Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Wir alle sind unterwegs zur Heimkehr in Freude

Gedanken zum zweiten Adventssonntag


"Leg ab, Jerusalem, das Kleid deiner Trauer und deines Elends, und bekleide dich mit dem Schmuck der Herrlichkeit, die Gott dir für immer verleiht. Leg den Mantel der göttlichen Gerechtigkeit an; setz dir die Krone der Herrlichkeit des Ewigen aufs Haupt! Denn Gott will deinen Glanz dem ganzen Erdkreis unter dem Himmel zeigen. Gott gibt dir für immer den Namen: Friede der Gerechtigkeit und Herrlichkeit der Gottesfurcht. Steh auf, Jerusalem, und steig auf die Höhe! Schau nach Osten, und sieh deine Kinder: Vom Untergang der Sonne bis zum Aufgang hat das Wort des Heiligen sie gesammelt. Sie freuen sich, daß Gott an sie gedacht hat. Denn zu Fuß zogen sie fort von dir, weggetrieben von Feinden; Gott aber bringt sie heim zu dir, ehrenvoll getragen wie in einer königlichen Sänfte. Denn Gott hat befohlen: Senken sollen sich alle hohen Berge und die ewigen Hügel, und heben sollen sich die Täler zu ebenem Land, so daß Israel unter der Herrlichkeit Gottes sicher dahinziehen kann. Wälder und duftende Bäume aller Art spenden Israel Schatten auf Gottes Geheiß. Denn Gott führt Israel heim in Freude, im Licht seiner Herrlichkeit; Erbarmen und Gerechtigkeit kommen von ihm."(Bar 5,1-9)

Wahrscheinlich im 2. Jahrhundert vor Christus wurden diese Sätze geschrieben, als Trost für die Juden, die an vielen Orten in der Fremde lebten, weit weg von ihrem Land und ihrer geliebten Stadt Jerusalem. Was fangen wir mit solchen Sätzen an? Seit über zweitausend Jahren ist diese Erwartung wieder und wieder enttäuscht worden. Und selbst die heutigen Juden, die tatsächlich in Jerusalem wohnen: haben sie nicht eher Grund zur Sorge als zum Jubeln? Wer fährt dort gern in einem Bus? Und schließlich sind die allermeisten Christen, die auf dem katholischen Erdkreis heute diese Worte vernehmen, selbst ja keine Juden. Was ist ihnen Jerusalem?

Zwei Abwandlungen braucht es, damit dieses Zukunftsbild uns etwas bedeutet: eine Ausweitung und einen Richtungswechsel.

Ausweitung der Vision auf Christen und alle Menschen

"Baruch" wendet sich nur an seine Mitjuden. Die Völker stehen nicht vor seinem Blick. Sagt er "Jerusalem", so meint er die reale Stadt dieses Namens. Für Christen wird sie zum Symbol von etwas Größerem, ja Grenzenlosem: der Neuen Stadt Gottes, wie sie im letzten Buch der Bibel verheißen wird: "Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat ... Die Mauer der Stadt hat zwölf Grundsteine; auf ihnen stehen die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes ... Und man wird die Pracht und die Kostbarkeiten der Völker in die Stadt bringen" (Offb 21,1-26)

Die Braut Zion weitet sich zur Kirche, die sich ja zu Christus verhält wie eine Frau zu ihrem Mann (Eph 5,32). Damit aber nicht genug. Zuletzt weitet sich auch die reale Kirche: zur unabsehbaren Gemeinschaft aller Kinder Gottes: nur deshalb kann man DANN "die Kostbarkeiten der Völker in die Stadt bringen", weil die während der geschichtlichen Zeit noch nicht zur Kirche gehören.

So überzeugt wir unsere Erlösungsbotschaft allen verkünden, so klar ist uns doch bewußt, daß die kirchliche Mission niemals alle innerhalb des kirchlichen Pferchs versammeln wird. Weder der Oberrabbiner von Jerusalem noch der Dalai Lama, weder ein Großmufti in Mekka noch die Vorsitzende der deutschen Humanistischen Union wird sich - während der Amtszeit - je zum Katholizismus bekennen. Nicht in die irdisch notwendig abgegrenzte Kirche werden aller Völker Schätze gebracht sondern DANN in die Neue Stadt der ganzen erlösten Menschheit, ihrer sind Jerusalem und die Kirche nicht schon die ganze Wirklichkeit, wohl Vorzeichen und Sakrament.

Richtungswechsel weg von der äußeren Zeit

In den fast 22 Jahrhunderten seit der Baruch-Vision hat sie sich nie erfüllt. Können wir da realistischerweise weiter unverdrossen nach vorn schauen und zuversichtlich damit rechnen, irgendwann werde diese Erfüllung schon passieren? Nicht in der Kalender-Zeit, meine ich. Da steht der Menschheit allerhand bevor, aber kein triumphierendes Friedensreich. Wohin soll unsere Hoffnung aber sonst schauen, gibt es außer entlang der Uhren- und Kalenderzeit noch eine andere Zukunft?

Dem Glauben ja. Ihm öffnet sich innerhalb jeden Augenblicks die unergründliche Tiefe, himmlische Höhe, schrankenlose Weite der Ewigkeit. Eben das, was du jetzt bist, tust, fühlst, verwandelt sich unmittelbar aus dem isolierten Raum-Zeit-Geschehen, als das es dir vorkommt, in einen winzigen aber gültigen Lebensvollzug des einen gottmenschlichen Sinnleibes, der nie stirbt. Zupf ein Haar aus und spüre: auch dieser so unscheinbare Haaransatz bin wahrhaft ICH, dieselbe Person, die seit so vielen Jahren in den verschiedensten Erlebnissen sich selbst erst wahrnimmt dann erinnert. Als dieser Molekülverbund ist das Haar wenig, unwichtig, als ICH war es soeben ein lebendiges Mit-Glied meiner selbst.

Jetzt verstehen wir die Lesung besser. Jeder Mensch aller Zeiten ist ein Mit-Glied des einen gottmenschlichen SINNes, dessen ICH-Person auf Erden Jesus heißt. Sie alle "freuen sich, daß Gott an sie gedacht hat. Denn zu Fuß zogen sie fort von dir, weggetrieben von Feinden; Gott aber bringt sie heim zu dir, ehrenvoll getragen wie in einer königlichen Sänfte." Nicht von Nachfahren der einst Vertriebenen ist die Rede, wie ein oberflächlich-historisches Verständnis vermutet. Nein: Sie selber, diese Unglücklichen, Frauen, Männer, Kinder, die damals oder irgendwann, auch heute in Afrika oder sonstwo gepeinigt und mißachtet werden, sie selber, und dabei, so laßt uns vertrauen, auch du und ich, wir alle kommen heim. Dann? Nein, DANN, das heißt jeweils jetzt aber ohne den isolierenden Weltzeitnebel vielmehr JETZT im Licht des schattenlosen, nie zwinkernden SELBST.

"Denkt um!" ruft der Täufer Johannes auch uns im heutigen Evangelium zu. Wechselt die Richtung eurer Selbstverständlichkeiten, wie jenes Haar tat, als es sich von seiner nichtigen Vergänglichkeit losriß und selig merkte: Hei, auch ich bin ja ICH - wovor sollt' ich mich fürchten? Mag sein, auch an es "ergeht der Ruf Gottes", der uns losschickt, unsere kleinmütigen oder hochmütigen Nächsten zum selben Umdenken aufzurütteln: Auch das seidigste, goldenste Haar ist nicht mehr, auch das mickrigste nicht weniger als ICH! Auf diese Würde kommt es an, sie wird symbolisiert von der uns versprochenen "Krone der Herrlichkeit des Ewigen". Ja, "Großes hat der Herr an uns getan, des sind wir fröhlich."



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Eine ausführlichere Fassung dieser Predigt

Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/baruch-kurz.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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