom Himmel und sprach: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe." ...

Wie ihn der Vater gesandt mit aller Gewalt im Himmel und auf Erden, so sandte er sie - so sandte er uns. Und er sprach nicht: "Etwa so" oder "ungefähr so, wie mich der Vater gesandt, so sende ich euch", sondern ohne Abstrich und ohne Einschränkung, nicht wie im Gleichnis, sondern wie eine Gleichung sprach er: "Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch", lauter Christus, gewachsen an dem einen Ährenhalm, der nun die Körnlein verstreut in alle Welt.

Klein vor Christus, in ihm groß

Die folgenden Sätze verdanke ich der Rückmeldung einer Leserin, einer Blinden! Was Christa Bing schreibt, drückt die Doppelwahrheit "Klein vor Christus, in ihm groß" so anrührend aus, daß es außer Ihrem AMEN nichts mehr braucht:

Immer wieder erfahre ich mich als schwach, nachlässig, feige ... Immer wieder muss ich mich bekehren. Schaue ich auf meine Beweggründe, auch bei den besten Taten, die ich irgend wann getan habe, sind auch unlautere Absichten darin. Es tröstet mich gar nicht, wenn einer sagt, das sei nicht so schlimm. Auch das menschliche Miteinander ist ja ebenfalls von diesen Halbheiten mitgeprägt. Da fand ich "den Weg", der es mir ermöglicht, trotz Schlagseite weiterzugehen. Wenn Christus mein Tun heiligt, wenn er ergänzt, wenn er mir Anteil gibt an seinem Leben, seiner Kraft - und das will er ja - wenn er das wenige, was ich tue segnet und mehrt, so dass es mehr als genug ist (Brotvermehrung), dann habe ich keinen Grund, zu resignieren. Im Gegenteil, ich kann meinen Teil daran mitarbeiten. Das Ergebnis ist immer seines und meines zugleich. Wenn es heißt: "Wer den Willen meines Vaters tut, ist mir Bruder, Schwester und Mutter", dann nimmt er auch aus uns Fleisch und Blut an, um seine Liebe erfahrbar zu machen.


Zum Weiterdenken:

Teresa schreibt: "Großes Vertrauen haben, denn es ist sehr wichtig, die Wünsche nicht zu verkleinern [conviene mucho no apocar los deseos], sondern von Gott zu glauben, daß wir, wenn wir uns bemühen, nach und nach, wenn auch nicht gleich, dasselbe erreichen können wie viele Heilige dank seiner Gunst; hätten sie sich nie entschlossen, es zu wünschen und nach und nach ins Werk zu setzen, wären sie nicht zu so hohem Stand aufgestiegen." [Vida 13,2]

Zur Wirkung der Taufe noch ein packendes Zitat, diesmal aus den Dreißigern: Erinnerung ist Er-Innerung. Was früher äußeres Leben war, ward inneres Leben und damit Leben in unserem Leben, Leben von unserem Leben. Gerade weil es aus dem Außen entschwand, lebt es stärker in unserm Innen. Gerade weil es nicht mehr der Welt angehört, ward es innerlich Blut von unserm Blut. Aber in der Erinnerung, um die es im Kirchenjahr geht, ist die Bewegung gerade umgekehrt. Nicht wir nehmen ein äußeres Leben Gottes in unser Innen, sondern Gottes Leben nimmt uns immer mehr in Sein Innen. Es heißt darum im Galaterbrief: "Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir". Christus lebt in mir, weil ich Glied Seines Leibes ward, Atem Seines Atems, Herzschlag Seines Herzschlags, Leben von Seinem Leben. Darum ist der Sinn der Taufe das Untertauchen und Wiederauftauchen, Untergang und Aufgang, Tod und Auferstehung. Der Mensch des Ich taucht unter, geht unter, stirbt. Das Glied des Leibes Christi taucht auf, geht auf, aufersteht. Christ sein heißt Christo gehören, wie Hand und Fuß und Auge und Ohr zum Leib gehören, und darum Christi Namen tragen. [Erich Przywara SJ, Christliche Existenz (Leipzig 1934), 110 f]

Joseph Wittig: Seine Texte finden sich im hochinstruktiven Buch von Thomas Ruster: "Die verlorene Nützlichkeit der Religion. Katholizismus und Moderne in der Weimarer Republik" (Paderborn &c. 1994), 215. In Anm. 141 verteidigt der Verfasser Wittig auf kühne Weise gegen den damaligen Vorwurf, er habe die Unterschiedenheit von Gott und Geschöpf verwischt: "Für Wittig liegt die Einzigkeit Gottes in seiner Liebe begründet, die die ‚einzigartige' Größe hat, die Menschen an ihr teilhaben zu lassen und sie zur Freiheit und Ebenbürtigkeit zu berufen - eine Liebe, die sich die restlose Selbstpreisgabe leisten kann. Darin sind Gott und Geschöpf unterschieden." Wunderbar gesagt! Laßt diese Buchecker zur Buche wachsen, in ihrem Schatten können die Christen von morgen tanzen und ihren Freunden von diesem Gott erzählen.

Jasein: Dieser Begriff war mein erster Beitrag zur kirchlichen Denksprache.

Entweder ist Gott gut, oder es gibt ihn nicht, sah vor dreihundert Jahren der geistreiche Earl of Shaftesbury ein.

Kurzfassung der Predigt


Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar, jetzt samt Nachtrag Mai 2006.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/bin-sohn.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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