Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb

Im Rhythmus von Gnade und Tat

Gedanken zum neunten Sonntag im Jahreskreis


Lesungen und Evangelium dieses Sonntags sind sorgfältig zusammengestellt. In der ersten Lesung spricht Mose zum Volk Israel: Segen empfängt, wer auf Gottes Gebote hört; Fluch, wer von Gottes Weg abweicht. Denselben scharfen Gegensatz drückt Jesus im Schluß der Bergpredigt aus: Wer seine Worte befolgt, baut sein Haus auf Stein, wer sie nicht befolgt, baut auf Sand, sein Haus stürzt ein. Zwischen beiden Texten vernehmen wir scheinbar das Gegenteil. Paulus schreibt an die Gemeinde in Rom, "daß der Mensch durch Glauben gerecht wird, unabhängig von Werken des Gesetzes".

Worauf kommt es denn nun an, fragen wir: was jemand tut - wie Mose und Jesus betonen - oder ob er von Herzen an Gottes rechtfertigende Gnade glaubt - weil wir zur Erfüllung des übermenschlich schweren Gesetzes vollkommener Liebe einfach zu schwach sind? Bekanntlich verläuft hier eine immer noch wirksame Trennlinie zwischen evangelischen und katholischen Christen. War Paulus vom auferstandenen Christus derart geblendet, daß er dem, was Jesus lehrte, glatt widersprach? Müssen wir gar dem klugen Juden zustimmen, der das Judentum und den Juden Jesus auf der einen Seite der Kluft erblickt, Paulus als Begründer des Christentums auf der anderen? Martin Buber schreibt ("Zwei Glaubensweisen", Nr. 6): "Hier steht nicht bloß der alttestamentliche Glaube und mit ihm der lebendige Glaube des nachbiblischen Judentums Paulus entgegen, sondern auch der Jesus der Bergpredigt."

Müssen wir wählen zwischen Gnade und Tat? Vom Tenor Leo Slezak wird berichtet, er habe einmal nach dem Studium der Speisekarte dem Kellner nur ein Wort gesagt: Einverstanden. Wem dieser Vergleich zu banal erscheint, halte sich an den Begründer der Gestalttherapie. "Das ist nicht das Herz", sagt Fritz Perls, und macht die Faust. "Das ist nicht das Herz", hält er die offene Hand hin. "Das ist das Herz", macht er seine Hand rhythmisch auf und zu. Ein packendes Symbol! Was Katholiken und Evangelische unterscheidet oder - laut Buber - jüdischen und christlichen Glauben, ist nicht Wahrheit hier und Irrtum dort, vielmehr betonen beim seelischen Heilsrhythmus theoretisch die einen mehr diesen, die anderen jenen Takt, gelebt aber wird jeweils auf beiden Seiten der ganze Rhythmus mit all seinen Takten. Anders kann ein Mensch nicht in der Wahrheit sein.

Tiefster Grund dafür ist, daß Gott selbst in drei-einiger Spannung schwingt. Nie nennt Christus sich den wahren Standpunkt. Sondern den Weg, die Wahrheit und das Leben. Sag mal, wie gehst du eigentlich, mit dem rechten oder dem linken Bein? Idiotische Frage. Auch Gottes Wort ergeht an uns, begleitet uns unterwegs. "Dein Wort ist eine Leuchte meinem Fuß", hat auch Jesus gebetet (Ps 119,105) - es weist uns aber keinen ideologischen Standpunkt an, sondern zeigt, wohin der Fuß jeweils treten kann.

Jetzt heißt es präzise denken. Gibt es nicht Treue und Festigkeit? Aber ja! Ich bete, daß ich meiner Frau wie meiner Kirche immer treu bleibe, und rechne nicht damit, diese Beziehung sei irgendwann nicht mehr wahr. Fern von Abgrund und Sumpf halte sich mein Schritt. "Zwiespältige Menschen sind mir verhaßt", heißt es im selben Psalm (119,113).

Zweierlei ist zu unterscheiden: Beim Mitleben der drei-einigen göttlichen Sinnpole selbst darf es keinen festen Standpunkt geben. Sobald einer davon sich ideologisch als die Wahrheit in einem Gemüt festsetzt, verkehrt Gotteslicht sich zu teuflischer Lüge. Unsere totale Abhängigkeit von DIR, Gott; das göttlich freie ICH in jedem der Glieder des Einziggeborenen; die unbedingte Geborgenheit von uns Embryonen im EINS der absoluten Huld: alle drei Sinnweisen sind an sich nur ineinander wahr, für uns aber, was also ihre Projektion in eine Gestalt unseres endlichen Bewußtseins angeht, kann jeweils nur eine "dran" sein und ausdrücklich erlebt werden. Hier darf es deshalb keinen Dauer-Standpunkt geben, hier heißt es gehen. Wenn eine innere Stimme uns bei dieser Frage auf einen bestimmten Standpunkt festlegen will, dann ist es keine gute. Ein begnadeter Experte des Willens Gottes war Ignatius von Loyola. In einem seiner ersten erhaltenen Briefe (v. 18. Juni 1536) schreibt er, wie dialektisch er mit dem Teufel umspringt: "Stellt er mir die Gerechtigkeit vor Augen, dann ich das Erbarmen; wenn er Erbarmen ist, dann sage ich dagegen die Gerechtigkeit So tut es not, daß wir gehen, damit wir nicht verwirrt werden, so daß der Spötter den Spott habe."

Sofern eine irdische Sinnform Symbol nur eines göttlichen Sinnpols ist und die anderen jetzt ausschließt, darf sie also nur unserem balancierenden Glauben kurzer Trittpunkt sein, kein Standpunkt zum Verweilen. Anders, wofern eine irdische Sinnform mir vom Schöpfer als mein Ort in der Welt angewiesen ist. An ihm darf und soll ich stehen. "Hier stehe ich, ich kann nicht anders" - Zeugnisse wie Luthers legendärer Satz vor dem Reichstag haben insofern ihr Recht. Petrus der Fels bietet dem Katholiken einen sicheren Standpunkt - der ihn nicht von der Pflicht zur Unterscheidung der Geister entbindet; nur fünf Verse nach der Grundstein-Verheißung vergleicht (Mt 16,23) derselbe Jesus denselben Petrus mit einem ganz anderen: einem Stolper-Stein! Das heißt "skándalon" wörtlich. Tiefe Krisen, da ein bisheriger Grundstein sich jemandem mehr und mehr als Stolperstein zeigt (oder umgekehrt: das erleben die Konvertiten), sind jedoch nicht die Regel. Normalerweise wird ein Mensch zu einer insgesamt klaren Glaubensweise berufen - das kann auch sokratisches Nichtwissen sein! - und darf innerhalb ihrer Grenzen seinen lebendigen Wahrheitsweg gehen, auf dem ihm in einmaliger Verknüpfung dieselben göttlichen Sinnpole immer wieder anders bewußt werden.

Wenden wir uns nun wieder den Lesungen des heutigen Sonntags zu. Mose und Jesus betonen die Wichtigkeit des Tuns; Paulus sagt, daß nicht die Werke es machen sondern der Glaube. Wären das Standpunkte, so ließe ihr Widerspruch sich nicht lösen. Es sind aber Takte unseres göttlichen Rhythmus, Trittpunkte der balancierenden Seele. Zu Beginn und am Ende des Rhythmus gilt - in jedem Augenblick wie beim ganzen Leben - die ebenso unverdiente wie unbedingte Gnade. Ein Embryo ist reines Empfangen, mit leeren Händen liegt der Greis im Sterben. Was Paulus und Augustinus meinten, haben vor bald vierzig Jahren Protestanten wie Katholiken in dem evangelischen Lied gesungen: "Weil Du Ja zu mir sagst und mich nicht nach gestern fragst ..." Anfang (EINS vorher) und Ende (EINS nachher) sind aber nicht alles, dazwischen liegt der Rhythmus unseres Tuns. Da heißt es nach Gottes Willen fragen (DU vorher), sich selbst entwerfen (ICH vorher), sich zu etwas Bestimmtem entschließen (Mitte), den Entschluß verwirklichen (ICH nachher) und vor Gottes Urteil verantworten (DU nachher). Denn der Schöpfer will uns als seine Hände brauchen.

Es gilt zwischen waagrechter und senkrechter Zeit zu unterscheiden. Auf der horizontalen Zeitstrecke wird jeder Augenblick neu aus Gott geboren und mündet in Gott. Da fragt die bedingungslose LIEBE mich heute nicht nach gestern. Evangelisch heißt diese EINS-Wahrheit Rechtfertigung aus Glauben allein, katholisch finde ich mich zuerst im Schoß und auf dem Arm der Madonna geborgen, zuletzt ruhe ich aus bei der mütterlichen Pietà. Denn Jesu Mutter gilt uns als lebendige Ikone der ewigen Heiligen Geist-Liebe.

Daß mit dieser unbedingten Liebe eine andere, die kritisch fordernde bedingte Liebe vereinbar ist, erfährt in der gesunden Familie jedes Kind. Es fühlt sich unbedingt angenommen und dennoch - oder gerade deshalb - zu eigener Leistung aufgerufen und, bleibt die aus, deutlich kritisiert. Auch DU bist nicht nachtragend, fragst mich im irdischen Heute nicht nach gestern, wohl aber gehört zur ewigen Bedeutsamkeit eines jeden Jetzt nicht nur sein Anfangs- und End-Takt im reinen EINS sondern auch, dazwischen, die Du- und Ich-Takte mit ihrer je besonderen Liebes-Färbung. In beiden Sinnweisen werde ich auf der vertikalen Zeitachse DANN=HEUTE sehr wohl gefragt, wie ich sie gelebt habe, muß mich beim Jüngsten Gericht (das heißt: je JETZT!) vor DIR, Gott, verantworten und vor MIR, nämlich vor Christus meinem wahren Selbst und besseren Ich.

"Denn einen anderen Grundstein kann keiner legen als den, der gelegt ist: Und der ist Jesus der Messias. Wenn aber einer auf dem Grundstein baut mit Gold, Silber, wertvollen Steinen, Hölzern, Halm, Rohr - eines jeden Werk wird zum Vorschein kommen. Denn jener Tag wird es weisen, weil es im Feuer sich enthüllt. Und wie eines jeden Werk beschaffen ist - das Feuer wird es prüfen. Wessen Werk - das er aufgebaut - bestehen bleibt, der wird Lohn empfangen. Wessen Werk verbrennt, der wird es zu büßen haben. Er selber aber wird gerettet - doch so wie durch Feuer." Das hat kein anderer geschrieben als - Paulus (1 Kor 3,11-15), der somit nicht nur gut evangelisch gedacht hat sondern auch gut jüdisch und katholisch.

Laßt uns denn nicht aus Werken leben sondern aus dem Glauben, aber nicht bloß untätig bequeme Brustkinder bleiben sondern nach Kräften Taten mündiger Liebe tun, ohne freilich zuletzt auf irgendein Werk zu vertrauen vielmehr allein auf Deine verzeihend-bergende Güte, in die wir zurücksinken werden samt all unserem zeitlichen Tun, das DANN dem unzerstörbaren Haus Deiner Neuen Erde hoffentlich nicht zur Schande gereichen möge sondern zu Deiner und Deiner Kinder Freude ohne Ende


Zum Weiterdenken:

"Zwiespältige Menschen sind mir verhaßt": Gegenpol dieses Schriftwortes ist mir das andere von "Gottes vielbunter Weisheit" (Eph 3,10). Als Balance beider Wahrheiten läßt die Problematik Pluralismus/Fundamentalismus sich geistlich bewältigen. Was den eigenen Glaubens-Ausdruck betrifft, gilt jeweils eine bestimmte Farbe; wer sich hier nicht festlegen wollte - und sei es auf ökumenisches Weiß - wäre in der Gefahr sinnloser Zwiespältigkeit. Was jedoch das Vernehmen der Wirklichkeit angeht, ist die gottgewollte Buntheit anzuerkennen; der fundamentalistische Fehlschluß (weil ich es zu Recht so sehe, ist es wahr, also müssen alle, auch du, es ebenso sehen) gehört ausdrücklich, auch öffentlich, verworfen. Ein schönes Gleichnis ist das Sinfoniekonzert: Das bestimmte Tönen der Klarinette hier, Viola dort, widerspricht nicht dem von jedem Musiker vernommenen Stereo-Gesamtklang, wird von ihm gerade verlangt!

Balancierender Glaube war der Titel eines CiG-Artikels 1982.

Ort in der Welt: Einen solchen braucht der Mensch, behaupte ich 1980 in der Zürcher Zeitschrift "Orientierung".

"Die Konvertiten" heißt ein anregendes neues Buch von Christian Heidrich. Meine Besprechung in der Nürnberger Zeitung.


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Das Buch (94 Seiten, Nürnberg 1996, ISBN: 3-923733-21-6, Preis: 10 Euro) ist über jede Buchhandlung lieferbar oder auch - schneller - vom Autor.

Unser göttlicher Rhythmus wird auf den Seiten 65-73 dargestellt. Drei gegensätzliche Sinn-Takte vor der Gott-menschlichen Freiheitsmitte und drei nach ihr: dies scheint mir eine gültige Ausprägung christlicher, weil trinitarisch-inkarnatorischer Philosophie, auch ökumenischer; denn zu jeder der großen Glaubensweisen enthält sie einen Brückenpfeiler.

Beim Jüngsten Gericht

Freude ohne Ende: Das Fehlen des Punktes ist gewollt. "Wer einen Punkt macht, lügt auch schon," übertrieb unser römischer Spiritual Wilhelm Klein. Erst recht, wenn Thema der Aussage die Ewigkeit ist!


Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/balance.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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